• vom 07.01.2016, 15:05 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 07.01.2016, 15:54 Uhr

Pop

Hybride aus geheimen Gärten




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Von Andreas Rauschal

  • Mit "Blackstar" veröffentlicht David Bowie ein dunkles, ein faszinierendes Alterswerk.

Ja, Wahnsinn! Am Freitag wird David Bowie 69 Jahre alt. Er beschenkt sich - und uns! - mit seinem experimentierfreudigsten Album seit langem. - © Jimmy King

Ja, Wahnsinn! Am Freitag wird David Bowie 69 Jahre alt. Er beschenkt sich - und uns! - mit seinem experimentierfreudigsten Album seit langem. © Jimmy King

Auskünfte über sein neuestes Werk gibt der Mann selbstverständlich auch diesmal nicht. Er ist David fucking Bowie und kann es sich leisten, die Arbeit für sich sprechen zu lassen. Von den wenigen gesicherten Informationen, die über den nur mit einem Sternsymbol versehenen, allerdings "Blackstar" geheißenen 25. Studiostreich des Meisters verfügbar sind, gehen im Grunde alle auf Tony Visconti zurück, Bowies Produzenten und lebenslangen Partner in Crime. Noch vor einem ersten Hördurchgang und vor allem nach Veröffentlichung der titelgebenden Auftaktsingle war dabei nahegelegt, dass sich Bowie noch einmal neu erfunden und so etwas wie ein sehnsüchtig erwartetes radikaleres Spätwerk eingespielt haben könnte, mit dem man zuletzt nicht mehr rechnen wollte.



Nach seiner zehnjährigen Veröffentlichungspause in Folge eines Herzinfarkts während der "A Reality Tour" im Jahr 2004 war der Mann schließlich mit seinem unter strengster Geheimhaltung eingespielten und entsprechend überraschenden Comebackalbum "The Next Day" 2013 so grundsolide wie bisweilen ganz wunderbar, aber auch weitgehend nahtlos zum für seine Verhältnisse gewöhnlichen Midtemporock von vor seiner Auszeit zurückgekehrt.



 
Für "Blackstar" (Sony Music), das nun pünktlich zum 69. Geburtstag Bowies am 8. Jänner erscheint, war das Ziel laut Visconti, Rock’n’Roll überhaupt zu vermeiden.

Gefühlslage Großstadtblues

Bei einem Besuch im Club fand der einstige Stilhopper seine ganz dem Jazz verschriebenen Erfüllungsgehilfen, von denen nicht zuletzt Mark Guiliana am Schlagzeug und Donny McCaslin am Saxofon im Grenzland zwischen spröden Beats und nächtlich-verwaschenem Großstadtblues (die Gefühlslage, nicht das Genre!) Hauptrollen spielen. Im Titelstück, das im letzten Moment auf knapp unter zehn Minuten geschnitten wurde, um eine Veröffentlichung auf iTunes zu garantieren, wird die Stoßrichtung vorgegeben: Bowie singt mit dünn-zerbrechlicher Stimme und dem gewissen Orgien-Mysterien-Einschlag, bevor schamanische Gruppengesänge einen durch Outer Space schwebenden Mittelteil rituell willkommen heißen. Greifbares trifft auf Verschwimmendes, womöglich ist der Song, der auch textlich wenig zum Festhalten bietet, laut McCaslin aber vom Daesch inspiriert wurde (wovon Visconti wiederum nichts wissen will), ein Fiebertraum mit Exekutionsvisionen. Sicher aber ist er ein eigentümlich faszinierendes Hybrid, das durch geheime Gärten und verwunschenes Dystopia führt. Es klingt nach erheblich zu viel Kokain, so wie Mitte der 70er Jahre, als Bowie in seiner "Station To Station"-Zeit dem Wahnsinn entgegenschritt.

Atemloser Groove

Ja, Wahnsinn! Bei "’Tis A Pity She Was A Whore" wird Bowie von einer Prostituierten am Schwanz gepackt, verprügelt, beraubt. Ein atemloser Groove verbrüdert sich dazu mit Bläsern, die New Orleans in Richtung Free Jazz abstrahieren. Im Anschluss gerät die Trümmerballade "Lazarus", die Bowies gleichnamigem aktuellem Off-Broadway-Stück zugrunde liegt, zum nachdenklichen Spaziergang über regennasse Straßen. Spätestens der auf einem Jazzrock-Groove errichtete und (in einer alternativen Fassung) schon bekannte Mörder- und Mordssong "Sue (Or In A Season Of Crime)" bringt nicht zuletzt mit Bowies entrücktem Markantgesang Scott Walker auch als ästhetische Referenzgröße ins Spiel. Dieser radikalisierte sich nach Anfängen im tragisch gestimmten Schlagerpop seiner Walker Brothers bekanntlich überhaupt erst im Spätwerk (und wurde von Bowie als Produzent der Doku "30 Century Man" und mit einem Cover seines Songs "Nite Flights" schon früher gewürdigt). "Girl Loves Me" wiederum, das dem Seltsamen und der Schieflage eine hübsch verspielte Note beimengt, könnte man sich auch gut als Kopfgeburt von Annie Clark alias St. Vincent vorstellen, die zuletzt mit David Byrne einen anderen alten Meister als Bruder im Geiste fand.

Mit "Dollar Days" schlüpft David Bowie dann noch in die Rolle des genüsslichen Teasers. Hier wird große balladistische Songwritingkunst der klassischen Schule versprochen, bevor der Song abbiegt, abermals durch den Orbit flottiert und das Saxofon in emphatischer Solierlaune in den Jazzkeller lädt. Am Ende erweist sich "I Can’t Give Everything Away" als nicht nur vergleichsweise stromlinienförmig, es drückt dem Album auch die Pointe auf: "This is all I ever meant. That’s the message that I sent", singt der Mann, der nicht alles preisgeben will. Seine Botschaft: ein faszinierendes Rätsel, ein schillernder Irrgarten, ein schwarzer Stern, dessen Strahlkraft für uns auf die "Repeat"-Taste drückt.





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Schlagwörter

Pop, CD-Kritik, David Bowie

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-01-07 15:08:05
Letzte Änderung am 2016-01-07 15:54:40



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