• vom 01.08.2014, 14:05 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 11.08.2016, 15:49 Uhr

1974

Rocken und Rücktritte




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John Lennon:Walls And Bridges

1973 hatte Yoko Ono den mit ihr in einer fast schon ungesund symbiotischen Beziehung lebenden John vor die Tür gesetzt, was dieser zu einer 18-monatigen Sauftour in Kalifornien nutzte. Als er danach, nach New York zurückgekehrt, den Alkohol absetzte und stattdessen wieder mehr Cannabis rauchte, war er zwar immer noch von seiner Liebsten getrennt, aber voller Ideen für neue Songs, die sich zum Teil gerade um diese Trennung und die daraus resultierenden Schmerzen drehten. Mit der Creme der internationalen Studiomusikerszene spielte der Ex-Beatle Anfang 1974 ein Album ein, das zu einem seiner besten werden sollte. Den teils nervigen Agitprop der vorherigen Platten kickte Lennon hier zugunsten persönlicher Betrachtungen raus, führte die Musiker ähnlich straff wie er es aus Tagen mit den Beatles gewohnt war und servierte den Fans neben fetzigem Charts-Material ("Whatever Gets You Thru The Night") auch bezaubernden Post-Psychedelic ("#9 Dream").

Randy Newman: Good Old Boys

Über die Sorgen und Nöte der Arbeiterklasse zu singen war zwar 1974 ein ebenso starkes Kassengift wie heute, aber hätte sich Randy Newman zu viele Gedanken über den kommerziellen Erfolg seiner Werke gemacht, wäre die Welt heute um etliche Klassiker ärmer. Auf diesem Album nahm er, was damals in den USA unter Linksliberalen ein großes No-Go war, die Perspektive der weißen Arbeiterklasse aus den Südstaaten ein, natürlich nicht ohne etliche ironische Brechungen, aber eben doch letztendlich ehrlicher und mitfühlender, als es der angeblich linke Mainstream damals konnte, für den der Süden bloß aus dummen Rassisten bestand. Erstaunlich, wie aktuell manche Textzeile heute wieder wirkt: "We know it may sound funny / but people everywhere are running out of money", wie es bei "Mr. President (Have Pity On The Working Man)" etwa heißt. Die ohnehin schon guten Songs wertete Newman noch mit perfekten Arrangements auf, die seine klassische Ausbildung durchklingen ließen. "Good Old Boys" sticht im durchwegs beeindruckenden Schaffen Newmans noch einmal besonders positiv hervor.

Frank Zappa: Apostrophe (’)

Vor die Wahl gestellt, aus den über 50 Platten Frank Zappas eine auszusuchen, die sein Werk am ehesten umfassend repräsentiert, müsste man zu dieser Scheibe greifen. Hier ist einerseits Franks Fähigkeit als Komponist und Arrangeur schon voll ausgereift, anderseits funkelt an vielen Stellen noch der wilde Hund durch, der mit den Mothers Of Invention in den 60ern die Hörgewohnheiten aufgemischt hatte.

Begleitet von Virtuosen wie Jean-Luc Ponty und Jack Bruce, startet Zappa die LP mit dem Ohrwurm "Don’t Eat The Yellow Snow", um gleich danach in genau durchkalkulierten Blues- und Jazzrock überzugehen, immer wieder von messerscharfen Gitarrensoli durchzogen wie ein spektakulärer Gewitterhimmel von Blitzen. Nach "Over-Nite Sensation" war dieses Album Zappas zweiter kommerzieller Erfolg, schaffte es in den USA sogar zum Gold-Status und ist bis heute sein bestverkauftes Werk.

Brian Eno:Here Come The Warm Jets

Die beste Platte der Glamrock-Ära stammt nicht von den üblichen Verdächtigen David Bowie oder T. Rex, sondern vom ehemaligen Roxy-Music-Keyboarder Brian Eno. Der injizierte dem Glam eine große Portion Performancekunst (teilweise tanzte er vor den Begleitmusikern und forderte sie auf, den Tanz zu "vertonen") und Elektronik und schrieb mit "Needles In The Camel’s Eye", "Baby’s On Fire" und "Dead Finks Don’t Talk" drei der essenziellen Songs jener Tage. Mit dem teils ruppigen, teils ätherisch-schwebenden Sound war das Album wegweisend für den Klang vieler Platten der mittleren und späten 70er Jahre und Brian Eno wurde einer der gefragtesten Produzenten seiner Generation, sozusagen Englands Phil Spector.

Steely Dan: Pretzel Logic

Der gleichzeitig ironische und völlig ernst gemeinte Umgang von Donald Fagen und Walter Becker mit Elementen aus Pop, Jazz, Rock und Blues erreichte auf dieser Platte seinen konzentriertesten Höhepunkt. Kaum jemand anderes packte so viel in das Drei-Minuten-Format wie die beiden Exzentriker aus New York, die den Spagat zwischen eingängigen Mitsumm-Melodien und komplexen Strukturen perfekt beherrschten. Mit "Rikki Don’t Lose That Number" hatte die Band auch einen internationalen Hit, der uns noch heute gerne in Classic-Rock-Sendern und in Filmen begegnet. Interessant ist das Album auch für Jazz-Fans, die neben New-Orleans-Einflüssen auch Charlie-Parker-Riffs in ungewöhnlicher klanglicher Umgebung wiederfinden können.

Weitere wichtige Plattenaus dem Jahr 1974:

Gil Scott-Heron/Brian Jackson: "Winter In America"; Neil Young: "On The Beach"; Queen: "Sheer Heart Attack"; David Bowie: "Diamond Dogs"; Joni Mitchell: "Court And Spark"; Van Morrison: "Veedon Fleece"; Roxy Music: "Country Life"; Kraftwerk: "Autobahn"; Lou Reed: "Rock ’n’ Roll Animal"; Leonard Cohen: "New Skin For The Old Ceremony"; The Rolling Stones: "It’s Only Rock ’n‘ Roll"; Ry Cooder: "Paradise And Lunch"; Barry White: "Can’t Get Enough"; Cockney Rebel: "The Psychomodo"; Bob Dylan And The Band: "Before The Flood"; Eagles: "On The Border"; The Kinks: "Preservation Act 2"; Cat Stevens: "Buddha And The Chocolate Box"; Can: "Soon Over Babaluma"; Nico: "The End..."; George Harrison: "Dark Horse"; Dr. John: "Desitively Bonnaroo"; James Brown: "Hell"; War: "War Live"; T. Rex: "Zinc Alloy And The Hidden Riders Of Tomorrow - A Creamed Cage In August"; Fleetwood Mac: "Heroes Are Hard To Find"; Aretha Franklin: "Let Me In Your Life"; Taj Mahal: "Mo’ Roots".



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Dokument erstellt am 2014-08-01 14:08:04
Letzte Änderung am 2016-08-11 15:49:05



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