• vom 11.12.2015, 17:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Pop

Ein Kunstwerk bis zum Äußersten




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Von Uwe Schütte

  • Eine Geheimgeschichte aus der Popkultur: Der verquere Weg des Genesis P-Orridge, Mitbegründer von u. a. Throbbing Gristle und Psychic TV.

Wozu, wenn nicht für solche Entdeckungen, hören wir Musik? Im Mai 2004 fiel sie mir unter den "Neuerscheinungen der Woche" auf - diese CD in einem goldenen Schuber, auf dem ein Kreuz mit drei Querbalken den Blick auf das darunterliegende Foto eines Mannes teilweise freigab. In Versalien prangte der umständliche Titel "GODSTAR. THEE DIRECTOR’S CUT BY PSYCHIC TV. A FILM SOUNDTRACK. BASED ON THEE LIFE AND TIMES OV BRIAN JONES" darauf. Besagter Film war mir unbekannt, doch Psychic TV, soviel wusste ich, war die von Genesis P-Orridge gegründete Nachfolgeband von Throbbing Gristle - jenen Lärmterroristen, die in den späten 1970ern mit ihrer kompromisslosen Anti-Musik das Indus-trial-Genre erfunden hatten.

Auf erratischer Reise durch den künstlerischen Randbereich: Genesis P-Orridge, hier auf dem Buchcover (Foto: Alex Klein)

Auf erratischer Reise durch den künstlerischen Randbereich: Genesis P-Orridge, hier auf dem Buchcover (Foto: Alex Klein) Auf erratischer Reise durch den künstlerischen Randbereich: Genesis P-Orridge, hier auf dem Buchcover (Foto: Alex Klein)

"Industrial music for industrial people" lautete das Motto der Band, die als Logo ihres selbstgegründeten Labels die stark stilisierte Darstellung eines Krematoriums aus Auschwitz wählte. Die ganze Kulturkritik der Frankfurter Schule brachte die Band durch ihr provokantes Logo und ihr tautologisches Motto auf den popkulturellen Punkt. Nach Auschwitz darf man nicht nur keine harmlosen Wald- und Wiesengedichte mehr schreiben, ebenso wenig konnte man auch keine gefällige Popmusik zum immergrünen Thema "boy meets girl" spielen. Throbbing Gristle attackierten ihr Publikum mit ohrenbetäubendem Lärm und experimentierten mit der Wirkung von Tieffrequenzen, Reaktionen wie Schwindelgefühlen, Übelkeit, Erbrechen, Epilepsieanfällen. Sound-Terrorismus.

So sehr mich dieses extremistische Konzept faszinierte, so wenig übersetzte sich die intellektuelle Freude an Throbbing Gristle in Hörgenuss. Doch schon das Design von "GODSTAR" machte klar, dass P-Orridge mit Psychic TV eine kommensurablere Musik spielen würde. Und so kam es: Bereits mit dem Titelstück erklang berückender Pop. Das ganze Album war ein Denkmal für Brian Jones, den Gründer der Rolling Stones, die ihn aber aus der Band warfen, als seine Drogenexzesse zu stark wurden. Bald darauf, Anfang Juli 1969, lag er tot im Pool seines Anwesens. P-Orridge war Jones einmal zufällig als Teenager begegnet - ein schicksalhaftes Erlebnis, das sein Leben veränderte und ihn auf eine erratische Reise durch die Randbereiche der Kultur schickte, die ich mit nicht geringer Faszination nachverfolgte: 1969 initiierte er die extremistische Performancegruppe COUM Transmissions, aus der 1975 Throbbing Gristle hervorging. Nach dem Ende der Industrial-Erfinder gründete P-Orridge 1981 die neu-heidnische Sekte Temple ov Psychick Youth, als deren musikalischer Arm Psychic TV fungierte.

Anfang der 1990er lernt er in New York im Folterkeller einer befreundeten Domina deren Kollegin Jaye Breyer kennen. Liebe auf den ersten Blick - bei beiden. Und zwar derart heftig, dass sie das radikale Kunstprojekt der Pandrogynie erfanden: P-Orridge ließ sich Brüste in der Größe jener von Jaye anoperieren, während sie sich Gesichts-OPs unterzog, um so auszusehen wie er. Motto: Deny gender. Eine Seele in zwei gleichen Körpern. Tragischerweise starb Jaye im Jahr 2007 an einem Herzinfarkt. Sie wurde nur 38 Jahre alt.

P-Orridge ist seitdem nicht mehr der alte. Dennoch macht er unverändert weiter, seine Existenz als bis zum Äußersten führendes Kunstwerk zu leben. Dieser Tage ist er mit Psychic TV auf Tour durch die USA. Seine verquere Biografie, so schien mir, verdient einen genaueren Blick, der aber nicht aus der Fanperspektive stammen darf, um Triumphe wie Fehlleistungen zu erfassen. In einem assoziativen Essay, der zwischen Faszination und Kritik oszilliert, wird darin quasi eine Geheimgeschichte aus der Popkultur erzählt.

Als Titel dafür wählte ich den Titel jenes Albums, mit dem für mich vor über zehn Jahren alles begann: "GODSTAR".

Information

"GODSTAR - Der verquere Weg des Genesis P-Orridge" von Uwe Schütte ist soeben in limitierter Auflage in der vom Wiener Künstler Robert Jelinek herausgegebenen Reihe Der Konterfei erschienen.

Buchpräsentation am 12. Dezember in der Wiener Künstlerhaus-Passage. Beginn: 19 Uhr. Eintritt frei.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-12-11 14:47:14
Letzte Änderung am 2015-12-11 16:14:58



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