• vom 16.12.2018, 11:18 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 16.12.2018, 19:25 Uhr

Konzertkritik

Andreas Gabalier: Im Rausch der Zeit




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Von Andreas Rauschal

  • Der selbsternannte "Volks-Rock-’n’-Roller" feierte Tourabschluss in Wien. In der Stadthalle hat es sehr getrachtelt.

"Kumm! Bitte, bitte drah die um." Andreas Gabalier zwischen Lederhosenfilm und einem Hauch Piefke-Saga in Wien. "Medienkritik" gab es auch.

"Kumm! Bitte, bitte drah die um." Andreas Gabalier zwischen Lederhosenfilm und einem Hauch Piefke-Saga in Wien. "Medienkritik" gab es auch.© Johannes Ehn / picturedesk.com "Kumm! Bitte, bitte drah die um." Andreas Gabalier zwischen Lederhosenfilm und einem Hauch Piefke-Saga in Wien. "Medienkritik" gab es auch.© Johannes Ehn / picturedesk.com

Am Anfang ist alles beinahe noch gut. Zumindest ist in der Wiener Stadthalle der Sound so dermaßen schlecht, dass man von Andreas Gabalier im Wesentlichen sehr wenig bis nichts versteht – und nur ein hirschledern-brünftiges Grölen mit Testosteronüberschuss zu hören bekommt, dessen nach einer schwaren Partie im Raucherkammerl klingende Marlboro-Rot-Stimme gerade noch rechtzeitig von der Partei gerettet wurde. "Seid’s ihr guat drauf?!" – nein!

Im Herbert-Kickl-Stil

Blöderweise aber wird das mit dem Sound bald etwas besser, und man beginnt den "Volks-Rock-’n’-Roller" doch zu verstehen. Verstehen jetzt nicht im Sinn von Verständnis oder gar Verstand. Nein. Rein auf der auditiven Ebene aber hören wir etwas, das über auf Ochsentouren durch Mehrzweckhallen und Bierzelte perfektionierte Floskeln wie "Die Hände in die Höh’!", "Wie ist die Stimmung?!" und – heute mit steirischem Blutstolz angesichts des bevorstehenden Triumphzugs im Wasserkopf Wien – auch "Wiiiiiiiien! Ausverkaufte Stadthalle 2018!" bald hinausgeht. Es wird zunehmend zu den Songtexten im Herbert-Kickl-Stil passen, die der 34-Jährige auch heute wieder in astreiner HC-Strache-Intonation zum Besten gibt: "Nix is mehr daham / als ein Schnitzel aus der Pfann."

Die auf der Setlist stehenden Songs dieses Samstagabendkonzerts tragen Titel wie "Bergbauernbuam", "Dahoam", "Auf der Alm" oder "Kleine steile heile Welt". Sie beweisen, dass sich Andreas Gabalier zwar etwa auch durch den dahergelaufenen siebten Konzerthauschef von links gerne ins rechte Eck gestellt sieht – obwohl der große Held des Kleinkarierten das ohne Zutun von außen schon selbst erledigt. Es geht neben Heimatstolz und seiner Repräsentation in der Tracht, dem Kreuz als Symbol oder der guten alten Kulturtechnik des "Hoizscheitlknians" (ja hat es uns geschadet??) als Leitthemen immer auch um eine zünftige Leitkultur – für die Leitln.

Hirschgeweih-Mikroständer

Das inkludiert neben sehr österreichischen Sujets wie Geselligkeit und heute in der Stadthalle sehr wahrscheinlich noch sehr notwendigen Alkoholmissbrauch ("I glaub an kleschkaltes Bier / des mir a fesche, kesse, freche Kellnerin serviert") und einer volkstümlich rockenden und rollenden autobiografischen Rückblende zu den Wurzeln des Übels ("Der Walkman hat uns das Hirn weggföhnt / nach ana hoarten Nacht ham sie uns wiederbelebt / Wunderboar! / Wir woarn 16 Joahr") immer auch einen Umgang mit Frauen, der an ein ÖSV-Trainingslager in den 70er Jahren erinnert: "Kumm! Bitte, bitte drah die um. Bitte, bitte sei net dumm. Ein kleines Lachen fallt nicht schwer …" Nicht zuletzt wirkt so ein Andreas-Gabalier-Konzert wie ein gspaßig-anlassiger Lederhosenfilm von Franz Antel, den man mit dem dystopischen vierten Teil der Piefke-Saga gekreuzt hat. Hallo, Österreich! Servus, Tirol!

Andreas Gabalier lässt all das auf einer mit der österreichischen Nationalfahne geschmückten Bühne passieren, auf der er das Konzert unter Mithilfe eines aus Hirschgeweih zurechtgebogenen Mikrofonständers offenkundig mit einer Wahlkampfveranstaltung zu verwechseln beginnt. Er lobt die heimische Exekutive und befreundete Acts wie Xavier Naidoo oder Rammstein dafür, dass sie ihn loben (was zugegeben sehr mutig ist), offenbart mit Zeilen wie "Hinterm Horizont wirst du für dein Leben belohnt" unfreiwillig Schnittmengen zwischen seiner "Philosophie" und jener eines durchschnittlichen Selbstmordattentäters und gibt zwei als Höhe- und Tiefpunkt exklusiv für Wien einstudierte Konzertzusatzblöcke. Der eine besteht aus Heurigenliedern mit Dullijöh und Haaallo, wobei man den hier gehörten Satz "Es hat ein jeder sein Pinkerl zum Trogn" anlässlich des Gebotenen wirklich gut nachvollziehen kann. Der andere bietet eine Verunglimpfung und Beschimpfung der Wiener "Insidermedien Standort und Flatter" für das Delikt der Gabalier-Kritik und eine Brandrede gegen Presseförderung für "abgedruckten Quargel", worauf sehr viel Jubel von sehr vielen Lederhosen und Dirndln sowie der Song "A Meinung haben" folgt.

Während man darin nur den derzeit von Hyäne Fischer besungenen "Rausch der Zeit" mit einer Portion "Das wird man doch noch sagen dürfen" extra gespiegelt bekommt ("Hörst du den Wind / Er singt ein altes Lied …"), wird Andreas Gabalier für diesen als "Loblied auf das Andersdenken" missverstandenen Mist im Februar übrigens der Karl-Valentin-Orden verliehen. Karl Valentin aber kann sich nicht mehr wehren. Von ihm ist ein schöner Satz überliefert, der gut zum Thema passt: "Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-12-16 11:18:20
Letzte Änderung am 2018-12-16 19:25:59




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