• vom 26.04.2016, 16:04 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 27.04.2016, 11:23 Uhr

neues Album

Heute wird wie gestern sein




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Von Andreas Rauschal

  • Max Gruber alias Drangsal reicht auf seinem Debüt Welthits für Depeche-Mode-Partys. Pein!

Hey, er kann das auch! Max Gruber ist Drangsal. Live am 24. November im Wiener B72.

Hey, er kann das auch! Max Gruber ist Drangsal. Live am 24. November im Wiener B72.© Jim Rakete Hey, er kann das auch! Max Gruber ist Drangsal. Live am 24. November im Wiener B72.© Jim Rakete

Dem Internet sei Dank weiß man, dass Depeche Mode seit zwei Wochen in Kalifornien an ihrem 14. Album schrauben. Wie man sich noch von den Vorgängerwerken her erinnert, führt das in einschlägigen Fan-Foren verlässlich sehr bald zur Debatte, ob denn nicht Alan Wilder als seinerzeit für den Sound mitverantwortliches, allerdings bereits vor rund 20 Jahren ausgestiegenes Ex-Bandmitglied bitteschön mit an Bord sein könnte?!? Es wäre deshalb, damit alles wieder wird, wie es war. Pop ist heute eine sehr nostalgische Sache. Und gerade in Hinblick auf den gerne dem Weltschmerz, dem Leid und auch der masochistischen Selbstgeißelung verschriebenen Pop der klassischen Schule der 1980er Jahre ergibt sich nicht selten ein genüsslich qualvolles Auskosten der daraus resultierenden Pein.

Schmerzenspop
Wenn die Altvorderen sich weiterentwickeln, ihre Vergangenheit ablehnen oder (wie dann eh meistens) zumindest ein paar Dinge anders machen wollen als damals, als in Berlin noch die Mauer stand, Telefone Kabel hatten und keine Kameras waren oder in Österreich der Rote und der Schwarze gemeinsam 84 Prozent der Wählerstimmen an ihrer Seite wussten, muss eine Generation der zu spät Geborenen her, um künstlerisch für das Weitergehen, die Wiederholung zu sorgen. Hey, wir können das auch!


An der Speerspitze der Erinnerungskultur in Sachen Elektropop mit Betonung auf Pop stand etwas unbefriedigend zuletzt das britische Duo Hurts. Weil die vermutlich größte nostalgische Kernzielgruppe abgesehen von Weißrussland und Polen aber in Deutschland liegt, verwundert es eher wenig, dass mit Max Gruber als nun unter dem programmatischen Alias Drangsal debütierender Genre-Adept ein 22-Jähriger aus Rheinland-Pfalz für Nachschub sorgt, was den guten alten Schmerzenspop mit Betonung auf Schmerzen betrifft.

Sein nun vorliegender erster Streich "Harieschaim" (Caroline/ Universal Music) reiht auf tatsächlich recht beeindruckende Weise mit lockerem Händchen nicht nur möglichen Welthit an möglichen Welthit für das Einzugsgebiet von Depeche-Mode-Partys im ehemaligen Ostdeutschland oder etwa auch für die Leichenschminke- und Lederfestspiele des Wave-Gotik-Treffens in Leipzig. Er gibt sich auch themenseitig recht interessiert an der Vorarbeit seiner Helden. Abgesehen vom klassischen Herzeleid und mitunter drastischen Noten in Sachen Gewalt - Grubers urkundlich erstmals als Harieschaim erwähnter Heimatort Herxheim ist für Massenkannibalismus in der Jungsteinzeit berüchtigt, und auch ein Mehrfachmord in Oberbayern spielt eine Rolle - ist etwa der Song "Do The Dominance" von Bedeutung. Er wäre für seine Master-and-Servant-Symbolik sofort mit der Martin-Gore-Medaille am Latexband auszuzeichnen. Unterwerfung, Geißelung, ein Ausflug zu Mistress Meuchelmich und ihren gestrengen Gespielinnen in den Keller! Nicht zuletzt ist Gruber im Video zur Single "Allan Align" entlang der Regievorgaben Schuld, Sühne, Versuchung und bitte drei Vater unser als Priester zu sehen.

Schneidige Hallgitarren
Überraschenderweise macht sich Gruber in Interviews am Beispiel des allseits verehrten Joy-Division-Sängers Ian Curtis der Majestätsbeleidigung schuldig. Dafür drängt sich Morrissey als tatsächlich angebeteter Haus- und Hofheiliger auf "Harieschaim" zumindest nicht durchgehend als Primäreinfluss auf. Zwischen tanzbaren Beats, schwer ohrwurmtauglichen Hooks, markanten Synthiebässen, schneidigen New-Wave-Hallgitarren samt Saxofon, gelegentlichen Akkordbrett-Anfällen und einem grundsätzlichen Hang zur Hymne setzt es jedenfalls so gut wie keinen Sound, der zwischen 1980 und 1989 nicht in exakt dieser Form fabriziert worden wäre.

Auch wenn - und gerade weil - Gruber am Ende kein Klischee ausgespart hat, zeichnet sich ein Triumphzug von Drangsal bereits ab. Heute wird wie gestern sein. Dunkler Pop - und Pein, Pein, Pein.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-04-26 16:08:09
Letzte Änderung am 2016-04-27 11:23:05




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