• vom 04.01.2019, 07:30 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 04.01.2019, 12:38 Uhr

Afrika

Träume von einem neuen Afrika




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Von Luitgard Koch

  • Die malische Sängerin Fatoumata Diawara über eine entwurzelte Generation von Afrikanern.


© Aida Muluneh © Aida Muluneh

Die malische Sängerin Fatoumata Diawara ist eine der meistbeachteten Stimmen ihrer Generation. Unglaublich souverän und elegant verwandelt die 36-Jährige Elemente aus Jazz und Folk in einen zeitgenössischen Folk-Sound. Sie bricht die rockigen Rhythmen und greift Melodien ihrer Wassoulou-Tradition mit einem intuitiven Gespür für Blues und Pop auf. Die grazile Gitarristin verkörpert afrikanische Frauen, die etwas verändern wollen, energiegeladen, willensstark, selbstbewusst, engagiert. Temperamentvoll mit einem einnehmenden Lächeln vermittelt die Mutter eines kleinen Sohnes im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" die Botschaft ihres Albums "Fenfo" (Wagram/Montuno/Indigo), auf dem sie die Modernität der elektrischen Gitarre mit den alten afrikanischen Saiteninstrumenten Kora und Ngoni verbindet.

"Wiener Zeitung": Frau Diawara, als 19-jähriges Mädchen sind Sie aus ihrer Heimat Mali nach Paris geflüchtet. Wie sehr haben Sie unter dem Kulturschock gelitten?

Fatoumata Diawara: Meine Eltern wollten mich gegen meinen Willen mit meinem Cousin verheiraten. Ihr zwingt mich, sagte ich, in eure Welt von gestern mit patriarchalen Traditionen. Wenn ich mich damals gefügt hätte, wäre ich heute wahrscheinlich die Mutter von neun Kinder und sehr, sehr alt. Trotzdem habe ich mich immer wieder nach Mali zurückgesehnt. In Frankreich muss man sich für alles bedanken: "Merci, merci, merci." In Mali ist das anders. Dort geben die Menschen um des Gebens willen. Die afrikanische Großzügigkeit prägt mich bis heute.

In Ihren gefühlvollen Liedern thematisieren Sie unerschrocken die Rolle der Frau in der Gesellschaft, klagen Beschneidung von Mädchen und Zwangsheirat an. Woher nehmen Sie den Mut?

Es gibt eine Kraft der Musik, die Dinge ansprechen und auslösen kann. Für mich ist die Genitalverstümmelung Folter. Traditionelle malische Sänger verstecken ihre Botschaften normalerweise in Gleichnissen und Umschreibungen. Sie fühlen sich zur Diplomatie verpflichtetet. Ich bin direkt. Ich fordere Frauen und Mädchen auf, für ihre Rechte und die ihrer Kinder einzustehen. Das ist für manche ein Schock. Aber die jungen Mädchen in Bamako sind auf meiner Seite. Und sogar einige Männer haben erkannt, dass es falsch ist. Ich möchte beispielgebend sein für die junge Generation. Ich will die Stimme sein, für diejenigen, denen sonst niemand zuhört. Als Frau sehe ich vor allem die Situation der Kinder. Seit ich selbst Mutter eines kleinen Sohnes bin, noch viel mehr.

Beginnen sich die Dinge zu ändern?

Ja, zwar langsam, aber immer mehr Mädchen wählen ihren Ehemann selbst und verweigern arrangierte Ehen. Das ist enorm wichtig und stärkt das Selbstbewusstsein. Danach kann man auch andere Sachen auf den Weg bringen. Ich habe mit zwanzig beschlossen, mein Leben als Frau zu verändern, nicht die mir traditionell vorgeschriebene Rolle anzunehmen. Aber das wagen nicht alle Frauen. Mit der Tradition zu brechen und dem gesellschaftlichen Druck zu widerstehen ist nicht nur in Afrika schwierig. Ich komme durch meine Tourneen in viele Länder und sehe, dass auch dort die Frauen mit Schwierigkeiten kämpfen. Ich werde darüber schreiben und singen, bis sich das wirklich ändert in meinem Land und in anderen, ob in Indien, der Türkei oder sonst wo. Es geht mir darum, das Bewusstsein von Frauen zu wecken, sie zu motivieren und zu stärken, ihnen die Angst zu nehmen.

Ihr neues Album "Fenfo" kennt musikalisch keine Grenzen. Im Song "Nterni" greifen Sie über den Liebeskummer eines getrennten Liebespaars das Thema Migration auf. Was ist der Hintergrund?

Die Jugend auf meinem Kontinent träumt von einem neuen Afrika, einem selbstbestimmten. Ich weiß um die schwierige Realität. Aber ich wollte nicht wieder leidvolle Bilder heraufbeschwören, sondern zeigen, dass die jungen Leute versuchen, zu reisen. Sie wollen wissen, was außerhalb ihres Landes vor sich geht. Sie sind durch die sozialen Medien mit dem Rest der Welt verbunden. Auf Facebook sehen sie alles. Man kann in der Schule viel lernen, aber einige Erfahrungen machst du nur auf Reisen. Selbst ich habe mit meinem Pass auf Tourneen Probleme. Fast jedes Mal erfahre ich erst kurz vor der Abreise, ob ich überhaupt einreisen darf.

Für viele ist das nur eine kosmopolitische Utopie. Wie sehen Sie das?

Mobilität ist ein Menschenrecht. Niemand wird als Migrant geboren. Die Jugendlichen haben eine Familie, sie haben Liebesbeziehungen, sie sind Menschen wie Du und ich. Mein Appell: Öffne die Tür für diese normalen Leute. Niemand sollte seine Würde verlieren, nur weil er versucht, zu reisen. Gleichzeitig möchte ich der Jugend die Schönheit Afrikas zeigen und ihnen sagen, vielleicht war dein Leben dort gar nicht so schlecht. Nicht umsonst kehren manche ernüchtert zurück. Denn Entwurzelung schmerzt. Den Wert der einfachen Dinge erkennt man jedoch oft erst, wenn man sie verloren hat. Doch dazu muss es die Möglichkeit zu reisen geben. Wir alle verlernen sonst langsam, menschlich zu sein. Wir verlieren unsere Seelen, unsere Spiritualität.

Welche Rolle spielen Musiker in der Auseinandersetzung zwischen dem in Mali vorherrschenden toleranten Sufi-Islam und radikalen religiösen Strömungen?

Wir Musiker geben den Menschen ihre Identität und ihre Würde zurück. Wir wehren uns gegen die Propaganda islamischer Extremisten. Die Gehirnwäsche der fundamentalistisch islamischen Rebellen funktioniert erst, wenn sie uns mundtot gemacht haben. 2012 nach der Besetzung von Malis Norden bedrohten sie Musiker mit dem Tod und vertrieben sie. Inzwischen ist der Norden befreit, aber viele können immer noch nicht zurückkehren.

Sie sind nicht nur Musikerin, sondern auch Schauspielerin. In "Timbuktu", dem Oscar-nominierten und mit sieben Césars ausgezeichneten Film von Regisseur Abderrahmane Sissako, spielen Sie eine Sängerin, die von den islamischen Fundamentalisten gesteinigt wird. Aber sie hört nicht auf zu singen.

Diese Rolle ist eigentlich meine eigene. Sie ist Teil meiner selbst. Als 2012 in Mali der Putsch stattfand, unterbrach ich meine Tournee. Die Dschihadisten standen zwei Stunden vor Bamako, im Norden wurde Musik komplett verboten. Sie haben Instrumente kaputtgeschlagen, man durfte nicht mehr tanzen. Das ist schrecklich. Ich trete überall auf der Welt auf, aber wenn meine Heimat in Gefahr ist, kann ich nirgendwo glücklich sein. Und deshalb bin ich nach Bamako zurückgegangen. Dort komponierte ich gemeinsam mit Amadou und Mariam, Oumou Sangaré und Toumani Diabaté ein Friedenslied für Mali mit dem Titel "Mali-ko". Denn auch wenn die Situation düster scheint, sind die Menschen dort voller Licht. Und ich versuche, ihnen das Fenster zu diesem Licht offenzuhalten. In meinem neuen Lied "Kokora" fordere ich sie auf, stolz auf unser afrikanisches Erbe zu sein. Ich bin es leid, dass Afrika in den Medien immer nur als schwach dargestellt wird.

Wie sind Sie zur Schauspielerei gekommen?

Über meine Tante, bei der ich seit ich zehn war, aufgewachsen bin. Sie war Schauspielerin in Bamako und drehte viele Filme. Durch sie kam ich mit 14 Jahren zum Film und wurde bekannt. In "Power of Woman", der die Geschlechterrollen auf den Kopf stellte, bekam ich eine Rolle. Fast jedes Jahr lief einer der Filme auf dem panafrikanischen Filmfestival Fespaco in Burkina Faso. Meine Eltern waren jedoch dagegen. In ihren Augen waren Schauspielerinnen Prostituierte. Und als ich 18 war, musste ich im Fernsehen verkünden, dass ich nicht mehr filmen würde. Aber Jean-Luc Courcoult, der Direktor des Straßentheaters "Royal De Luxe" aus Nantes, den ich traf, sagte, ich soll auf keinen Fall aufgeben. Es sprach mir Mut zu. Ich sei so talentiert, meinte er. Und wenn ich mich beuge, sei das für mein Leben, aber auch für das anderer Frauen eine Niederlage. Ich habe die Schauspielerei nie ganz aufgegeben. Erst vor kurzem habe ich zusammen mit Omar Sy ("Ziemlich beste Freunde", Anm.) im Senegal gedreht.

Als Ihr Album "Fatou" von Nick Gold, dem Mann, der den "Buena Vista Social Club" zur weltweiten Erfolgsgeschichte gemacht hat, produziert wurde, sah er in Ihnen "das Mädchen mit der Gitarre", wie einst Tracy Chapman.

Als ich im Barbican in London mit (dem kubanischen Musiker, Anm.) Roberto Fonseca aufgetreten bin, war Nick auch da. Nach dem Konzert hat er mich beglückwünscht. Das hat mich sehr gefreut. Für mich war stets klar, dass die Gitarre nicht nur Männern vorbehalten sein kann, egal ob akustisch oder elektrisch. Es gibt immer noch zu wenig Frauen auf der Bühne, die Solos auf der E-Gitarre spielen und singen, egal ob in Afrika oder in den USA. Selbst in der Rockmusik haben sie sich nicht durchsetzen können. Ich möchte das ändern. Einer meiner Lieblingssongs ist "Hey Joe" von Jimi Hendrix. So frei, wie er damals war, will ich sein. Er hat sich selbst geschaffen, angefangen über seine fantasievolle Kleidung bis hin zur Musik.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-03 16:23:13
Letzte Änderung am 2019-01-04 12:38:30



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