• vom 07.10.2016, 16:03 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 07.10.2016, 16:23 Uhr

Austropop

Pathos mit Brettljause




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Von Andreas Rauschal

  • Rainhard Fendrich zeigt sich auf seinem neuen Album "Schwarzoderweiss" nachdenklich. Es gibt aber auch Witzeleien.

Rainhard Fendrich, der alte Problembär des Austropop, ist wieder da. Live am 17.2.2017 in der Wiener Stadthalle.

Rainhard Fendrich, der alte Problembär des Austropop, ist wieder da. Live am 17.2.2017 in der Wiener Stadthalle.© Sandra Ludewig Rainhard Fendrich, der alte Problembär des Austropop, ist wieder da. Live am 17.2.2017 in der Wiener Stadthalle.© Sandra Ludewig

Wien. Zu den erstaunlichsten Entwicklungen der heimischen Szene gehörte in den letzten Jahren die Rehabilitierung des Begriffs Austropop, der zuvor als Gottseibeiuns ein nicht enden wollendes Jammertal zu durchqueren schien.

Ausgehend von Der Nino aus Wien über Wanda und Bilderbuch bis hin zu Voodoo Jürgens, die entweder den Dialektgesang für sich entdeckten oder einer Spielart mit Zitaten direkt huldigten, bemerkte eine neue Generation von Musikern und Hörern, dass Falco schon auch irgendwie lässig war oder der junge Ambros sehr zwingend raunzen konnte. Ludwig Hirsch als in seiner depressiven Melancholie hiesige Quasi-Ausformung von Leonard Cohen und Georg Danzer waren ohnehin schwer in Ordnung. Bei alledem und nicht zuletzt dem Coveralbum "Unser Österreich" von Ernst Molden und dem Nino aus Wien fiel aber auch auf, dass Rainhard Fendrich dabei nie vorkam.


Bezahltes Lehrgeld
Rainhard Fendrich war dafür nicht cool genug. Und er hatte - abgesehen von seiner kritischen, letztlich aber doch patriotischen Hymne "I Am From Austria" und Liedern, die witzelnd "Unterhosenmodel" auf "Dodel" reimten - auch mit den Nachwehen seines ungeschickt ausgeschlachteten Privatlebens zu kämpfen. Zusätzlich erinnert man sich an eine Kokainaffäre, die ihn angeblich einen ganzen Ferrari verschnupfen ließ. Während im Entertainment-Mutterland Amerika kein Problem im Niedergang und Fall eines Stars besteht, sofern dieser daraus etwas lernt und wieder aufsteht, weiß man in Österreich allerdings, wo man Gefallene haben will: auf dem Boden. Wer bei uns den Schaden hat, hat immer auch schon den Spott, bevor er mit einer Extraportion Häme übergossen wird. Das nennt sich "nach unten treten". Es hat neben dem "nach oben buckeln" eine weiß Gott lange Tradition.

Bekränzte Balladen
Rainhard Fendrich hat sein Lehrgeld bezahlt und sich erfolgreich einem Entzug gestellt. Eine weitere Rehabilitation schien sich erst dieser Tage mit als sympathisch wahrgenommenen Interviews anzubahnen. Wobei man sagen muss, dass hierzulande schon Erleichterung herrscht, wenn ein Musiker etwa beim über Manderl und Weiberl Herumseppeln in der Lederhose nicht wie HC Strache klingt.

Einen Grund für die Interviews gab es jedenfalls auch. Es ist das neue Album "Schwarzoderweiss" (BMG Rights/Warner), mit dem der alte Problembär des Austropop wieder vorstellig wird. Rainhard Fendrich zeigt sich darauf beim Sinnieren über das Verstreichen - und in bester Liedermachermanier auch die Probleme - der Zeit: Terror. Krieg. Alte Männer mit zu viel Macht und zu wenig Anstand. Körperlicher Verfall. Das Internet! Im Alter von 61 Jahren ist es langsam auch möglich, den diesbezüglichen Elder Statesman zu geben, den Fendrich auch früher schon durchblicken ließ.

Was mit neuen Stücken wie "Du bist schön", "Nur Miteinander", "Frieden" oder "Die graumelierten Herren" formuliert werden soll, geht inhaltlich ja auch soweit in Ordnung. Allerdings wäre da noch das "Wie". Immerhin werden die zahlreichen heute mit Trauerflor bekränzten Balladen des Albums nicht nur mit einer Überdosis Udo-Jürgens-Gedenk-Pathos im Vortrag und der bedeutungsschweren Intonation eines Burgschauspielers auf Lesereise durch die Provinz vorgetragen. Krawehl!

Man hat es auch mit Problemtexten zu tun ("Frieden ist das letzte Rettungsboot / in der großen Elendsflut"), die in großer Sorge um die Welt kein Klischee auslassen wollen - Ja denkt denn niemand mehr an die Kinder? - und sich in Durchhalteparolen flüchten: "Nur miteinander kennt ma des no obebiag’n. Nur miteinander kennt ma nu die Kurven kriag’n!"

Rainhard Fendrich transformiert sein altes "Wenn da beste Freind si schlecht"-Sujet ins Social-Media-Zeitalter (wir sind gemeinsam online und dabei sehr einsam und traurig) und stibitzt der STS fernab der Hektomatikwelt frech die "Bottle Rotwein"! "Stö da vua du liegst am Strand - ohne Tablet in der Hand." Er verbreitet mit Feuerzeug- und iPhone-Balladen Gefühle der Rührung, sorgt sich um Amerika ("Auf allen Kanälen ist Hochsaison im Gehirne-Waschsalon") und verklärt sich bei der Rückblende auf die Jugend zu dem Rebellen, der er wahrscheinlich nie war: "Wir hom uns auf amoi g’whert / gegen ollas, wos sie g’heat / Jede Norm und jede Pflicht."

Damit kann man im Vergleich zu den Witzeleien des Albums, die es auch gibt, allerdings leben. Wie heißt es im Song "Sugar Daddies" doch so kleinkünstlerisch verstörend? "Männlichkeit lässt sich verjüngen / Auch das Haupthaar kann man düngen / Trotzdem wird der Sex zu Hause / mit der Zeit zur Brettljause."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-10-07 16:08:06
Letzte Änderung am 2016-10-07 16:23:07




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