• vom 26.01.2019, 13:00 Uhr

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Zach Condons Projekt Beirut: Jenseits des Jammertals




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Von Bruno Jaschke

  • Der US-Musiker hat sein neues Album "Gallipoli" nach der apulischen Kleinstadt benannt.

Sehnsuchtsschwere Stimme: Zach Condon von Beirut.

Sehnsuchtsschwere Stimme: Zach Condon von Beirut.© Olga Baczynska Sehnsuchtsschwere Stimme: Zach Condon von Beirut.© Olga Baczynska

Irgendwie ist man, auf die Schnelle, geneigt, die Zehnerjahre als kein gutes Jahrzehnt für Zach Condon zu sehen: Scheidung, Burn-out und zuletzt der mittlerweile vierte oder fünfte Bruch des linken Arms bei einem Skateboard-Unfall. Dazu kamen Kratzer an der künstlerischen Reputation des ehemaligen Wunderkindes, das mit seiner Formation Beirut mit zwei umjubelten Alben Mitte der Nullerjahre den Balkan und einen Hauch von zwischenkriegszeitlichem französischem Tanzsalon auf die Landkarte des Pop gebracht hatte.

Just als er 2011 mit dem Album "The Rip Tide" einigermaßen drastisch den Kurs von Bläser-Overkill und Ost-Folklore zu geradlinigem Pop und gefühligem Blues wechselte, stieß er in einer hiesigen Tageszeitung, wo man unbeirrbar "schräg gelegten Balkan-Hybrid-Pop im dritten Aufguss" gehört haben wollte, buchstäblich auf taube Ohren.

Orgel-Transport

Allerdings muss festgehalten werden, dass in Österreich die Hörer Condon viel gewogener sind als bestimmte Kritiker: In keinem anderen europäischen Land außer Belgien verzeichnet Beirut bessere Chartsperformances als hier. In den USA übrigens hat "The Rip Tide", das global gute bis sehr gute Kritiken einfuhr, mit einem Spitzenplatz 80 in den Billboard-Charts bis August 2015 bemerkenswerte 93.000 Stück verkauft. Die nächste und bis dato letzte Beirut-LP, "No No No" von 2016, kam in den USA sogar bis Platz 46 (in Österreich auf 12).

Information

Beirut
Gallipoli
(4AD)

Live am 14. April im Wiener Gasometer.

Mittlerweile hat Condon dem Beirut-Werk, in dem freilich auch die EPs "Lon Gisland", "Pompeii" und "March Of The Zapotec/Holland" eine wichtige Rolle spielen, das fünfte Full-Length-Album hinzugefügt. Es ist benannt nach einer Kleinstadt in Apulien am Stiefelabsatz Italiens.Begonnen hat die Arbeit daran mit dem Transport jener alten Farfisa-Orgel, die Condon als Jugendlicher einem Zirkus-Musiker abgekauft und auf der er die klassischen ersten beiden Beirut-Scheiben "Gulag Orkestar" und "The Flying Club Cup" größtenteils kreiert hatte, in sein Teilzeit-Domizil in Westchester County in Upstate New York.

Ende 2016 begann er dort, Songs für die neue Platte zu schreiben. In einem Studio in Chelsea wurden im Frühjahr 2017 erste Aufnahmen getätigt, dann passierte in einem Park nahe seiner Wohnung in Brooklyn der Skateboard-Unfall. Verletzt und demotiviert verzog sich Condon nach Berlin, wo er sich schon früher gerne herumgetrieben hatte - etwa im Studio von Mouse On Mars, an deren exzellenter LP "Dimensional People" er mitwirkte.

Eine Zigarette am Prenzlauer Berg vermittelte ihm die Erkenntnis, dass es besser sei, hierzubleiben als sich den politischen Irrsinn seines Heimatlandes und die astronomischen Studiomieten in New York anzutun. Also beschloss er, seine Mitstreiter nach Europa zu bitten. Die Idee, in Süditalien aufzunehmen, ist Bassist Paul Collins zu verdanken, der dort seine Flitterwochen verbracht und dabei auch Kontakte zur lokalen Musikszene geknüpft hatte.

Musik-Handelsreisender

Wie Condon auf der Website beirutband.com selbst feststellt, treffen sich auf "Gallipoli" ältere und neuere stilprägende Elemente aus der Band-Vita. So mutet der Opener "When I Die" ein wenig an wie ein statischer Wiedergänger von "A Candle’s Fire", dem fulminanten Einstieg in "The Rip Tide". Im suggestiven Titelsong "Gallipoli", zu dem Condon von einer geistlichen Prozession in der nämlichen Stadt inspiriert wurde, klingen Echos der "Lon Gisland"-EP durch.

Das längste Stück, "Gauze für Zah" (was immer das heißen soll), folgt mit einem insistenten Piano-Riff zunächst der Wegrichtung des fragmentarischen VorgängerAlbums "No No No" und verharrt die letzten zweieinhalb Minuten mit einem monotonen Keyboard in einem Stillstand, in den sich am Ende leise maschinelle und mechanische Störgeräusche mischen.

In "Varities Of Exile", dessen Titel mittelbar auch die Situation des musikalischen Handlungsreisenden Zach Condon widerspiegelt, verläuft sich ein attraktiver Melodieteil etwas schwindsüchtig in einem elegischen Finale. Im schönsten Song schließlich, "I Giardini", lässt sich Condons sehnsuchtsschwere Stimme von den Keyboards wieder einmal in Sphären jenseits unseres irdischen Jammertals emportragen . . .





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-25 13:17:46
Letzte Änderung am 2019-01-25 14:11:16




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