• vom 28.05.2016, 14:42 Uhr

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Er macht es immer noch




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Von Bruno Jaschke

  • Auf seinem 23. Soloalbum, "I Still Do", zelebriert Eric Clapton einmal mehr die Kräfte der Beharrung. Kompetent, erfahren und substanziell gespielt - aber selten zündend.

Redundanz und eine unerschütterliche Hingabe an die Musik, mit der er groß geworden ist: Eric Clapton.

Redundanz und eine unerschütterliche Hingabe an die Musik, mit der er groß geworden ist: Eric Clapton.© Universal Music Redundanz und eine unerschütterliche Hingabe an die Musik, mit der er groß geworden ist: Eric Clapton.© Universal Music

Es ist schwierig, Eric Clapton Anhängern kontemporärer Popmusik vermitteln zu wollen. Keines der vielen Rankings, die das ehemalige Mitglied der Yardbirds, von John Mayalls Bluesbreakers, Cream, Blind Faith, Delaney & Bonnie und Derek & The Dominos unter den besten Gitarristen aller Zeiten sehen, macht die Aufgabe einfacher: Clapton symbolisiert nicht Wandel, Entdeckungsfreude, Offenheit für Neues, sondern im genauen Gegenteil Redundanz und eine unerschütterliche Hingabe an die Musik, mit der er groß geworden ist. Das ist zuallererst der Blues: eine Obsession, an der er sich stets von neuem abarbeitet. Sisyphos gleich muss er dabei immer wieder von vorne anfangen und wird nie ankommen. Albert Camus zufolge muss man sich Clapton bei seiner Sisyphos-Arbeit aber als glücklichen Menschen vorstellen.

Dylan & J.J. Cale

Der Blues ist indes beileibe nicht die einzige Musiksprache, die Clapton beherrscht. Einen prominenten Platz in seinem Schaffen nimmt das Werk des 2013 verstorbenen amerikanischen Roots-Musikers J.J. Cale ein. Nicht nur verdankt Clapton dem Pionier des "Tulsa Sound" - einer Laidback-Mischung aus Rockabilly, Blues, Country, Rock und leichtem Jazz - mit "After Midnight" und "Co-caine" zwei seiner größten Hits. Er hat vielmehr ganze LPs mit Cale-Kompositionen bestritten, zuletzt (naheliegenderweise) das Hommage-Album "The Breeze" von 2014. Acht Jahre vorher hatte er mit Cale die Grammy-dekorierte Kooperation "The Road To Escondido" eingespielt.

Schließlich ist Clapton auch ein durchaus brauchbarer Interpret Bob Dylans - und selbst ein nicht übler, wenn auch nicht übermäßig produktiver Songschreiber. Dazu hat er ein feines, nicht allzu exzessiv ausgelebtes Faible für gehobene Schlager, Gospel- und Musical-Songs, das seine Platten manchmal ein wenig austemperiert. Das alles könnte den bekennenden Engländer Clapton, der zwar noch immer kein mitreißender, auf jeden Fall aber solider Sänger ist, zu einem brauchbaren Botschafter des universalen Songbooks befähigen.

Und teilweise macht er sich auf seinem nun vorliegenden 23. Soloalbum, "I Still Do", auf dem er fast 40 Jahre nach seinem Bestseller "Slowhand" wieder mit Produzent Glyn Johns arbeitet, in dieser Funktion tatsächlich nicht übel. Defizite zeigen sich allerdings just bei Claptons vermeintlicher Domäne, dem Blues, dem er diesmal mit Deutungen von Robert Johnson, Skip James und Leroy Carr sowie zwei Songs aus eigener Feder Referenz erweist.

Das alles ist - durch ein gefühlvolles Akkordeon stimmig bereichert - wie immer sehr kompetent, erfahren und substanziell gespielt, aber es zündet einfach nie wirklich. Lediglich der Text von Claptons eigenem Song "Spiral" bekundet eine Ahnung von innerem Feuer: "You don’t know how much this means / to have this music in me / I just keep playing these blues / hoping that I don’t lose."

Zwischen den Blues-Adaptionen finden sich auf "I Still Do" vertrauter J.J.-Cale-Shuffle in "Can’t Let You Do It", eine erwartbar ordentliche Fassung von Dylans "I Dreamed I Saw St. Augustine" und ein nettes Stück des irischen Folksängers Paul Brady, das als zweiten Sänger und Gitarristen einen gewissen Angelo Mysterioso verzeichnet.

Spur zu Harrison

Ziemlich absichtsvoll wird solchermaßen eine Spur zu Claptons verstorbenem Freund George Harrison gelegt, der sich seinerzeit für seine Co-Autoren-Credits für den Cream-Hit "Badge" genau dieses Pseudonyms bedient hatte. Das ist aber vermutlich eine trügerische Fährte. Denn stimmlich spricht bei dem ominösen Gastbeiträger wenig für Harrison und viel für einen dezenten Hinweis auf der Website des "Rolling Stone", der zum Singer-Songwriter Ed Sheeran führt . . .

Mit dem Kinderlied "Little Man, You’ve Had A Busy Day" wird gewissermaßen eine zweite Ebene eingezogen, die im Weiteren schöne Versionen des alten Gospel-Traditionals "I’ll Be Alright" sowie des durch Billie Holiday bekannten Jazz-Standards "I’ll Be Seeing You" trägt: Lieder, die in verschiedenster Form eine unausgesprochene Vorgeschichte von Konflikten und Krisen ahnen lassen - und die am Ende die Überzeugung verkünden, dass man irgendwie zurechtkommen werde.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-05-27 14:47:10
Letzte Änderung am 2016-05-27 14:49:26



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