• vom 28.07.2013, 12:44 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 28.07.2013, 13:17 Uhr

Pop

Ein Mann zieht den Hut




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Von Andreas Rauschal

  • Annäherung an die eigene Endlichkeit
  • Der große Leonard Cohen begeisterte und berührte in der Wiener Stadthalle

Leonard Cohen verzauberte in Wien mit Songs über Liebe, Eros und Tod.

Leonard Cohen verzauberte in Wien mit Songs über Liebe, Eros und Tod.

© APA/HERBERT P. OCZERET Leonard Cohen verzauberte in Wien mit Songs über Liebe, Eros und Tod.

© APA/HERBERT P. OCZERET

Am Ende geht es immer auch um den Tod. "I got no future. I know my days are few" – zum trockenen Blues von "Darkness" erzählt Leonard Cohen in der ausverkauften Wiener Stadthalle hörbar aus der Ich-Perspektive und bald auch mit der Gelassenheit eines geübten jüdischen Zen-Buddhisten über die letzten Dinge: "Going home without my sorrow, going home sometime tomorrow, going home to where itʼs better …"

Die eingestreuten Songs seines aktuellen Albums "Old Ideas" fügen sich solchermaßen gut in die weitgehend an der Konzertreise von 2008 orientierte Setlist. Immerhin erinnert der heute 78-Jährige mit seinem "Tower Of Song" an die bereits 1988 zwischen Melancholie und selbstironischem Bruch angesiedelte Annäherung an die eigene Endlichkeit: "Well, my friends are gone and my hair is grey. I ache in the places where I used to play." Die Folgen? Ein Wunsch. "Come healing of the body, come healing of the mind."


Im Gegensatz zum frühen Kritikerrat, man solle seine Alben doch gleich mit Rasierklingen verkaufen, ist Cohen heute mehr denn je aber um eine zuversichtliche Deutung der Dinge bemüht. Der Wechsel aus den autobiografisch stets präsenten Phasen der Depression hin ins eskapistische Reich aus Liebe und Eros schlägt sich entsprechend auch in der Konzertdramaturgie nieder.

Sirenengesänge

Mit "Dance Me To The End Of Love" und Leonard Cohens auf Anhieb innigem Vortragsstil geht es los. Erstmals an diesem mit 160 Spielminuten gewohnt großzügig bemessenen Abend zieht mit Cohens Gang in die Knie auch seine Bassstimme tief ins Bodenlose hinunter. Dort lauert mit "The Future" ein dystopisches Bildnis der Zukunft, das bei "Everybody Knows" auf die akut zynischen Fakten des Weltengangs trifft: Was will man machen?

Sich den Frauen widmen, zum Beispiel. Leonard Cohen greift zu "Suzanne" selbst in die Saiten, auch zum erbauenden "Sisters Of Mercy" oder zu "Chelsea Hotel #2", der Schilderung einer sexuellen Begegnung mit Janis Joplin. Er geht mit dem live als L’Amour-Hatscher gegebenen "Bird On The Wire" zurück zu seinen Anfängen als Dichterfürst auf der griechischen Insel Hydra, wo er sich den Weltschmerz erstmals mit Musik von der Seele schrieb. Und er entführt im hier bittersüß angelegten Dreivierteltakt von übermächtigen Songs wie "Hallelujah" und "Take This Waltz" wahlweise geschlossenen Auges oder mit gütigem Blick ins Tausend Tränen tief gelegene Land der seelischen Reinigung. Bewegend auch die Dreiecksgeschichte von "Famous Blue Raincoat" oder die Résistance-Verdichtung "The Partisan".

Mit seiner siebenköpfigen Band und Kreativpartnerin Sharon Robinson am Mikrofon neben den auf ätherische Sirenengesänge gebuchten Webb Sisters wird die Bandbreite des Folkspektrums musikalisch auf Kosten Cohens eigentümlichen Synthesizergebrauchs von einst voll ausgespielt. Zusätzlich fährt "First We Take Manhattan" mit Groove auf und kommt "Closing Time" zur Sperrstunde hin kreuzfidel daher, während Leonard Cohen seinen Musikern viel Raum zum Solieren lässt und dabei in Demut den Hut vor ihnen zieht.

Diesem Ritual schließt man sich selbst an, als Cohen nach zwei Zugabenblöcken noch einmal rüstig über die Bühne tanzt – und einen Abend beschließt, der niemals vergessen wird.


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Schlagwörter

Pop, Leonard Cohen

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-07-28 12:45:17
Letzte Änderung am 2013-07-28 13:17:46




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