• vom 13.08.2016, 14:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz


1976

Satan, Punk und Rock 'n' Roll




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Keine Gitarrensoli oder sonstige Egotrips, stattdessen reine Gruppenmusik zum Mitgrölen. Jeder einzelne Song dieses Albums wurde später von anderen Bands gecovert, was einen guten Eindruck von der musikhistorischen Bedeutung der Platte gibt.

Blondie: Blondie

"Hey Blondie", riefen Bauarbeiter und Lastwagenfahrer der Kellnerin Debbie Harry immer wieder hinterher, und so beschloss sie, daraus den Namen für ihre Band zu machen. Zusammen mit ihrem kreativen Partner Chris Stein wurde Harry rasch zu einem fixen Bestandteil der neuen New Yorker Musikszene und spielte legendäre Konzerte in Clubs wie Max’s Kansas City.

Der musikalische Stil mit seinen ironischen Rückgriffen auf die Popschnulzen der 50er Jahre, hoch energetischen Drums, knorrigen Gitarrenriffs und simplifizierten Keyboards stand prototypisch für New Wave und Punkrock. Das Debüt floppte trotz knalliger Songs wie "X Offender" und "In The Flesh" zunächst, wurde aber ein Jahr später doch noch zum Hit, als die Band das Plattenlabel wechselte und die Scheibe neu aufgelegt wurde.

Genesis: A Trick Of The Tail

Nach dem Abgang von Peter Ga-briel übernahm Drummer Phil Collins die Rolle als Leadsänger der englischen Artrocker - und zum Erstaunen des Publikums machte er das sehr gut. Stilistisch blieb man den Vorgängeralben weitgehend treu, bot also pompösen Gymnasiasten-Rock, aber wer genau hinhört, erkennt bereits eine Tendenz zu kohärenterem Songwriting, mehr Melodie, mehr Pop. Stücke wie "Squonk" und "Los Endos" gehörten noch bis zur Auflösung der Band zu deren Liverepertoire. Die Platte erreichte sowohl in Großbritannien als auch in den USA Gold-Status und ebnete Genesis damit den Weg zum Welterfolg.

Eagles: Hotel California

Die kalifornische Band hatte gerade mit "Their Greatest Hits (1971-1975)" eine der erfolgreichsten Platten aller Zeiten veröffentlicht, die sich über 40 Millionen Mal verkaufte, und legte im Dezember 1976 gleich den nächsten Megaseller nach. "Hotel California" sollte weltweit mindestens 30 Millionen Käufer finden, und der Titel-Track gehört zu den wohl bekanntesten Rocksongs überhaupt. Während der Rest des Albums typisch relaxter Westcoast-Sound war, gelang Don Henley, Don Felder und Glenn Frey mit dem Opener das Kunststück, ein Lied zu schreiben, das wirklich jeder mag. Das liegt nicht nur an der extrem einprägsamen Melodie und der perfekten Produktion, sondern auch am Text, der mit seiner düsteren Beschreibung einer dekadenten Partygesellschaft wie das Porträt einer Welt im Niedergang wirkt und damit das immer vorhandene Unwohlsein an der prekären Natur des Krisenkapitalismus in Worte fasst. Ob die satanistischen Botschaften, die manche aus den Zeilen herauslesen wollen, tatsächlich so gemeint waren, wird bis heute immer wieder diskutiert.

Warren Zevon: Warren Zevon

Die Zuschreibung "Meisterwerk" wird inflationär gebraucht, aber hier trifft sie zu. Zevons erstes Album auf einem Major-Label wirkt so, als wären die besten Einflüsse der Westcoast-Szene mit dem Zynismus der aufkommenden Punkbewegung verschmolzen. Die Kompositionen und Arrangements sind durchwegs perfekt und untermalen die bösen Texte, die von Drogensucht, Alkoholismus, religiösem Fanatismus und den Mythen des gegenkulturellen Amerika handeln. Unterstützt wurde Zevon auf dem Album unter anderem von Jackson Browne, Glenn Frey, Stevie Nicks, Carl Wilson und Bonnie Raitt.

Die Platte verkaufte sich schlecht, verschaffte Zevon aber vor allem in Musikerkreisen den Ruf, ein Genie zu sein. Zu den bekennenden Fans der Scheibe zählen unter anderem Bruce Spring-steen und Bob Dylan.

AC/DC: Dirty Deeds Done Dirt Cheap

Solange es Bier, Männer und Arbeiter gibt, wird es auch AC/DC-Fans geben. Obwohl auch der Mythos dieser Band längst im postmodernen Wischiwaschi aufgegangen ist und vegane Grafikdesignerinnen ganz ironisch mit nachgemachten AC/DC-Kutten zu Konzerten der Restband laufen, war das einmal eine richtig wilde und fast gefährliche Gruppe.

Nirgendwo ist das besser nachzuhören als auf dieser Platte. Schon aus der Titelnummer springt einen eine direkte Aggressivität an, wie sie viele Punkrocker und Metalbands gerne zustande gebracht hätten. Es ist ein "In-your-Face"-Bluesrock, schnell und hart aus den Instrumenten geprügelt, und die Musik swingt.

Mit "Ride On" ist auch eine zwar gemächlichere, aber um nichts weniger testosterongeschwängerte Ballade vorhanden. Sänger Bon Scott schreit und jault seinen Frust und seine Alkohol-Ekstasen in die Welt - und die Gitarren der Gebrüder Young begleiten dies im Geiste jener unvermittelten Primitivität, wie sie echtem Rock ‚n‘ Roll innewohnt.

Weitere wichtige Platten aus dem Jahr 1976:

Tom Petty And The Heartbreakers: Tom Petty And The Heartbreakers; Stevie Wonder: Songs In The Key Of Life; David Bowie: Station To Station; Bob Dylan: Desire; Joni Mitchell: Hejira; Queen: A Day At The Races; Steely Dan: The Royal Scam; Led Zeppelin: Presence; Steve Miller Band: Fly Like An Eagle; Billy Joel: Turnstiles; Frank Zappa: Zoot Allures; Jackson Browne: The Pretender; Black Sabbath: Technical Ecstasy; Peter Tosh: Legalize It; The Rolling Stones: Black And Blue; Ry Cooder: Chicken Skin Music; Roxy Music: Viva!; Brian Ferry: Let’s Stick Together.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-08-12 11:17:05
Letzte Änderung am 2016-08-12 11:25:40



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