• vom 02.09.2006, 00:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Hummer & Märzendorfer über die Kunst des Einfrierens von Klängen und das Schmelzen von Schallplatten.

Musik zu Eis machen




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christian Rösner

  • Auch Musik ist vergänglich. Und niemand weiß, was genau passiert, wenn sie vergeht - beziehungsweise wenn sie wie Eis dahinschmilzt oder mit der Zeit und wie die Zeit verrinnt. Was könnte das besser verdeutlichen, als Musik, die in Eis gegossen wird und zu schmelzen beginnt ...





Klingt wie eine philosophische Theorie - Claudia Märzendorfer und Nik Hummer verwandeln sie allerdings in künstlerische Praxis: Unter dem Motto: "Viel Lärm um nichts" starten sie am 7. September mit ihren gefrorenen Schallplatten das Festival "Modernistmozart", das bis 10. September im Alten Zollamt, 1030 Wien, Schnirchgasse 9, und im Mozartsaal des Wiener Konzerthauses stattfindet.


Vor dem Hintergrund einer 1500 Stück zählenden, langsam schmelzenden Eisschallplatten-Skulptur werden von den Künstlern auf sechs Plattenspielern Eisplatten gespielt, gemixt und klangtechnisch verarbeitet. 20 international bekannte Musiker haben für diese Performance Stücke komponiert, die eigens auf Schallplatten aus Eis gepresst wurden.

"Die Grundidee zu dem Projekt war, bildende Kunst mit Musik zu verschmelzen. Da war es sehr naheliegend, Schallplatten aus Eis zu machen. Die große Frage war nur: Wie bringe ich die Musik ins Eis?" , erzählt die Künstlerin Claudia Märzendorfer im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Zu kompliziert waren die Überlegungen am Anfang. "Wir haben verschiedene Wachse ausprobiert, in die wir Tonspuren ritzen wollten. Wir haben uns überlegt, wie man ein eigenes Aufnahmegerät bauen könnte, welche spezielle Nadel man zum Abspielen für diese Platte braucht usw." , erzählt Hummer.

Als einfachste Methode stellte sich dann allerdings eine simple Negativ-Pressung von regulären Schallplatten heraus. Mit einer DJ-Vinyl-Pressmaschine wurde also die eigene Musik auf den schwarzen Kunststoff gepresst, davon eine Negativ-Form gegossen, Wasser in diese gefüllt und das Ganze in den Tiefkühler gesteckt. "Bei der Generalprobe im Zuge eines Konzertes war alles terminlich so eng angelegt, dass wir mit einer Kiste voller Eisplatten angetanzt sind und sie mit dem Publikum zusammen selbst das erste Mal gehört haben" , sagt Claudia Märzendorfer.

So war das Projekt von Anfang an eine Miteinander mit dem Publikum. "Und das ist noch immer so: Die Zuhörer sind mit uns in einen Prozess eingebunden, der völlig unberechenbar ist und man bis zum Schluss des Konzertes eigentlich nicht weiß, was passieren wird. Das ist so wie am Jahrmarkt vor hundert Jahren, als jemand vor Publikum einen Giftpilz aß, wartete, was passierte und dann das Gegengift einnahm."

Denn jede Eisplatte klingt anders und reagiert völlig unterschiedlich auf das herrschende Raumklima - selbst wenn der Inhalt der gleiche ist. So komponiert auch der Raum die Musik, der Klang entsteht im Moment. Luftbläschen in der gefrorenen Platte sorgen für Knackser, warme Temperaturen lassen die Platten schnell beschlagen bzw. schmelzen und erzeugen einen höheren Rauschpegel. "Auch die Ausrichtung der Eiskristalle während des Einfrierens wirkt sich auf den Klang aus" , weiß Hummer.

weiterlesen auf Seite 2 von 2



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2006-09-02 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-09-01 15:54:00


Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Netflix kann auch Kino-Magie
  2. "Die Weiden" erleiden Schiffbruch an der Staatsoper
  3. William Shatners Weihnachts-CD, eine bizarre Bescherung
  4. Warum Fake News oft auf fruchtbaren Boden fallen
  5. ORF teilt TV-Sender gesellschaftlichen Gruppen zu
Meistkommentiert
  1. Gefährliche Predigten
  2. "Kurz bringt die Rechtsextremen in den Mainstream"
  3. "Die Weißwurst muss dir freundlich gesinnt sein"
  4. "Die Weiden" erleiden Schiffbruch an der Staatsoper
  5. Karger "Don Carlos" in der Kammeroper


Quiz


Förderpreisgewinner Christoph Fritz mit Moderatorin Verena Scheitz und "vormagazin"-Chefredakteur Christoph Langecker.

Peter Handke bei der Verleihung des 19. Wiener Theaterpreises "Nestroy" im Theater an der Wien. Hier mit dem Preis für sein Lebenswerk. Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher

Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913 "Der Bauerntanz", entstanden um 1568.


Werbung