• vom 24.09.2016, 10:13 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 24.09.2016, 10:13 Uhr

Voodoo Jürgens

Neues aus der Bauchstichhütte




  • Artikel
  • Lesenswert (17)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Andreas Rauschal

  • Hawidere! Am kommenden Freitag erscheint das Debütalbum von Voodoo Jürgens.

Der Mann, der aus dem Beisl kam: Voodoo Jürgens veröffentlicht "Ansa Woar". Musik als Milieustudie.

Der Mann, der aus dem Beisl kam: Voodoo Jürgens veröffentlicht "Ansa Woar". Musik als Milieustudie.© Voodoo Jürgens Der Mann, der aus dem Beisl kam: Voodoo Jürgens veröffentlicht "Ansa Woar". Musik als Milieustudie.© Voodoo Jürgens

Männer tragen Namen wie Wickerl, Hapo und Fredl. Sie sind Trankler, Strizzis, halbseiderne Hallodris und odrahde Hund, Vorstadtcasanovas, foische Fuchzga oder anderweitige Falotten und treffen als solche auf Frauen, die Gitti, Niki oder schlicht Oide und Baby heißen - auffälligerweise aber nie Schatzi, wie es im echten Wien üblicher ist, wenn man auf der Straße einmal genauer hinhört. Jedenfalls: Es war sehr schön, Alimente werden am Ende aber sicher keine bezahlt. Wovon auch, Gitti? Wovon??

Die Sprache ist mit gut wie Kaugummi oder Strudelteig in die Länge gezogenen und raunzert in die Welt entlassenen Vokalen mindestens in einem wienerischen Wortsinn wach und neigt in altbewährter Hausmasta- und Heurigensängermanier zum Singsang, steht mit der Syntax auf Kriegsfuß ("Die Mutta hod gread / und in die Schui hod’s miaßn kumma") und erinnert Restösterreicher daran, dass man Menschen, mit denen es Bresln gibt, ruhig "Gschissane" nennen darf - und dass eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass jemand, der blöd schaut, auch deppert daherreden wird. Zur Sicherheit hat man aber eh vorgesorgt und - schau, aber psst! - schon das Feitl dabei.


Zimmer, Kuchl, Kabinett
Als Schauplätze (Hawidere!) bekommt man es mit dem Brandineser, dem Tschocherl, akuten Vorstadtbeisln und Bauchstichhütten mit Anschluss an den Bahnhof und andere Verkehrsknotenpunkte zu tun, weil die Zimmer-Kuchl-Kabinett-Wohnung oder die Garçonnière im Souterrain zwar picobello sein mögen. Auf Dauer ist es dort aber auch etwas eng. Und die Gitti wirst du damit nicht beeindrucken können.

Vor dem diesbezüglichen Setting hat man die ursprünglich in Tulln geborene, heute sehr überzeugend aber den Urwiener aus der Unterwelt (es ist jetzt nicht die "Dritte-Mann-Tour" gemeint!) gebende Kunstfigur Voodoo Jürgens im letzten Jahr entweder live bei Konzerten im Beisl am Eck, als Einheizer für Pete Doherty und dessen Libertines in der Stadthalle oder am Popfest Wien sowie vielleicht auch mit ersten Demo-Aufnahmen im Internet gehört - oder man hat zumindest den Hype um ihn registriert, der auch aufgrund einer Tatsache erstaunlich war und ist: Das Debütalbum mit dem Titel "Ansa Woar" (Lotterlabel/Hoanzl) erscheint erst am kommenden Freitag.

Voodoo Jürgens brandinesert sich darauf mit 13 Songs zwischen Wienerlied (allerdings ohne die bei diesem sonst übliche Seligkeit) in Verwandtschaft zum heute bekanntlich rehabilitierten Austropop und etwas Tom Waits, wenn dieser ein Tschecherant aus Simmering wäre, mit hörbarem Hang zum Darstellerischen durch 56 Minuten. Immerhin ist neben vertonten Mann-Frau-Dialogen wie "Gitti" im Duett mit der Schauspielerin Eva Billisich im Fall von "Alimente", bei dem der Nino aus Wien als Gastsänger sehr schön "Gschissana" sagt, auch eine Art Hörspiel dabei.

Ein Packl Hausdetschn
Abgesehen vom voll ausinstrumentierten, das Gemüt der alten Wienerstadt mitbedacht nur semimorbiden Hit "Heite grob ma Tote aus", ignoriert Voodoo Jürgens auf "Ansa Woar" seine Wurzeln im (britisch gefärbten) Indierock seiner Ex-Band Die Eternias übrigens konsequent und bemüht mit Quetschn, Zupfgitarre, Kontrabass und Mundharmonika lieber Folk-Traditionen. Nimmt man deren heimische Ausprägung her, lässt sich damit im Wesentlichen das ganze österreichische Spektrum zwischen Wehleidigkeit und einer sauberen Goschn durchmessen. Das klingt so gfeanzt wie gelegentlich melancholisch. Im Falle von "Tulln" etwa läuft Voodoo Jürgens in seinem Spezialgebiet zwischen Alltags- oder Lebensbetrachtung und Milieustudie tatsächlich zur Hochform auf. Dazwischen gibt es ein Packl Hausdetschn, eine Würdigung der lebenden Wiener Lokal- und Boxlegende Hans Orsolics ("Mei potschertes Leb’n") und den einen oder anderen Moment des L’amour-Hatschertums.

Nach dem Erfolg von Der Nino aus Wien und vor allem Wanda, die Voodoo Jürgens öffentlich Rosen streuen, soll damit auch Deutschland erobert werden. Dort ist der Wiener Grind ja nicht unbeliebt - sofern die Form der Kunstvermittlung den nötigen Sicherheitsabstand garantiert. In echt stellt man sich so eine Bauchstichhütte dann doch etwas unbequem vor.




Schlagwörter

Voodoo Jürgens, neues Album

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-09-23 16:29:07
Letzte Änderung am 2016-09-24 10:13:08




Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Neuer Träger des Iffland-Rings ist noch geheim
  2. "Hausaufgaben versauen die Lust"
  3. Das Nickerchen der Schamanen
  4. Korrespondierende Kunstgefäße
  5. "Fernsehen bietet plötzlich Kinostoffe"
Meistkommentiert
  1. Thomas Bernhard, noch immer - naturgemäß
  2. Unsoziale Medien
  3. Brexit-Erzählungen
  4. "Fernsehen bietet plötzlich Kinostoffe"
  5. Mit Facebook im Bett


Quiz


Der Deutsche gab am Pult im Goldenen Saal des Musikvereins den Kapellmeister Deluxe.

Förderpreisgewinner Christoph Fritz mit Moderatorin Verena Scheitz und "vormagazin"-Chefredakteur Christoph Langecker. Peter Handke bei der Verleihung des 19. Wiener Theaterpreises "Nestroy" im Theater an der Wien. Hier mit dem Preis für sein Lebenswerk.

Neo-Viennale-Chefin Eva Sangiorgi (links) mit der Regisseurin des Eröffnungsfilms Alice Rohrwacher "Der Bauerntanz", entstanden um 1568.


Werbung