• vom 10.02.2019, 10:00 Uhr

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Protestsongcontest 2019: Lieder gegen Grenzmauern und Gabionen




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Von Andreas Rauschal

  • Der Wettbewerb findet am kommenden Dienstag wieder im Wiener Rabenhof Theater statt.

SUV-Schelmenstück: Ramon Bessel ist einer der PSC-Kandidaten des Jahres 2019.

SUV-Schelmenstück: Ramon Bessel ist einer der PSC-Kandidaten des Jahres 2019.© Ramon Bessel SUV-Schelmenstück: Ramon Bessel ist einer der PSC-Kandidaten des Jahres 2019.© Ramon Bessel

Gerade erst gab es aus dem Umfeld des "Genres" leider Zweifelhaftes zu berichten. Das hat beispielsweise mit dem Protestliedklassiker "Bella ciao" zu tun, der einst von italienischen Reispflückerinnen als Anklage ihrer Arbeitsbedingungen gesungen wurde, während des Zweiten Weltkrieges zur Widerstandshymne gegen den Faschismus mutierte und seit dem Jahr 2017 regelmäßig in der unter den jungen Leuten von heute sehr beliebten Fernsehserie "Haus des Geldes" auftaucht.

Davon wurde etwa auch der deutsche Teenie-Star Mike Singer inspiriert, ein klein wenig Kapitalismuskritik in die von elektronischen Hip-Hop-Beats getragene Breakup-Geschichte zu schummeln, die seine Version des Liedes bestimmt. Das ist so banal, wie es sich anhört: "For you ,amore‘ means only money. Bella, ciao! Bella, ciao! Bella, ciao, ciao, ciao!"

Information

Das Finale des Protestsongcontest 2019 geht am Dienstag, 12. Februar im Wiener Rabenhof Theater über die Bühne. Beginn: 20 Uhr. Moderation: Michael Ostrowski.

Resistenza auf Après-Ski

Und als würde das nicht reichen, sah man sich auch mit einem problematischerweise als Neuinterpretation gehaltenen Cover des Songs von DJ Ötzi konfrontiert. Der einst als Anton aus Tirol bekannt gewordene Einheizer einer jeden Hüttengaudi zwischen Kitzbichl und Seiser Alm ersetzte die Melancholie und den Schmerz des Originals durch die gute Stimmung von nach fünf Runden Jagatee mit je bitte einem doppelten Obstler extra: "Komm lass uns lieben / Komm lass uns leben / Bella, ciao, bella, ciao, bella, ciao, ciao, ciao / Noch lauter singen / Noch lauter feiern / Denn die Welt ist grad so schön." Resistenza auf Après-Ski.

Ganz zu schweigen natürlich von der Verleihung des Karl-Valentin-Ordens an den selbst ernannten "Volks-Rock-‘n‘-Roller" Andreas Gabalier für sein "Loblied auf das Andersdenken", hinter dem sich nichts weniger und nicht mehr versteckt als eine Hymne auf Mainstream-Positionen und neue alte Werte vom Zuschnitt des Holzscheitlknians. Man sieht es schon: Auch abseits der Weltpolitik (sie ist nicht mehr, was sie schon früher nicht war) und des Alltagsärgers (Miete, Strom, Gas, schlechtes WLAN, kein Sex!) gibt es eigentlich immer etwas, das uns entweder frustriert oder das Geimpfte so richtig schön aufgehen lässt.

Wobei man einmal darüber nachdenken könnte, warum dieser Umstand heute vor allem zu täglich einer gefühlten Fantastilliarde Mimimi-Tweets zwischen schlechter Laune und exakt keinem Humor führt, obwohl man das Potenzial des Grants und des Grams als Kanal und Motor doch auch künstlerisch nützen könnte - also sofern man sich nicht auf Aquarellmalerei spezialisiert.

Der Protestsongcontest im Wiener Rabenhof Theater bietet hier bereits seit dem Jahr 2004 eine wichtige Bühne. Und er sorgt jährlich dafür, dass außer dem Protest gegen die Mächtigen dieser Welt immer auch der heitere Widerstand nicht zu kurz kommt, der sich womöglich gegen die Niederungen des Alltags - und unsere eigene Rolle darin - stellt. Probleme sind Probleme. First-World-Problems aber schon auch!

Aufstand der Hühner

Musikalisch darf man heuer zwar feststellen, dass Punk als Protestgenre Numero uno längst kein Leiberl mehr hat und neben Hip-Hop vor allem Liedermachertum an Gitarre und Klavier dominiert - Die Nowak (mit "Der Schottergärtner", dem wahrscheinlich einnehmendsten Song des Protestsongcontest-Jahrgangs 2019) und Sigrid Horn (mit "Baun") liefern mit Schelten der Gabionengärten und einem Abgesang auf das Baugewerbe, der auch die politische Ebene der Zäune und Mauern inkludiert, beinahe eine Art Gegenstück zum S.Y.P.H.-Klassiker "Zurück zum Beton" von 1980. Es gibt dafür aber auch die Funkrockfabel "Aufstand der Hühner" oder einen theatralisch im Sound der Stromgitarre inszenierten Appell an den Einzelnen: "Dann brauch ma di!"

Außerdem setzt es ein Schelmenstück gegen SUV-Besitzer (von Ramon Bessel), Rap gegen das Patriarchat oder A-Cappella-Varieté-Gesang wider den "Brutpflegetrieb". Verkehr ist aber auch bei der Wald- und Wiesenfolklore von "Raus aus den Autos" vor dem Hintergrund des Lobautunnels ein Thema. Um das Drehen an der Angstspirale wiederum geht es im Dialekt-Hip-Hop von Dynamic Drift: "Sie woin Rückzug und Spoitung / bewoah die Hoitung!" Nur ein Protestlied gegen verhunzte Protestlieder fehlt jetzt noch.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-02-07 14:20:07
Letzte Änderung am 2019-02-08 16:24:19




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