• vom 11.07.2016, 13:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 11.07.2016, 21:12 Uhr

Jazz Fest Wien

Mythologie, Utopie, Anarchie




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Von Andreas Rauschal

  • George Clinton begeisterte im Wiener Rathaus mit einer Karriereschau in Sachen P-Funk.

"Get off your ass and jam!" - Clinton, entfesselt in Wien. - © Rygalyk

"Get off your ass and jam!" - Clinton, entfesselt in Wien. © Rygalyk

Auf der Bühne werden die zehn Musiker und fünf Vokalakrobaten rund um George Clinton heute zwar auch damit beschäftigt sein, entweder als komische Intervention oder als tatsächliches dokumentarisches Mitbringsel gedachte Handyvideos ihres Auftritts zu drehen. Und es wird sich auch die in der alten P-Funk-Mythologie als Funkfeind gefürchtete Figur des Sir Nose D’Voidoffunk im Schafspelz nicht damit zurückhalten, zwischen anlassiger Tanzeinlage und tantrischer Turnstunde vor allem Unfug zu treiben. Ohne am Ende des Auftritts landendes Mothership zur Rückreise in den Orbit - und mit dem Helden des Abends, der in Sachen Outfit kurz vor seinem 75. Geburtstag beinahe seriös, jedenfalls nicht mehr wie nach einem aus dem Ruder gelaufenen LSD-Experiment aussehen will -, darf zumindest optisch aber ein gewisser Sparkurs vom einstigen Radikal-Freakout festgestellt werden.

Musikalisch hingegen werden am Samstag im Rathaus-Arkadenhof exakt keine Kompromisse gemacht - was tendenziell überraschend kommt, nachdem man die Musiker längere Zeit beim Rucksackauspacken beobachten durfte und sie auch für unmotivierte Roadies kurz vor dem Soundcheck hätte halten können. Vor allem der mächtige, zum Wippen aus dem Knie und zum Wokin mit dem Popo ladende Bass, den nur leider nicht mehr Bootsy Collins aus dem Glitzerhut zaubert, sorgt dafür, dass in den nächsten 110 Minuten alles im Fluss sein wird.

Information

Konzert
George Clinton &
Parliament Funkadelic
Jazz Fest Wien, Rathaus Arkadenhof

Zehnerpotenz Groove

Als erstaunlich fitter Zeremonienmeister mit Hang zu wohlverdienten Sitzpausen erklärt George Clinton dabei eindringlich, was er in den goldenen 70er Jahren mit seinen Bands Parliament und Funkadelic zur Hochform brachte: Es ging um die eklektische Deutung eines mythologisch aufgeladenen Funk-Entwurfs, der psychedelischen Schwurbel-Rock ebenso eingemeindete wie Comic-Ästhetik und textlich höheren (Drogen-)Irrsinn mit anarchistisch-utopischen Noten und politischer Botschaft kombinierte. Album- und Songtitel wie "America Eats Its Young", "Uncle Jam Wants You" oder "One Nation Under A Groove" zeugten und zeugen davon.

Der immense Einfluss, den Clintons P-Funk damit auf die Hip-Hop-Geschichte ausübte, kommt im Konzert übrigens rückbeeinflusst wieder zurück, weil seine Tourband heute auch aus den Kindeskindern besteht. Im Verbund der Generationen arbeitet man so an einer Form der Befreiung, die die Wechselbeziehung von Geist und Körper live über eine Zehnerpotenz Groove mindestens extrem spürbar macht: "Free your mind . . . and your ass will follow!"

"Give Up The Funk (Tear The Roo Off The Sucker)", "Flash Light", "Maggot Brain", das erst gegen Ende hin auf dampfenden Heavy Rock setzende "Dirty Queen" vom 2014 eher unbemerkt veröffentlichten Funkadelic-Album "First Ya Gotta Shake The Gate" und natürlich das x-mal gesampelte, Clinton bis heute Tantiemenlawinen in die Tasche wirtschaftende "Atomic Dog" vermessen das Werk. Dass der einst so futuristische Synthesizer dazu nicht mehr im Vordergrund brutzelt, mag auch dem Tod von Bernie Worrell vor wenigen Wochen geschuldet sein. Mit der aktuellen Version seines schon immer dem Wandel verschriebenen Line-ups feiert George Clinton aber wohl auch deshalb noch einmal das pralle Leben: "Get off your ass and jam!"





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-07-11 12:59:05
Letzte Änderung am 2016-07-11 21:12:50




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