• vom 16.09.2016, 18:30 Uhr

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Von Bruno Jaschke

  • Der Grazer Thomas Petritsch, der bereits mit Effi die Indie-Klientel entzückt hat, veröffentlicht mit seinem Bandprojekt Granada ein bemerkenswertes Debütalbum.

Lieder mit Quetschn und eine Hymne der Entschleunigung: Der Wiener Fünfer Granada stellt sich vor. - © Philipp Hafner

Lieder mit Quetschn und eine Hymne der Entschleunigung: Der Wiener Fünfer Granada stellt sich vor. © Philipp Hafner

Man hat’s nicht leicht als Phrasendrescher. "Wanda war gestern - jetzt spielt’s Granada" - wie toll würde das doch zum Hype um österreichischen Pop passen! Und jetzt ist uns der Hype, der uns gestern noch auf der Nase herumgetanzt ist, doch glatt davongeschwebt. Wie blöd doch, dass man in Deutschland des Entschlüsselns von Austriazismen schon müde ist.

Nun, ein Bandname wie Gra-nada fordert außer dem Einsatz von Plattitüden schon auch Nachfragen heraus. Und diese ergeben: Er ist zum einem dem legendären Modell von Ford geschuldet. Zum anderen natürlich auch der spanischen Stadt. Der Mann, den er chiffriert, ist kein ganz Unbekannter. Der 30-jährige Grazer Thomas Petritsch hat als Effi mit hübschen englischsprachigen Songs zwischen Indiepop und Do-it-yourself-Elektronik bereits recht viel Wohlgefallen bei Fans und FM4 gefunden.

Granada als fünfköpfiges Bandprojekt ist 2015 dem Auftrag entsprungen, Musik für den Film "Planet Ottakring" beizusteuern. Petritsch lieferte "Ottakring" und "Eh ok". "Andere Songs sind liegengeblieben", erklärt der Sänger, Songschreiber und Multiinstrumentalist im Interview mit der "Wiener Zeitung". "Ich hatte schnell einen Fundus von sieben, acht Liedern. Und irgendwann wollte ich wissen, wie sich das auf der Bühne anhört, und suchte eine Band zusammen. Von Anfang an war mir klar, dass ein Akkordeon dabei sein muss. Einerseits als urwienerisches Instrument, andererseits ist es ja auch in der steirischen Musik sehr wichtig."



Dieser Tage werden Granada mit ihrer selbstbetitelten LP-Debüt vorstellig. Produziert hat sie Oliver Zülch, bekannt durch seine Arbeit mit Sportfreunde Stiller (mit denen Granada im Herbst auf Deutschland-Tour gehen werden).

Information

Granada

Granada

(Karmarama)

Und tatsächlich ist die von Alexander Christof bediente "Quetschn" das Lead-Instrument, das den Sound zwischen Wienerlied-Melancholie mit Blues-Einschlag und gelegentlicher Balkan-Folklore umtreibt. Es ist das etwas weinselige Akkordeon und nicht so sehr der Text, das die vielbeachtete Coverversion von Billy Joels "Vienna" ("Wien wort auf di") tatsächlich zu dem macht, was sie sein will: eine Hymne der Entschleunigung.

Zwischendurch, wenn eher die Gitarren das musikalische Sagen haben, scheinen britische Power-Pop-Bands wie die Libertines den Musikanten über die Schulter zu zwinkern. In "Pina Colada" klingen wiederum die frühen Vam-
pire Weekend heraus, während der Einstieg "Lieber gern als hier" nach Petritschs eigenem Bekunden alten Motown-Klassikern und dem Northern Soul der Nullerjahre inspirative Zuwendungen verdankt.

Schwierig sei, erzählt Petritsch, zunächst der Umstieg ins Deutsche, besser gesagt, ins Umgangssprachliche gewesen: "Ich hatte etwas Berührungsangst; aber dann habe ich Spaß daran gefunden und bin sozusagen reingekippt. Ich schreib aber nach wie vor auch englische Texte." Verblüffenderweise hört man der Platte die sprachlichen Wechselbeschwerden - vielleicht mit Ausnahme der verbatim nicht ganz runden Joel-Adaption - überhaupt nicht an. Als wäre es sein natürliches Habitat, schildert Petritsch ein "Ottakring, wo das Bitter so viel süßer schmeckt als irgendwo in Wien". "Palmen am Balkon" erzählt von der äußerst limitierten Begeisterung des Protagonisten für Strandurlaube: "I brauch kan Strond, denn i bin eh am Sond."

Ein interessantes Rätsel gibt Petritsch mit "Last Man Standing" zu lösen auf. Mit resignativer Wehmut wird in diesem schönen Uptempo-Song ein "Wolferl" angesprochen, der schon einmal bessere Tage gesehen hat: "Du host damois so vü Gscheits dazöt / oba heit san deine Gschichten afoch öd", heißt es da, und an anderer Stelle: "Jo, jeda waas, du host sehr vü gmocht und gebn / trotzdem warats jetz hoit boid amoi an da Zeit zu gehen."

Es fällt schwer, zu glauben, dieser Song beziehe sich nicht auf Wolfgang Ambros. "Das habe ich schon öfter gehört, aber es hat definitiv nichts mit Ambros zu tun", beharrt Petritsch. "Lustig ist nur, dass ich lang überlegte, welchen Namen ich nehmen sollte, und dann auf Wolferl als urwienerischen, eigentlich urösterreichischen Namen gekommen bin. Blöd, dass das jetzt so rüberkommt, aber es handelt sich um einen fiktiven Charakter."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-09-15 18:05:10
Letzte Änderung am 2016-09-15 18:26:00



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