• vom 23.01.2019, 13:45 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 23.01.2019, 13:56 Uhr

Pop

Culk: Näherkommen und bluten




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Von Andreas Rauschal

  • Die österreichische Band um Sängerin Sophie Löw veröffentlicht ihr mit Spannung erwartetes Debütalbum.

Minimalismus und Mysterium: Culk stellen sich vor. - © Michael Würmer

Minimalismus und Mysterium: Culk stellen sich vor. © Michael Würmer

Dieser jungen Band aus Wien sind bereits mit ihrem ersten Song diverse Kunststücke gelungen - abgesehen davon, dass uns "Begierde/Scham" in seiner Form als kleines Meisterwerk und großes Miniaturdrama mit einer Spielzeit von gerade einmal drei Minuten und siebzehn Sekunden auch künstlerisch schwer begeistert hat: Neben dem Schüren der Aufmerksamkeit eines über die Landesgrenzen hinausreichenden (Fach-)Publikums, das auf ein erst zu entstehendes dazugehöriges Album vertröstet werden musste, ist nicht nur der Hitfaktor zu nennen.

Der spitzt zwar nicht wie bei Wanda und Bilderbuch auf die Mehrzweckhalle, das Stadion oder ein als Eventlocation genütztes Barockschloss, hat in seiner Nische zwischen Post-Punk und Shoegazing als Düsterrockerbe, das letztlich auf die Vorarbeit von Velvet Underground ab Mitte der 60er Jahre zurückgeht, reichlich Potenzial, auch einen größeren Hörerkreis und Teile der Laufkundschaft für sich zu gewinnen.

Silbenverschluckend

Information

Culk
Culk
(Siluh Records)

Erscheint am 1. Februar

Culk spielen am 9. März live im Wiener Werk
https://www.daswerk.org/

Dazu ein wunderbares Alleinstellungsmerkmal in Form von Sängerin Sophie Löw, das außer der markant-eigentümlichen Textierung auch einen Vortrag inkludiert, der definitiv länger in Erinnerung bleibt, als man es von Pop als flüchtigem Produkt im Regelfall kennt: Die charmant nuschelnde junge Frau Anfang zwanzig hört sich wie eine Diva aus dem deutschen Theater an, die außer sehr vielen Silben gerne auch die eine oder andere Schlaftablette (ver-)schluckt. Und sie schafft es - noch so ein Kunststück -, gleichzeitig sehr leidenschaftlich und dabei doch so bettschwer wie während der REM-Phase zu klingen.


Auch der Text dazu ist großes Theater. Geben wir ihm an dieser Stelle den nötigen Raum: "Gedankengefesselt, gedankenentfesselnd / schweigt sie für ihn / Die Nicht-Worte schnüren sie zu bis obenhin / Sie ist so wunderschön verschwiegen / er kennt nur sich / Sie sieht ihn nicht an / Er will, dass sie muss / Sie tut es ohne zu sehen / Begierde oder Scham / Wie Gewitterwolken / breitet er sich aus über ihr / Widerstand / erstickt von Wärme, die er ihr gibt / In ihrer Stille bleibt sie erstarrt / Alles Gewalt um sie / Sie sieht ihn nicht an."

Sophie Löw ließ sich für diese Zeilen von Simone de Beauvoir inspirieren. Es gelingt ihr, Abhängigkeit von und vor allem in Beziehungen sowie die damit verbundenen Themen Unterdrückung und Unterwerfung vor dem Hintergrund von Lust (sowieso) und Obsessionen (aber hallo!) auch für die #MeToo-Debatte lesbar zu halten, ohne zu moralisieren. Auch in den Zwischentönen und der Deutbarkeit wurde also alles richtig gemacht.

Und apropos Deutbarkeit: Dass der Name Culk nichts bedeutet und das Quartett auch so zur Projektionsfläche wird, passt gut zur Nichtexistenz eines Wikipedia-Eintrags der Band, die mit Infos über sich grundsätzlich zu geizen scheint wie ein Geheimdienst.

Ein Versprechen

Das entspricht dem Post-Punk als ihrer Inspiration Numero uno, die man bekanntlich an der Universität für abgewandte Kunst studiert. Damit geben Culk dem Genre in einer Zeit von Pop als überall verfügbarer Konsumware und Produkt ohne verschlungene Pfade und doppelte Böden auch seine Natur als Mysterium wieder zurück.

Den Hit der Band kennt man bereits, das dazugehörige selbstbetitelte Album erscheint kommende Woche auf Siluh Records. Es wurde von Jakob Herber von den Kollegen Flut aus Linz produziert, mit denen Culk vor allem der Hang zum selbstgedrehten Low- bis No-Budget-Video verbindet. Mit sieben Stücken regiert während einer Spielzeit von nur 29 Minuten der erwartete Minimalismus. Ein Minimalismus, der in die Vollen geht: Über Beigaben eines Slacker- und Schlurfrock-Feelings aus den 90er Jahren bei "Faust", die Eiseskälte der Instrumental-Paraphrase "Faust II" und einen Song im Walzertakt - allerdings ohne Seligkeit - ("Chains Of Sea") mag Sophie Löw mit dem Wechsel zu englischen Texten zwar einen Teil ihres Alleinstellungsmerkmals verlieren. Im dynamischen Spiel von "Vollendung" und mit dem harmonieleer lärmenden Geklöppel von "Velvet Morning" wird am Ende aber wieder alles gut.

Gut heißt übrigens auch, dass es uns schlechtgehen darf: "Come closer and bleed!" Culk beschließen ein kleines Album wie ein großes Versprechen mit einem One-Night-Stand, auf den der Rückzug folgt. Isolation jetzt: "I asked for salvation and not pain / A thrill of pleasure / no constraint."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-23 13:41:37
Letzte Änderung am 2019-01-23 13:56:51




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