• vom 13.07.2016, 16:17 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 14.07.2016, 13:25 Uhr

Konzertkritik

Ein Solo kommt selten allein




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Von Andreas Rauschal

  • Gitarrengott Carlos Santana verbreitete in der Wiener Stadthalle die Botschaft der Liebe.

Die Erde ist schön! Carlos Santana bei der Arbeit.

Die Erde ist schön! Carlos Santana bei der Arbeit.© APA/HERBERT PFARRHOFER Die Erde ist schön! Carlos Santana bei der Arbeit.© APA/HERBERT PFARRHOFER

Es beginnt, eine halbe Stunde verspätet und dennoch noch vor der Primetime, um 20 Uhr: mit dem Anfang. Im Anfang waren lange Haare, der Hupf-in-Gatsch am Woodstock-Festival in Ameriga und ein neue Dimensionen eröffnender, lebenslang nachwirkender Trip der Lucy mit Diamanten hinauf in den Himmel. Während Carlos Santana und seine Band ihr Konzert in der Wiener Stadthalle mit dem stilprägenden "Soul Sacrifice" eröffnen, ziehen im Hintergrund nur folgerichtig Bilder von seinerzeit über die Videowall – was durchaus etwas Rührendes hat. Im Gegensatz zu seinem jüngeren Ich setzt Santana als heute 68-jähriger Gitarrengott zwar auch nach geschätzten zwei Millisekunden zum ersten Solo an, das gefühlte zwei Stunden dauert, er wird dabei aber beim symbolträchtigen Kaugummikauen (Stichwort: Es zieht sich!) nicht mehr ganz so viel mimisch-gestische Emphase an den Tag legen müssen. Ähnlich wie bei weiten Teilen des mit Santana aufgewachsenen Publikums ist überhaupt festzustellen, dass man die wilden Zeiten längst auf einen bürotauglichen Schnauzbart eingedampft hat.

Kosmische Erleuchtung

Mit "Santana IV" hätte man übrigens ein neues Album im Gepäck, das zum ersten Mal seit sage und schreibe 45 Jahren in der klassischen Woodstock-Besetzung entstanden ist. Live allerdings wird mit dem üblichen Konzerttross um mit Cindy Blackman Santana die eigene Frau am Schlagzeug und zwei Perkussionisten zwecks rhythmischer Dringlichkeit für tropisch-heiße Nächte mit unter der Schirmherrschaft von Thomas Schäfer-Elmayer erlerntem Paartanz – eins, zwei, Cha-cha-cha! – dann doch wieder auf das aktuelle Team gesetzt. Zwei etwas enervierend die Animateure aus einem All-inclusive-Club in Antalya gebende Sänger sind auch mit dabei. Sie wurden offenkundig per Dienstanweisung zum pausenlosen Lächeln gezwungen. Hey, die ganz der frohen Botschaft verschriebenen Songtexte müssen ja auch glaubwürdig verkündet werden: "Life will never be misery! We can change the world bringing peace!"

Während Songs bei Santana scheinbar nur als irgendwie notwendiger Grund für das nächste Solo existieren – ein Solo kommt selten allein! –, fühlt man sich inhaltlich an den alten Lobpreisungsgesang "Die Erde ist schön, es liebt sie der Herr" erinnert. Also wenn man den Herrn jetzt einmal abzieht und an seiner Stelle einen Guru aus Bangladesch oder die kosmische Erleuchtung installiert. In einer kurzen Ansprache mit meditativ-entspannter Stimme wird uns Carlos Santana nicht von ungefähr lehren, dass wir weise statt schlau sein müssten, um Frauen glücklich zu machen, und dass alles nur eine Frequenz sei, die Liebe heißt. Diese Frequenz, und Carlos Santana hat das wirklich gesagt, kann nicht nur die Welt und uns alle verändern, sondern auch die CIA.

Aus 19irgendundsiebzig

Achtung! Achtung! Nachdem die Soli des Meisters irgendwann bereits im Fantastilliardenbereich liegen dürften, sind jetzt die Mitmusiker dran. Auch das ist heute ein Vorteil: Man hat in aller Ruhe Zeit, endlich über sein Leben nachzudenken oder zumindest die Geschehnisse des Tages zu verdauen. Schweinerei, die Bawag hat die Konto-Zinsen von 0,125 auf 0,01 Prozent vernichtet. Und jetzt erzähl deinem Bankberater einmal etwas von der Frequenz namens Liebe!

Das überwiegend auf 19irgendundsiebzig konzentrierte Set jedenfalls hat zwischen funky Cha-Cha-Grooves, lebensfrohem Latino-Rock, etwas an Coltrane geschultem Jazzertum und psychedelisch inspiriertem Schwurbelrock wieder einmal wenig ausgelassen. Richtig Stimmung wollte mit den gutvertrauten Standards "Black Magic Woman/Gypsy Queen" und "Oye Como Va" aber erst gegen Ende und im Zugabenteil bei "Smooth", dem Comeback-Hit von 1999, aufkommen.

Draußen im Endzeitregen dann die Erkenntnis, dass der Wettergott wohl mit der Bawag unter der Decke steckt. Frequenz null! Hippie-Apokalypse





Schlagwörter

Konzertkritik, Santana

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Dokument erstellt am 2016-07-13 16:18:46
Letzte ńnderung am 2016-07-14 13:25:49




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