• vom 08.05.2015, 17:37 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 08.05.2015, 18:13 Uhr

Pop in China

Jenseits der Lederhose




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  • Mit DJ Rokko Ramirez und Farewell Dear Ghost tourten zwei österreichische Acts durch China, die mit Mozart- und Sissi-Klischees nichts am Hut haben.

"Das Känguru ausÖsterreich": Rokko Ramirez bei seinem Gastspiel in China. Midi Festival

"Das Känguru ausÖsterreich": Rokko Ramirez bei seinem Gastspiel in China. Midi Festival

Peking. (red) Langer Rauschebart, breitflächige Tattoos auf dem auf und ab hüpfenden Körper, dazu hämmernde Beats aus den Boxen: Es war ein ungewöhnliches Schauspiel, das den chinesischen Musikfans über die Maifeiertage geboten wurde. "Das Känguru aus Österreich" - "Endlich ein Weihnachtsmann, der rocken kann" oder einfach nur "Wahnsinns-Party" war in den Tagen danach in den sozialen Netzwerken über den Auftritt von Rokko Ramirez zu lesen. Dieser ist nach Eigendefinition "Österreichs härtester DJ der Welt" - und der erste heimische Musiker, der es auf das prestigeträchtige MIDI-Festival geschafft hat. Das MIDI ist Chinas bekannteste und renommierteste Musikveranstaltung für Rock- und Populärkultur, in diesem Jahr zog das dreitägige Event am Taihu See von Suzhou in der Provinz Jiangsu 40.000 Besucher an. Neben bekannten chinesischen Acts wie Tang Dynasty und Escape Plan traten dabei auch internationale Bands auf.

Eben Rokko Ramirez, dessen China-Tour 2015 über die Hauptstadt nach Suzhou und Shanghai in Ostchina führte. Zwei Club-Gigs und zwei Festival-Auftritte standen dabei auf dem Programm, womit der Wiener mit dem bürgerlichen Namen Gerold Haubner China-Pionier und -Veteran zugleich ist: "Über das Jahr verteilt gibt es verschiedene Ausgaben des MIDI-Festivals, und 2013 habe ich bereits zu Silvester im südchinesischen Shenzhen aufgelegt. Die Reaktionen damals waren so beeindruckend, dass ich unbedingt wiederkommen wollte, damit es nicht nur bei einem Zufallserfolg bleibt."


Größere Versammlungen werden scheel beäugt
Da der Zuspruch bei den aktuellen Auftritten noch euphorischer ausfiel, kann der DJ offensichtlich bereits auf eine kleine Fan-Basis im 1,3-Milliarden-Reich zurückgreifen. Und noch etwas beeindruckte das österreichische Szene-Urgestein: "Bei meinem ersten Besuch bin ich ins kalte Wasser geworfen worden, es gab kaum eine Künstler-Betreuung, ich konnte mich nicht verständigen und wusste nicht einmal, wo ich etwas zu essen bekomme. Diesmal war die Organisation top, von der Abholung über das Rahmenprogramm bis zu den Hotels hat alles wie am Schnürchen geklappt."

Was angesichts der Umstände im Vorfeld keineswegs selbstverständlich ist: Zwei Wochen vor dem Startschuss der Veranstaltung stand noch nicht einmal fest, ob das MIDI heuer überhaupt stattfinden könnte. Es fehlten sowohl die Genehmigungen als auch ein geeigneter Veranstaltungsort. An derlei Ungemach haben sich die Veranstalter der Beijing Midi School of Music freilich längst gewöhnt: Seit der ersten Ausgabe 1997 mussten sie jedes Jahr einen anderen Standort suchen, und jedes Mal ging es weiter von der Hauptstadt weg. Das liegt in erster Linie daran, dass die Behörden größere Menschenansammlungen in den Städten nicht gerade schätzen. Doch in diesem Jahr liegen ihre Nerven besonders blank: Nach der Massenpanik in Shanghai zu Silvester mit 36 Toten darf sich niemand einen Fehler leisten. Zudem wirft die große Militärparade ihre Schatten voraus, die Anfang September über den Platz des Himmlischen Friedens rollen wird, um des Endes des Zweiten Weltkrieges in Asien zu gedenken.

Nicht viel besser ging es der zweiten österreichischen Musik-Formation, die dieser Tage durch China unterwegs war: Die Indie-Hoffnung Farewell Dear Ghost, die 2013 mit ihrer Single "Fire" Platz1 der FM4-Charts erreichte, wäre ursprünglich für das Strawberry-Festival gebucht gewesen. Das MIDI-Gegenstück, das üblicherweise noch etwas internationaler besetzt ist, wurde aber heuer kurzerhand abgesagt. "Das war natürlich ein Problem, denn mit diesem Auftritt waren auch diverse Förderungen verbunden", erzählt Bandkopf Philipp Szalay. Doch die Steirer machten aus der Not eine Tugend und stellten in kürzester Zeit eine Tour durch das Riesenreich auf die Beine, die sie nicht nur nach Peking und Shanghai führte, sondern auch in "Zweitliga"-Städte wie Nanjing und Wuhan. Dort leben immerhin fünf beziehungsweise acht Millionen Menschen, auch wenn die Konzerte teils stark improvisiert waren: "In Nanjing hatten wir nicht einmal Verstärker."

Dennoch zieht Szalay am Ende der Reise eine zufriedene Bilanz: "Mit solchen Reaktionen hätten wir nie gerechnet, das war wirklich unglaublich und wir würden auf alle Fälle wiederkommen." In dasselbe Horn stößt auch Rokko Ramirez: "Das Publikum hier ist einfach viel dankbarer und hat eine echte Freude, wenn Künstler aus dem Ausland für sie einen weiten Weg auf sich nehmen."




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Dokument erstellt am 2015-05-08 17:41:13
Letzte Änderung am 2015-05-08 18:13:55



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