• vom 15.12.2018, 10:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Pop

Alben aus Österreich zwischen Demut und Anmaßung




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Von Bruno Jaschke

  • Das ausklingende (Pop-)Jahr 2018 mit Ernst Molden und das Frauenorchester, Martin Klein, Stefan Sterzinger und Gutlauninger.

Ernst Molden mit seinem Frauenorchester.

Ernst Molden mit seinem Frauenorchester.© Daniela Matejschek Ernst Molden mit seinem Frauenorchester.© Daniela Matejschek

Dieses Jahr bürdet uns Pop-Schreibern der "Wiener Zeitung" für die Wahl der Jahresbesten besonders schwere Entscheidungen auf: Nicht nur die globale Liste wird da Gewissenskonflikte hervorrufen, sondern - mehr noch - die mannigfaltige Auswahl der besten Werke made in A. Keine Frage, 2018 waren vor allem die Leithammeln unter den Acts gefordert, der in alle Richtungen metastierenden Szene eine gewisse Rahmung zu geben.

Ernst Molden tut das, nach Marketing-Logik, seit jeher in inflationärer Häufigkeit. Gleich zwei Alben hat er heuer herausgebracht. Das erste, "Hurra" (bereits im Juni erschienen), reiht sich ein in die Riege der wienerischen Adaptionen angloamerikanischer Rock-, Pop-, Blues-, Folk- und Country-Preziosen, die Molden mit den Alben "Foan" (2008) und "Weida Foan" (2011) angefangen hat.

Der leise Unterschied ist, dass Molden sich hier - von zwei Songs der kontemporären Bluegrass-Interpretin Gillian Welch und Sigi Marons "A Nacht laung auf da Autobahn" abgesehen - zeitlich weit zurückgezogen und sich vor allem in das Werk Woody Guthries versenkt hat. Wie er es schon über etliche Jahre, allein oder im Verbund mit Willi Resetarits, Walther Soyka und Patrick Wirth, hielt, ohne prononcierte Rhythmussektion, die durch grobe Gitarrenbegleitung und Soykas tragendes Akkordeon substituiert und vom Sopransaxofon Andrej Prozorovs großartig mit Schlenker in Richtung New Orleans interpunktiert wurde.

Demgegenüber besteht, abgesehen von zwei adaptierten Traditionals und einem Song von Fred Eaglesmith, Moldens neue LP "Dei Schwesda waand" (Bader Molden Recordings) aus astreinen Originalen und ist erstmals seit Menschengedenken wieder in ordentlichem Bandformat eingespielt. Ernst Molden und das Frauenorchester nennt sich das Ensemble, dem neben Molden auch Sibylle Kefer (Akustikgitarre, Altquerflöte, Gesang), Marlene Lacherstorfer (Bass, Gesang) und Maria Petrova (Drums) angehören.


Und wahrlich, ein sauber produzierter Molden kann auch was. Recht viel sogar. Wenn Moldens letzte Platten assoziativ Bilder von rumpeligen Fahrten auf verstaubten Feldwegen hervorriefen, so ist "Dei Schwesda waand" eine komfortable Zugreise vor abwechslungsreicher Landschaft.

Dabei bleibt Molden zwischen Uptempo-Stücken und beseelten Balladen thematisch und sprachlich durchaus bei seinen archaisch-mythischen Motiven: Werwölfe, ein sprechender Jesus am Kreuz, Unwetter, eine unheilschwangere "Göwe Matüde" (Gelbe Mathilde), ein "Gulasch Bayou" oder schwarzer Schnaps sind Figuren, Requisiten und natürliche Kulisse seiner Szenarien, in denen auffällig viel in der Semmering-Gegend herumgezogen wird.

Auch als Miteigentümer von Bader Molden Recordings und als Produzent hat Molden dieses Jahr mit Sigrid Horns fast schmerzhaft intensivem Album "Sog i bin weg" nachdrücklich von sich hören lassen. Sein Partner Charlie Bader wiederum publizierte über seine Medienmanufaktur soeben die EP "Lost Songs" von Martin Klein: Sie zeigt den Sänger und Pianisten, der von der Schubert-Reinkarnation bis zum Allround-Pop-Künstler alles kann, im wahrsten Wortsinn gut in Schwung. Durch Filippo Gaetanis austarierte Produktion vermitteln diese fünf bisher unveröffentlichten Songs ein in sich stimmiges Ganzes.


Akkordeonist und Vokalist Stefan Sterzinger, Urgestein der - hier nicht auf Pop einzugrenzenden - Wiener Szene, absolvierte mit seinen Begleitern Franz Schaden (B) und Edi Köhldorfer (G) auf dem formidablen Album "Keuschheit und Demut in Zeiten der Cholera"(Bayla Records) (seit Oktober erhältlich) eine rund einstündige Tour de force durch Weltmusik, Jazz, Wiener Gefühligkeit und bisweilen fast dadaistische Sprachspiele.


Und ein Mittzwanziger, der sich Gutlauninger nennt, gibt aktuell den unerschrockenen Herausforderer: Mit seinem LP-Debüt "Was Neues" (Lotterlabel) - der Titel ist eine reine, lautere Anmaßung! - kopiert er zu selbst gefertigtem billigem Elektro-Backing Falco bis zu dessen gesanglichen Manierismen. So dreist, dass man es einfach bewundern muss. Und auch die eine oder andere textliche Anzüglichkeit steht Gutlauninger nicht schlecht an.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-12-13 10:10:52
Letzte Änderung am 2018-12-13 11:08:01




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