• vom 25.10.2016, 13:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 25.10.2016, 13:29 Uhr

Albumkritik

Zurück zum "Ursprung"




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Von Andreas Rauschal

  • Lady Gaga erfindet sich mit ihrem Album "Joanne" nicht neu. Sie schafft sich ab.

Zarte Zupfgitarren statt böllernder Blitzhüttenbeats: Lady Gaga nach einer Phase der Einkehr.

Zarte Zupfgitarren statt böllernder Blitzhüttenbeats: Lady Gaga nach einer Phase der Einkehr.© Universal Music Zarte Zupfgitarren statt böllernder Blitzhüttenbeats: Lady Gaga nach einer Phase der Einkehr.© Universal Music

Die Abkehr von der Kernzunft fand bereits vor zwei Jahren statt. Mit dem Album "Cheek To Cheek" in Kollaboration mit Tony Bennett lieferte Lady Gaga Jazz-Standards, wo zuvor noch billige Blitzhüttenbeats für Sonntagsfahrten mit dem Autodrom eine Kunst begleitet hatten, die neben Themen wie Selbstermächtigung oder sexueller (Selbst-)Betätigung gerne auch ironisch daherkam.

Einerseits für diese Entwicklung verantwortlich war das von mauen Kritiken und - betrachtet man Lady Gagas Stellung als größter weiblicher Popstar ihres Jahrgangs - enttäuschenden Verkaufszahlen bestimmte Album "Artpop" von 2013, mit dem die 1986 als Stefani Joanne Angelina Germanotta in New York geborene Sängerin für ihre Überzeichnungen bis hinauf in die Groteske endgültig den Kunstanspruch erhob. Andererseits sorgte ein gewisses Ausgebranntsein ob der echten Welt, der eigenen Rolle als Superstar und nicht zuletzt der Überforderungsfallen des Digitalzeitalters anschließend für eine Phase der Einkehr - wie auch der Besinnung auf alte Werte und die Familie: Gebündelt nachzuhören nun auf dem neuen Album mit dem selbstreferenziellen Titel "Joanne" (Universal Music), der auch die jung verstorbene Schwester ihres Vaters adressiert, mit der sich Lady Gaga verbunden fühlt, ohne sie je persönlich gekannt zu haben.

Meterware

Zwar mag der cheesy mit Stromgitarre auffrisierte 80er-Jahre-Pop der auf den blassen Zauber digitaler Verheißungen verweisenden und dabei auch als Trennungssong funktionierenden Auftaktsingle "Perfect Illusion" es noch nicht eindeutig vorwegnehmen, aber: Mit ihrem fünften Streich erfindet sich Lady Gaga nicht neu, sie schafft sich ab.

Weder knüpfen die elf darauf gebotenen Songs in gebotenem Maß an alte Botschaften an - sieht man vom Masturbationstext des auch musikalisch auf die "Isla Bonita" von Madonna und somit ihren eigenen Hit "Alejandro" zurückgehenden "Dancin’ In Circles" einmal ab -, noch wird der spielerische Umgang mit Verkleidungen und Images sowie die Vermessung der Glitzerwelt mit Liedern fortgeführt, die wie einst mehr versprechen, als sie leisten könnten. Auf die Ansage "Artpop" folgt hemdsärmeliges Handwerk mit Neigung zum neuen Biedermeier.

Immerhin klingen reichlich austauschbare, in Richtung Rockröhrentum gedeutete bodenständige, als "echt" wahrgenommen werden wollende Songs wie "Diamond Heart" und "A-Yo" nicht nur nach Meterware. Während sich Lady Gaga unter Schützenhilfe des Amy-Winehouse-Produzenten Mark Ronson historisch noch weiter zurückbewegt und neben dem synthetischen Soulpop von "Hey Girl" im Duett mit Florence Welch mit "Come To Mama" auch den schunkelnden Girlgroupsound der 50er und 60er Jahre wiederbelebt, wird hier nicht zuletzt auf Basis zarter Zupfgitarren im Zeichen eines gefühlsbetonten Lagerfeuerfolk auch die Frage "Zurück zum Ursprung?" recht überzeugt mit "Ja, natürlich!" beantwortet.

"Where are our leaders?"

Lady Gaga mag mit Songs wie "Hey Girl" oder dem Titelstück des Albums richtigerweise darüber singen, dass wir von der Kälte des Lebens Geplagten im Alltag mehr Liebe brauchen - und diese auch geben sollten. Flankiert von Helden aus Indiehausen wie Rockgott Josh Homme, Pop-Eklektiker Beck, Kevin Parker von Tame Impala oder Father John Misty, die allesamt kaum aus dem Klangbild hervorstechen dürfen, bekundet sie aber etwa auch ihre Sehnsucht nach dem starken Mann am Beispiel John Waynes. Und sie versteigt sich in "Angel Down" - ausgehend von der gegenwärtigen Nachrichtenlage - zu schlicht banalen und für sich genommen gefährlichen Zeilen wie "I’m a believer, it’s chaos. Where are our leaders?"

Persönliche Schwächen sind okay. Man kennt sie selbst. Gerade Kunst im Zeichen des Self-Empowerments allerdings sollte auch im Sinne der Vorbildwirkung eines nie machen: Sie zu sehr zulassen, sich aufgeben, sich hängen lassen.





Schlagwörter

Albumkritik, Lady Gaga, Pop

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-10-25 12:35:06
Letzte ─nderung am 2016-10-25 13:29:34




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