• vom 12.01.2019, 17:00 Uhr

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Pop

Deerhunter und ihre Science-Fiction im Jetzt




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Von Bruno Jaschke

  • Die Band aus Atlanta, Georgia, präsentiert sich auf ihrem exzellenten neuen Album "Why Hasn’t Everything Already Disappeared?" kulturpessimistisch.

Protokoll des Verschwindens: Deerhunter.

Protokoll des Verschwindens: Deerhunter.© Beggars Group Protokoll des Verschwindens: Deerhunter.© Beggars Group

Wir erlauben uns an dieser Stelle die narzisstische Untugend des Selbstzitats: Mit der Feststellung "Besser geht es kaum mehr" beendete die "Wiener Zeitung" im Jahr 2010 die Rezension von Deerhunters Melodie-Pop-Wunderwerk "Halcyon Digest". Viele Kritiker und so viele Plattenkäufer wie nie davor und nie danach haben sich dieser Auffassung angeschlossen. Freilich stand da schon auch eine bange Frage im Raum: Was, um Himmels Willen, sollte als Nächstes kommen, das nicht enttäuschen oder bei besten Vorsätzen danebengeraten würde?

Reale Dystopie

Information

Deerhunter
Why Hasn’t Everything Already Disappeared?
(4AD/Indigo)

Wie wir heute wissen, taten Deerhunter nichts von alledem, sondern befremdeten ihre neugewonnene Klientel wie auch Alt-Fans, die längst vergessen hatten, dass die Ursprünge der Band eigentlich im experimentellen Bereich und eher bei (vorwiegend elektronischen) Soundscapes denn Songs gelegen waren, mit dem sperrigen, heftigen, obsessiven NachfolgeAlbum "Monomania" (2013).

Sympathisch unschlüssig zeigte sich die Band aus Atlanta, Georgia, dann 2015 auf "Fading Frontier", auf dem eingängiger Pop, Spinnerei im Doppelsinn (versponnen wie auch spinnert) und ein wenig Dissonanz ziemlich unkoordiniert aufeinanderprallten. Fokussiert wie seit "Halcyon Digest" nicht mehr präsentiert sich das Quintett dagegen auf seinem achten Album, "Why Hasn’t Everything Already Disappeared?", das am kommenden Freitag erscheint.

Deerhunter sind - und es ist wichtig, das festzustellen - mehr als nur die Begleitband des genialischen, von einer problematischen Kindheit und dem Marfan-Syndrom (einer genetisch bedingten Bindegewebserkrankung) gezeichneten Sängers und Songschreibers Bradford Cox. "Halcyon Digest" etwa stand es gut an, dass Gitarrist Lockett Pundt für zwei vorzügliche Songs anstelle des charismatischen, bisweilen aber ein wenig ins Quengelige kippenden Cox das Mikrofon übernahm. Auf "Why Hasn’t Everything Already Disappeared?" allerdings sind praktisch alle Gesangsparts Chefsache. Lediglich einmal, in "Tarnung", das angeblich von einem Regen-Spaziergang in Europa inspiriert ist, teilt Cox die Lead Vocals mit der walisischen Songwriterin Cate Le Bon, die das Album gemeinsam mit der Band und den Mischpult-Assen Ben H. Allen und Ben Etter auch produziert hat.

"Why Hasn’t Everything Already Disappeared?" ist für sich genommen natürlich ein streng kulturpessimistisches Statement. Als "Science-Fiction-Album über die Gegenwart" verkauft es die Plattenfirma 4AD. Eine Dystopie, die Realität wurde, könnte man es auch nennen. Wie bei vielen anderen Künstlern haben auch an Bradford Cox die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ihr verstörendes Werk getan.

Wenn Menschlichkeit, Solidarität, Kultur und die Umwelt vor die Hunde gehen - warum ist nicht gleich alles verschwunden? Im ersten Song gibt Cox den Beobachter, der genau das Verschwinden protokolliert: "I walk around and I see what’s fading", erzählt er und sieht Freunde, die "Schulden bei sich selbst gemacht" und sich zu Tode gerackert haben. Wenn Cox hier den Blick fokussiert, so lässt er ihn anderswo abschweifen, um nicht dauernd Unruhe und Gewalt zu sehen; die Zerstörung von Lebensräumen, Menschen, die den Fokus und sich selbst verlieren.

Unwiderstehlich

Das vorhin zitierte "Death In Midsummer" ist dem Album bereits vor einigen Monaten als Single vorausgeeilt. Die von einem altertümlichen Cembalo eingeleitete Ballade, die sich in der Mitte über rabiate Gitarren fiebrig erhitzt, am Ende aber wieder in die nachdenkliche Tonalität des Anfangs zurückgleitet, fällt unter die Suchtmittelgesetze. Das nachfolgende "No One’s Sleeping", dessen ruhiger Fluss durch ein harsches Break aufgestört wird und in einem schönen, von heftigem Getrommel begleiteten Keyboard- und Gitarren-Loop endet, ist um nichts weniger eindrucksvoll.

Danach fällt die LP ganz leicht ab. Ins Skispringerische übersetzt: Von Höchstnote 20 auf immer noch 18,5 bis 19,5. Überzeugen können Songs wie "Elemental" mit seinem souveränen Groove und das aufgeweckte "What Happens To People?" allemal.

Und selbst der lange Abschlusssong "Nocturne", von 4AD zitatgerecht als "live stream from the afterlife" charakterisiert und vielleicht gerade darum mit diesem erstickten Knödeln intoniert, mit dem Cox gerne besondere Desorientierung mimt, hat mit seiner langen finalen Keyboardschleife seinen unwiderstehlichen Reiz.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-11 13:29:25
Letzte Änderung am 2019-01-11 15:50:11



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