• vom 04.04.2016, 14:10 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 04.04.2016, 14:23 Uhr

Amadeus Awards

Künschtler machen Ganslhaut




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Von Andreas Rauschal

  • Am Sonntag fand im Wiener Volkstheater wieder der "Amadeus Austrian Music Award" statt.

Die beste Nachricht zuerst: Andreas Gabalier war diesmal nicht anwesend. Das heißt, er konnte anlässlich der Verleihung seines "Amadeus Awards" in der Kategorie "Volksmusik" zur Abwechslung einmal nicht Blödsinn über beispielsweise Manderl und Weiberl und ihr Verhältnis unter- und nebeneinander sowie insbesondere zur österreichischen Bundeshymne reden. Dafür überließ man einer Schlagersängerin den Vortritt, die an sein Genre als mögliches Mittel zur Völkerverständigung erinnerte – um sich danach trotzdem als Gabalier-Fan zu outen. Neben dem Thema Toleranz in den Dankesreden, das nicht nur auf der Agenda stand, weil Conchita Wurst zum zweiten Mal in Folge als "Künstlerin des Jahres" ausgezeichnet wurde – ein Haufen angeblich harter, dabei aber eh nur "lustig"-depperter Rocker namens Turbobier hatte auch etwas zu sagen, etwa, dass Konsumenten von alkoholfreiem Bier sicherlich nicht zu dulden seien –, ging es heuer nämlich betont auch um versöhnliche Botschaften.

Wobei: Ö3!

Wanda und Bilderbuch, die Hauptkonkurrenten in den Hauptkategorien, wollten nicht streiten. Marianna Mendt, in Sachen Dialektgesang und Jazz-Mendtorentum für das "Lebenswerk" ausgezeichnet, streute den Nachkommen Rosen. Schmieds Puls um Singer-Songwriterin Mira Lu Kovacs, frisch mit dem "FM4 Award" geehrt, schafften das Kunststück, gleichzeitig mit Austrofred auch unserem ansonsten für das Rocken von ganzen Fußballstadien zuständigen Champion eine "Ganslhaut" aufzuziehen. Nicht zuletzt aber war Hubert von Goisern (Künstler des Jahres) dem ORF gegenüber sehr nett. Vermutlich auch, weil die einst von ihm beim "Amadeus" selbst gescholtene Anstalt den alten Awardshow-Problembären bereits seit 2008 nicht mehr überträgt – und es sich derzeit für ATV mit Manuel Rubey zumindest die eine Hälfte des von "Mein Name ist Arabella Kiesbauer" komplettierten Moderatorendoppels nicht nehmen lässt, Verbalwatschen auszuteilen und etwa auch den Untergang von Ö3 heraufzubeschwören.

Man darf nicht vergessen, dass die nun auch in den zentralen Kategorien "Band des Jahres" und "Pop/Rock" (Wanda) sowie "Album des Jahres" (Bilderbuch) ausgezeichneten eigentlichen Sieger des Abends am großen öffentlich-rechtlichen Radiodampfschiff zunächst gar nicht und später nur im Nachtprogramm geduldet waren, weil man österreichische Musik dort von oben herab als geschäftsschädigend betrachtet. Dabei haben beide grundsätzlich aus Indiehausen stammende Acts schon ursprünglich erkannt, dass die alten Schlachtrösser der Industrie heute nicht mehr so wichtig sind, wenn man a) Ideen hat und b) nur ausreichend mutig, kreativ und spielerisch veranlagt ist, um sie zu verkaufen. Auch wenn sich Wanda für den Kohle-Aspekt heute eh von Universal Music Deutschland aushelfen lassen und Arabella Kiesbauer die Band als Beispiel dafür hernehmen wird, dass für Erfolg im Geschäft ein Spagat nötig ist – und sei es der "zwischen poetischen Texten und Skihüttenhits". Soso!

Ironische Wahrheiten

Die Tiroler Kabarettistin Nina Hartmann wiederum dachte am Beispiel Wandas eher über den Begriff der Authentizität im Spannungsfeld von "Künschtler und Kaschtingschohs" nach. Das klang interessant. Und mit "Ham kummst" von Seiler und Speer wurde dann auch noch ein tatsächlicher Skihüttenhit zweifach ausgezeichnet. Wobei das gleichfalls kabarettistisch aufgeladene Duo mit seiner sicherlich ironisch gemeinten Dankesrede der Wahrheit recht nahe kam: "Trauriges Österreich, wenn das der beste Song war."

Allerdings sollte man den "Amadeus" auch nicht zu ernst betrachten. Hey, das ist die Entertainmentbranche! Es durfte im Rahmen der 16. Ausgabe immerhin auch eine Frau auf der Bühne stehen, die Sarah Connor heißt, und mit jemandem sang, der Bahnbrechendes über den Austragungsort, das Wiener Volkstheater, zu sagen hatte. "Sieht aus wie in Wien!"

Der wenig überraschend zum vierten Mal von Parov Stelar in Empfang genommene Award in der Kategorie "Electronic/Dance" wurde von einer "Beauty- und Lifestyle-Bloggerin" anmoderiert. Niemand wusste, warum, fest stand, dass es genauso schlüssig war wie Sarah Connor als "Stargast". Auf dem Höhepunkt befanden sich die auch angesichts des nicht immer zündenden Moderationsscripts ratlosen Mienen im Publikum aber beim Auftritt einer Frau namens Hannah, die mit "Alpenpunk aus Tirol" angeblich Deutschland aufmischen will und vorerst einen Song vorstellte, der einigermaßen klingt, wie er heißt: "Scheissegal" (sic!).

Deutschland kann einem jedenfalls leidtun. Man selbst war danach sehr müde und traurig.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-04-04 14:13:34
Letzte Änderung am 2016-04-04 14:23:36




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