• vom 11.11.2016, 16:05 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 11.11.2016, 18:05 Uhr

Nachruf

Abgang eines ewig Reisenden




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Von Bruno Jaschke

  • Romantiker, Zyniker, spirituell Suchender: Leonard Cohen ist mit 82 Jahren gestorben.

Es tritt manchmal eben just das Erwartete - oder besser gesagt: logisch Erwartbare - als besonderer Schock ein. Das ist eine Eigenart der Pop-Musik, die sich besonders gruselig bei den Selbstmorden der als notorische Düstermänner bekannten Sänger Ian Curtis und Kurt Cobain manifestiert hat: In einem Topos, in dem sich Images, Verkleidungen und Inszenierungen zu undurchsichtigen Trug- und Vexierbildern versprudeln, befremdet es, wenn genau das eintritt, was aus dem Werk eines Künstlers eigentlich schlüssig herauszulesen war. Jetzt sind wir vor den Kopf gestoßen, dass ein 82-Jähriger, dessen Schaffen im Prinzip von Anfang an von den finalen Dingen handelte, das Zeitliche gesegnet hat.

Leonard Cohen zählt, wie Bob Dylan, Joni Mitchell, vielleicht noch Paul Simon und ganz vielleicht Neil Young, der allerdings deutlich mehr (im positiven Sinn) einer basischen Rock’n’Roll-Primitivität huldigt, zu den "Poeten" der Pop-Geschichte. Genau genommen trägt er als Einziger das Attribut "Poet" mit faktischer Berechtigung, denn er hat (anders als der Literaturnobelpreisträger Dylan) ein veritables literarisches Oeuvre aufzuweisen: Bevor er 1967 mit dem Album "Songs of Leonard Cohen" als Musiker debütierte, hatte er bereits zwei Romane ("The Favourite Game" und "Beautiful Losers") sowie etliche Lyrik-Bände publiziert.


Spartanisch arrangiert
Mit seinem LP-Erstling verschob sich allerdings die Wahrnehmung des Künstlers Cohen in Richtung des "sensiblen Liedermachers", der mit sonorer, tiefer Stimme spartanisch arrangierte Songs über Liebe, Sex, Angst und Verlust vortrug. Die Platte barg mit dem Opener "Suzanne" und "So Long, Marianne" zwei Riesen-Hits und gab einer einflussreichen Goth-Rock-Band den Namen: The Sisters of Mercy.

Wie alle großen Singer-Songwriter erschien Cohen in verschiedenen Phasen in verschiedenen Inkarnationen. Er hat den hoffnungslosen Romantiker genauso gegeben wie den zutiefst illusionslosen Zyniker, der schon altklug auf die Welt gekommen sein muss. Sex war, wie man weiß, nie ein Tabuthema für ihn: Freimütig schildert er in "Chelsea Hotel 2", wie ihn Janis Joplin, die eigentlich Kris Kristofferson treffen wollte und überhaupt jemand Hübscheren gesucht hätte, oral befriedigt.

Andererseits war Cohen zeit seines Lebens auch ein spirituell Suchender. Mittelbar wird das auf seinen letzten Platten "Old Ideas" (2012), "Popular Problems" (2014) und dem gerade erst kürzlich erschienenen "You Want It Darker" spürbar. Gelassen, genügsam und hin und wieder erfrischend sarkastisch thematisiert Cohen das Altern: das Wissen, nur mehr Passagier des Schicksals - man kann es auch Gott nennen - zu sein, die Frage, was noch geht, und die Einsicht, was nicht mehr geht.

Eine Art übergeordnete inhaltliche Ebene ist Cohens Kosmopolitismus: Als ewig Reisender ist er überall auf der Welt zuhause - auf seinem berüchtigtem, weil abgrundtief depressivem Album "Songs of Love and Hate" auch in Wien, wo Gevatter Tod an jeder Ecke lauert.

Leise klassisch
Die Internationalität der Texte findet sich in der Musiksprache gespiegelt: Denn Cohen, der an sich stilistisch relativ schwierig festzumachen ist, hat immer wieder Elemente aus unterschiedlichen Regionen aufgegriffen - spanischer Musik etwa und natürlich jüdischer Volksmusiken. Leise klassische Einflüsse, behutsam dosierter Rock, Jazz, Pop und - vor allem im späteren Werk - durchaus auch Elektronik sind aber ebenso Teil des Fundus, dessen er sich, zumeist recht selektiv, bedient hat. Wie es zum Portfolio großer Musiker gehört, hat auch das von Cohen einen Teil, der die Spezies "Fans der ersten Stunde" irritiert hat. Ungewöhnlich dabei ist allerdings, dass der Künstler diesfalls mit den Fans einig ist: Mit Phil Spectors (gewohnt aufgedonnerter) Produktion von "Death Of A Ladies’ Man" konnte sich Cohen nie anfreunden - interessanterweise aber sofort die Kritiker.

Niedrigkonjunkturphasen hatte Leonard Cohens Ruf im Verlauf seiner Karriere übrigens nie wirklich. Dass ihn am Ende der Betrug seiner Ex-Managerin, die mit seinem Vermögen durchgebrannt ist, zu neuer Produktivität zwang, mag biografisch tragisch sein. Pophistorisch muss es als Glück begriffen werden.


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Schlagwörter

Nachruf, Leonard Cohen, Todesfall

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-11-11 16:08:06
Letzte Änderung am 2016-11-11 18:05:17



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