• vom 09.08.2013, 15:19 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 11.08.2016, 15:48 Uhr

1973

Rocken in Zeiten der Ölkrise




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Stevie Wonder:
Innervisions
Wie sein Freund Paul McCartney ist auch Stevie Wonder so talentiert, dass er alle Instrumente einer Platte selbst spielen kann. Nachzuhören etwa auf "Innervisions", denn außer ein paar Percussions hat der Musiker alles selber gemacht. Und ebenfalls wie McCartney schüttelt er hier grandiose Melodien aus dem Ärmel.

Der Albumtitel ist ein ironischer Hinweis auf die Blindheit des Künstlers, der aber dennoch mehr wahrzunehmen vermag als viele, die ihr Augenlicht nicht verloren haben. Ob Drogensucht ("Too High") oder religiöse Verblendung ("Jesus Children of America"), Wonder analysiert die Zustände um ihn herum treffsicher und pointiert. Das alles in Verbindung mit Melodien, die direkt ins Herz treffen, und einem Groove, der noch den lethargischsten Menschen zum Tanzen verleiten müsste.

Who: Quadrophenia
Ein letztes Mal singen The Who hier den "Young Man Blues". Die Form ist eine zornige Rockoper, in der man das Leiden eines heranwachsenden Mopedfahrers an der Kultur mit Powerchords und heftigem Schlagwerkeinsatz abfeiert, als wolle man für die postmoderne iPhone-Nachwelt dokumentieren, was der Rock ’n‘ Roll einmal gewesen ist - der Soundtrack zum Leben wütender junger Menschen aus der Arbeiterklasse. Nie war Pete Townshends Gitarrenarbeit maskuliner, nie John Entwistles Bass nervöser, nie Keith Moons Schlagzeug gewalttätiger - und nie klang Sänger Roger Daltrey so sehr nach Aggression, Hass und Verzweiflung. "Quadrophenia" ist eine Musik gewordene Testosteron-Vergiftung.

Bob Marley And The Wailers: Burnin’
Die letzte Wailers-Platte in klassischer Besetzung mit Marley, Peter Tosh und Bunny Wailer hat den Reggae als eine der bestimmenden Musikrichtungen der 70er-Jahre etabliert und allen Beteiligten zu ansehnlichen Solokarrieren verholfen. Mit Songs wie "Get Up, Stand Up" und "Burnin’ And Lootin?" machten Marley & Co auch klar, dass der karibische Sound keineswegs nur für Sonne, Marihuana und Rum stand, sondern auch für Rebellion, Third-World-Bewusstsein und Antirassismus. Die später auf Jamaika und in der weltweiten Rasta-Szene um sich greifenden unschönen Verirrungen wie Frauenfeindlichkeit und Homophobie sucht man hier zum Glück vergeblich. Eric Clapton bediente sich bei dem Album und machte aus "I Shot The Sheriff" einen Welthit, der diese Spielart der Black Music endgültig salonfähig machte.

The Rolling Stones: Goats Head Soup
In den frühen 70ern geht in Rockerkreisen der Heroin-Sensenmann um und die Stones bitten gleich mit dem Opener dieser Platte zum Totentanz ("Dancing With Mr. D"). Nach "Exile On Main Street" finden Mick und die Boys hier ein letztes Mal zu echter Größe, ehe der langsame Abstieg zum nostalgischen Stadion-Act beginnt. Ein bisschen hört man das Ausgebranntsein auch hier bereits, aber noch schütteln Jagger und Richards Weltsongs wie "Angie" und "Doo Doo Doo Doo Doo (Heartbreaker)" aus dem Armgelenk. Auch einige der besten Gitarrenarbeiten der Stones sind hier zu hören, was nicht zuletzt am großartigen Mick Taylor liegt, der schon bald durch Ron Wood ersetzt werden wird.

Alice Cooper: Billion Dollar Babies
Der in amerikanischem Bier gereifte Garagenrock Alice Coopers war immer schon ein heimliches Vergnügen, dessen Genuss man ungern vor seinen intellektuellen Freunden zugab. Dabei muss man sich gar nicht genieren, wenn man diese Platte auflegt und Titel wie "Raped And Freezin’" oder "I Love The Dead" aus den Boxen röhren. Klar ist das alles sehr sleazy und pueril, aber manchmal braucht man das eben - vor allem, wenn man jung und männlich ist. Vor allem die remasterte Version klingt erstaunlich frisch und zeitgemäß, mit dem kuriosen Titelsong, auf dem Hippie-Barde Donovan zusammen mit Cooper Led Zepplin spielt. Und auch noch mit über 40 kann man diese Platte hervorkramen, ein Bier aufmachen und "No More Mr. Nice Guy" in voller Lautstärke abspielen . . .

Weitere 1973er-Platten:

John Lennon: "Mind Games". Bruce Springsteen: "Greetings From Asbury Park, N.J." und "The Wild, The Innocent & The E-Street Shuffle". Frank Zappa: "Over-Nite Sensation". Little Feat: "Dixie Chicken". Paul Simon: "There Goes Rhymin’ Simon". James Brown: "The Payback". The Doobie Brothers: "The Captain And Me". Cat Stevens: "Foreigner". The Kinks: "Preservation Act 1". David Bowie: "Pin Ups" und "Aladdin Sane". Fleetwood Mac: "Mystery To Me". Bob Dylan: "Pat Garret And Billy The Kid". Steeleye Span: "Parcel of Rogues". Van Morrison: "Hard Nose The Highway". Graham Nash: "Wild Tales". The Byrds: "The Byrds". The Band: "Moondog Matinee". Amon Düül II: "Vive La Trance". Fairport Convention: "Rosie". Led Zeppelin: "Houses Of The Holy". The Stooges: "Raw Power". Toots And The Maytals: "Funky Kingston". Roxy Music: "For Your Pleasure". Mike Oldfield: "Tubular Bells". Black Sabbath: "Sabbath Bloody Sabbath". Can: "Future Days". Queen: "Queen". Eagles: "Desperado".

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Dokument erstellt am 2013-08-09 15:23:09
Letzte Änderung am 2016-08-11 15:48:48



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