• vom 19.01.2019, 12:00 Uhr

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Sharon Van Ettens Wandel mit Zuversicht




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Von Heimo Mürzl

  • Die US-Musikerin überrascht auf ihrem neuen Album mit raffiniertem Elektroniksound und eingängigen Popmelodien.

Private und musikalische Veränderungen: Van Etten.

Private und musikalische Veränderungen: Van Etten.© Ryan Pfluger Private und musikalische Veränderungen: Van Etten.© Ryan Pfluger

Nach fast fünfjähriger Veröffentlichungspause - nur unterbrochen von der EP "I Don’t Want To Let You Down" mit fünf Songs, die ursprünglich für das Vorgängeralbum geschrieben wurden - meldet sich Sharon Van Etten mit ihrem neuen Studioalbum, "Remind Me Tomorrow", in geändertem musikalischem Outfit zurück. Die Zeit seit ihrem verhalten-intimen Folkpop-Album "Are We There" wurde von der USMusikerin aber keineswegs zur Kontemplation genützt.

Entwicklungsprozess

Information

Sharon Van Etten
Remind Me Tomorrow
(Jagjaguwar/Cargo)

Sharon Van Etten studierte in der Zwischenzeit Psychologie am Brooklyn College, feierte erste Erfolge als Schauspielerin (in der Netflix-Serie "The OA") und hatte einen Auftritt in David Lynchs "Twin Peaks"-Revival. Außerdem schrieb sie die Filmmusik für Katherine Dieckmanns Film "Strange Weather" (mit Holly Hunter in der Hauptrolle) und wurde im Jahr 2017 auch das erste Mal Mutter.

Die Auflösung einer misslungenen Beziehung und der Neuanfang mit einem mitfühlenden Lebenspartner an ihrer Seite rundete diese Phase ab. Der privaten Veränderung ließ Sharon Van Etten dann auch einen musikalischen Wandel folgen. Die US-Musikerin, die in der Vergangenheit für ihren melancholischen Folkpop bekannt war und mit ihren nach innen gekehrten Songs ihre Verletzlichkeit offenlegte, überrascht uns im Jahr 2019 mit lebensbejahend-zuversichtlichem Grundton.

Die Arrangements des Produzenten John Congleton tendieren nun stark in Richtung Elektroniksound(s) und die bei Sharon Van Etten früher so dominante Gitarre wird von Klavier, Orgel, Retro-Synthesizern und Drum-Machines ersetzt. Beats und Grooves sind viel präsenter und bestimmen zunehmend das Klangbild. Der Wechsel vom klassischen Singer-Songwritertum hin zu raffinierter Elektronik, New-Wave-Coolness und eingängigen Popmelodien gelingt der Amerikanerin sehr überzeugend.

Ihre Musik ist einnehmender und konsenstauglicher geworden, ohne aber ihre Relevanz und Dringlichkeit zu verlieren. Van Etten sieht in ihrem musikalischen Wandel aber weniger den Versuch (noch) mehr kommerzielle Akzeptanz zu finden als vielmehr einen schon als überfällig empfundenen Entwicklungs- und Reifeprozess.

"Remind Me Tomorrow" überzeugt als lebhaftes Album nicht zuletzt mit seiner stilistischen Vielfalt und erzählerischen Bandbreite. Die in den Texten immer wieder auftauchende emotionale Unruhe entspreche auch dem unberechenbaren und unsteten Verlauf der vergangenen Jahre, ließ Van Etten in einem Interview wissen. Trennung, Ausbildung, Mann und Kind, Plattenproduktion, Schauspiel und Konzerte - in diesem Zusammenhang klingt auch der Albumtitel sehr schlüssig.

Groove-induziert

"Remind Me Tomorrow" zeichnet ein authentisches Bild von Aufbruchstimmung und Veränderungswillen und beeindruckt durch die Kompromisslosigkeit, mit der die bald 38-Jährige nicht nur ihre künstlerischen Vorstellungen umsetzt, sondern überdies ganz unverstellt ihr Seelenleben offenlegt. Die New Yorkerin hält gekonnt die Balance zwischen intimen Textmomenten und explizitem Sound, was auch einen Großteil der Magie ihrer Musik ausmacht.

Das stilistische Spektrum ihres mittlerweile fünften Albums umfasst beschwingten Pop ("Seventeen"), lebhaft-stürmische New-Wave-Versuche ("Hands", "Comeback Kid"), Groove-induzierten Alternative Rock ("No One’s Easy To Love"), elektronische Balladen ("Jupiter 4") und zurückgenommene Songs, die Retroklänge und dezente Moderne miteinander verknüpfen ("Stay", "Malibu").

Wir hören ein rundum gelungenes Album, dessen größtes Manko allerdings ein an Hässlichkeit kaum zu überbietendes Cover ist - während man am laufenden Tourneeplan das Fehlen eines Österreichtermins bekritteln muss. Ausweichen kann man nach München, wo Sharon Van Etten am 3. April im Strom gastiert.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-18 12:47:30
Letzte Änderung am 2019-01-18 13:31:48




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