• vom 07.12.2012, 15:37 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 07.12.2012, 15:37 Uhr

Sachbuch

Fünf Sekunden der Stille




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Von Alexander Kluy

  • Seit nunmehr 43 Jahren ist das Münchner Label ECM Garant für weit über den Jazz hinausreichende musikalische Zeitgenossenschaft. Eine Ausstellung würdigt Geschichte und Leistung der Plattenfirma.

Omnipräsent: ECM-Gründer Manfred Eicher (r.) mit dem Trompeter Don Cherry, 1978. - © Foto: Roberto Masotti

Omnipräsent: ECM-Gründer Manfred Eicher (r.) mit dem Trompeter Don Cherry, 1978. © Foto: Roberto Masotti

Legt man einen Silberling der Münchner Plattenfirma ECM in den CD-Player ein oder eine Vinylscheibe auf den jüngst zurückgekauften Plattenspieler, dann hört man bekanntlich stets erst einmal - nichts. Die ersten fünf Sekunden Stille auf jeder Aufnahme des 1969 von Manfred Eicher gegründeten Labels sind legendär. Sie sind ein legendäres Kennzeichen. Es ist kein Schweigen, sondern Stille.

Innehalten für konzentriertes Hören leitet bis heute ein jedes der 1300 Alben ein, die Eicher produziert hat. Bei mehr als 90 Prozent tat er das persönlich. Beriet die Musiker. Half, die richtigen Begleitmusiker auszusuchen und die richtigen Aufnahmeorte, unter anderem die Propstei St. Gerold in Vorarlberg, Jan Erik Kongshaugs Osloer Rainbow Studio oder das Studio des Radio Svizzera Italiano in Lugano. Saß tagelang im Studio, die Toningenieure hatte er selber ausgewählt, um perfekte Klangtransparenz zu erreichen. Er dachte intensiv über die innere Abfolge eines Albums nach - und verkehrte auch hier Übliches ins Gegenteil. Oft finden sich die bemerkenswertesten Tracks nicht am Auftakt einer CD, sondern folgen später.


"Producer-Auteur"

Information

Die Ausstellung "ECM - Eine kulturelle Archäologie" ist im Haus der Kunst, München, noch bis 10. Februar zu sehen.

Zeitgleich ist erschienen:

Okwui Enwezor und Markus Müller (Hg.): ECM. Eine kulturelle Archäologie. Prestel Verlag, München 2012. 304 Seiten mit 328 Abb., 51,40 Euro.

Eicher dirigiert das Abmischen. Greift bei der grafischen Erscheinung ein, bei Covergestaltung, Fotografien, Linertexten. Diese Omnipräsenz hat ihn zu einer der ungewöhnlichsten Figuren der Musik der Gegenwart gemacht, zum vielleicht eminentesten Producer-Auteur, wie dies Okwui Enwezor nennt, der nun in München eine Ausstellung über ECM kuratiert hat und ein schönes Buch dazu vorlegt.

1943 geboren in Lindau im Bodensee nahe Bregenz, ging Eicher nach der Matura nach Berlin, um an der Hochschule der Künste in der Hardenbergstraße tagsüber Musik zu studieren; abends visitierte er, wie er gestand, regelmäßig das gegenüber gelegene Programmkino am Steinplatz, das erste überhaupt in Deutschland (heute ein Gasthaus), um sich Filme von Regisseuren wie Roberto Rossellini, Robert Bresson, Jean-Luc Godard oder Ingmar Bergman anzuschauen - Augen öffnende Entdeckungen, die ihn bis heute prägen. Ein Jahr lang spielte er bei den Berliner Philharmonikern, bevor er sich ganz auf Jazz und improvisierte Musik konzentrierte.

26-jährig gründete Eicher in München zusammen mit dem Schallplattenversandhändler Karl Egger ein eigenes Label, für welches er in letzter Minute einen englischen Namen ins Handelsregister eintragen ließ - Edition of Contemporary Music, ECM. Diese bewusst diffus gehaltene Umschreibung entsprach dem am Besten, was ihm akustisch vorschwebte. Das kleine und bis heute personell überschaubare Unternehmen leitet Eicher bis heute, und er hat es durch und durch geformt und geprägt. Auch ohne Businessplan, wie er kokett sagt, und fern von Marketingstrategien, dafür mit einem schon früh stark ausgeprägten Bewusstsein für die Bedeutung randständiger Hochqualität. Manfred Eicher ist ECM, ECM ist Manfred Eicher.

Nicht nur beim exquisiten, dezidiert transparenten Raum-Klang, sondern vor allem in der Programmauswahl ist er (allein-)bestimmend. Vom ersten Album an: dem frei improvisierten "Free at Last" des Mal Waldron Trios, das am 1. Jänner 1970 in einer Stückzahl von 500 Exemplaren erschien, der exzentrischen "Music from Two Basses" von Dave Holland und Barre Phillips und dem Debüt eines blutjungen norwegischen Saxofonisten namens Jan Garbarek, den Eicher zufällig kennen gelernt hatte. Garbareks "Afric Pepperbird" erregte auf einen Schlag Aufsehen. Ein Jahr später nahm Eicher zwei andere Mittzwanziger auf, Pianisten, die mit Miles Davis musiziert hatten - Chick Corea und Keith Jarrett.

Bis zu den jüngsten Veröffentlichungen des Jahres 2012: "Magico: Carta de Amor" von Jan Garbarek, Egberto Gismonti und Charlie Haden und "Sleeper" mit Keith Jarrett als Leader eines Quartetts, zu dem neben Garbarek der Bassist Palle Danielsen und der Schlagzeuger Jon Christensen gehörten. Beide Aufnahmen, nun erstmals veröffentlicht, schlummerten mehr als 30 Jahre im Archiv - und auch diese Attitüde Eichers steht konträr zum hektischen Musikbusiness. Daneben und fast zeitgleich erschienen Sperriges von der norwegischen Formation Food und mit "Résumé" eine Hommage an den Stuttgarter Jazzbassisten Eberhard Weber, miteinander verschränkte Mitschnitte von Livekonzerten, die der heute von einem Schlaganfall gezeichnete Musiker, der schon auf ECMs zweiter Platte zu hören war, zwischen 1990 und 2007 gab. Anna Gouraris Interpretation von Bach-Chorälen wurde kurz nach der Live-CD des Schweizers Nik Bärtsch und dessen Zen-Funk-Band Ronin ausgeliefert, die "Sacred Songs" des ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov kurz nach Enrico Ravas Michael-Jackson-Tribut "On the Dance Floor".

Vielleicht hat Steve Lake, vormals Musikjournalist und seit 1978 als Texter, Berater und Produzent in Diensten von ECM stehend, diese Lust am Vielfältigen, Widersprüchlichen und Hochsubjektiven am prägnantesten auf den Punkt gebracht. Er meinte nämlich, Eichers Musikkosmos stehe im "Gegensatz zum traditionellen Jazz, wo der Bebop irgendwann an einen Punkt der Selbstgefälligkeit kam: ‚Meine Chords sind hipper als deine Chords.‘ Davon ist ECM sehr weit entfernt, finde ich. Es gab immer den Versuch, zum Kern der Musik vorzudringen, zu dem, was sie wirklich ausmacht."

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Dokument erstellt am 2012-12-07 14:14:05
Letzte Änderung am 2012-12-07 15:37:50




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