• vom 17.09.2016, 08:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 19.09.2016, 15:59 Uhr

neues Album

Lieder gegen das Unvermeidliche




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Von Andreas Rauschal

  • US-Songwriterin Angel Olsen und die Torch-Songs ihres neuen Albums "My Woman".

Herzen und Bierflaschen brechen bei Angel Olsen unisono.

Herzen und Bierflaschen brechen bei Angel Olsen unisono.© Jagjaguwar Herzen und Bierflaschen brechen bei Angel Olsen unisono.© Jagjaguwar

Leiden hat im Grunde immer Saison. In der Popmusik etwa deshalb, weil der gute alte "Boy meets Girl"-Stoff als Song-DNA irgendwann zwangsläufig zu einem Finale führt, das die Wendung "Boy loses Girl" oder "Girl loses Boy" inkludiert. Katholisch gesprochen wegen der Sache mit der Scheidung und dem Tod, nüchtern betrachtet aber meistens wegen der Sache mit der Scheidung und der Scheidung.

Als noch geeignetere Leidensgrundlage aber kennt und schätzt man (sofern es um Inspiration für die Kunst gehen soll) den Abwehrkampf, der vor dem Unvermeidlichen einsetzt. Hoffen, bangen, kämpfen, verzweifeln und das damit einhergehende weitere Grundspektrum menschlicher Emotionen (und unseres Umgangs mit denselben) als Spielwiese für den kreativen Ausdruck, der sich händeringend bis flehend vermittelt. So viel Melodram muss sein! Außerdem ist der Blick auf das verwundete innere Ich letztlich für das Publikum auch interessanter als die Frage, wer das alte Küchenkastl vom Designer-Flohmarkt behalten darf, zu wem an welchem Wochenende die Kinder kommen oder wie die Unterhaltszahlungen ab jetzt im Detail aussehen werden. Okay, letztlich ist wirklich alles interessanter als der ganze banale Mist aus dem echten Leben.


Sehnsucht, zitternd
Die 29-jährige US-Songwriterin Angel Olsen hat vor dem Hintergrund all dessen ihr aktuelles Album "My Woman" (Jagjaguwar/Trost) aufgenommen. Darauf wird die gute alte "Girl meets Boy"-Geschichte samt ihrer Folgen bevorzugt in der guten alten Form des Torch-Songs erzählt. Unter besonderer Berücksichtigung des "could", "would" und "should" sowie, weil es ja bald um das Scheiden und Leiden geht, vor allem des retrospektiven "could have" und "should have" wird sich der kreative Ausdruck händeringend vermitteln und auch der Betriebsmodus "Sehnsucht, zitternd" aktiviert.

Nach Anfängen im Umfeld des Songwriter-Kollegen Bonnie "Prince" Billy, ihrem via Kassette in die Welt getragenen Solodebüt im Zeichen eines auf Hallgesang und Zupfgitarren basierten Düsterfolk und dem Durchbruch mit dem von John Congleton (Swans, St. Vincent & David Byrne) produzierten, facettenreicheren Album "Burn Your Fire For No Witness" von 2014 überrascht Angel Olsen heute mit einer weiteren Wendung. Mit um Grunge Bescheid wissenden E-Gitarren und nach Proberaum klingendem Schlagzeug wird im Rahmen der zehn neuen Songs ein hübsch direkter, schnörkelloser und karg arrangierter Schrammelrock bevorzugt, den man in dieser Form nun auch schon öfter gehört hat. Gepaart (oder im Wechselspiel) mit eingedämpften Elementen des Girl-Group-Sounds der 60er Jahre (The Ronettes!) bei Stücken wie dem programmatisch betitelten "Never Be Mine" und Überresten von lebensmüden Liedern für schummrige Country-Kaschemmen aber ergibt sich daraus ein vorsichtig eigentümlicher und jedenfalls sehr stimmiger Werkkörper. Dankenswerterweise verzichtet Angel Olsen bei diesen inhaltlich also ohnehin schon recht intensiven Liedern - bis auf wenige Ausbrüche - außerdem auf den großen Überwältigungsmoment. Warum mehr investieren, wenn auch ein müdes Hauchen, ein zartes Wispern, ein sanftes Säuseln genügt?

Dort also, wo es gerade nicht mit Charme aus dem Keller scheppert, sorgt das mit Stücken wie "Heart Shaped Face", zu dessen desperat-verschlepptem Beat man langsam vom Barhocker rutscht, für Sperrstundensongs, bei denen Herzen und Bierflaschen unisono brechen. Als weitere Album-Highlights hat man am Ende das episch ausufernde, das düsterromantische, das sehnsüchtige "Sister" und "Not Gonna Kill You" (okay, an dieser Stelle erfolgt ein tatsächlicher Ausbruch!) gehört.

Zwar gibt sich Angel Olsen auf "My Woman" auch gewitzt und kämpferisch ("Shut up, kiss me, hold me tight!") - letztlich steht es um den Nachschub an Torch-Songs allerdings gut: "Heartache ends. And begins again . . ."




Schlagwörter

neues Album, Angel Olsen

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-09-16 17:41:05
Letzte Änderung am 2016-09-19 15:59:06




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