• vom 24.02.2017, 16:06 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 24.02.2017, 16:56 Uhr

Popkonzert

Sehnsucht mit Druckventil




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Von Andreas Rauschal

  • Die britischen Pop-Minimalisten The xx gastierten in der Marx Halle in Wien: ein Triumph.

Isolation, Entfremdung - und ihre Überwindung: The xx luden in Wien zur Katharsis. - © Terenghi /Pictdesk

Isolation, Entfremdung - und ihre Überwindung: The xx luden in Wien zur Katharsis. © Terenghi /Pictdesk

Auf der Bühne gibt es diesmal dank beweglicher Module in Mundharmonikaform beinahe so etwas wie ein Showelement zu bestaunen. Vermutlich hat man sich dabei auch konzeptuell etwas überlegt. Die verspiegelten, an das stille Örtchen im Club unseres Vertrauens erinnernden Objekte dürften den Albumtitel "I See You" durchaus buchstäblich reflektieren.

Das aktuelle Meisterwerk der Londoner Pop-Minimalisten und -Reduktionisten The xx stand als erster Jahreshöhepunkt Anfang Jänner schließlich für zwei Neuausrichtungen: Eine hin zu etwas mehr Sonne und Licht und der damit einhergehenden Zuversicht, sofern man kein Vampir ist und jetzt gleich zu Staub zerfällt. Die andere bedeutete eine partielle Abkehr von für popkulturelle Nachtschattengewächse seit spätestens den 70er Jahren wichtigen Charaktermerkmalen, die mit dem soziophoben Rückzug in die Isolation, mit Abkapselung und einer grundsätzlichen Entfremdung zusammenhängen.


Leid und Pein
The xx entdeckten die Außenwelt und sperrten sich fernab der vertrauten Umgebung nicht länger gegen externen Einfluss. Dass das Trio live konsequent in schwarzer Arbeitstracht, mit schwarzen Instrumenten und höchstens im Gesicht weiß herumsteht, ohne dafür auf die im Black Metal beliebte Leichenschminke zurückgreifen zu müssen, ist aber schon sehr in Ordnung. Man soll die Kundschaft nicht über Gebühr mit Veränderungen erschrecken.

Leid und Pein, wunschlos unglücklich sein: Das hat bei The xx natürlich auch heute noch Platz. Wobei man derzeit verstärkt an alte Dichterfürsten wie Novalis (Die blaue Blume) und Blixa Bargeld ("Sehnsucht ist die einzje Energie!") oder an portugiesische Fado-Sängerinnen denken darf, deren Schmerz lustvoll daraus entsteht, etwas zurückhaben zu wollen, das unerreichbar bleibt. Das heute im Werk so zentrale Sich-Verzehren vor Begehren steht in der ausverkauften Marx Halle bereits im eröffnenden "Say Something Loving" auf dem Programm, wobei Gitarristin Romy Madley Croft und Bassist Oliver Sim als singendes Frau-Mann-Duo erklären, wie eine musikalische Doppelconférence ausschauen kann, die völlig humorbefreit ausfällt. Zum Lachen gehen The xx in den Keller. Wir finden das gut!

Produzent Jamie Smith darf im Hintergrund an der Schaltkanzel mit dramatischem Zweifingerspiel im Sinne laufender Schmähparaden, wie man sie von DJ-Sets auf Stadionrasen kennt, währenddessen darüber hinwegtäuschen, dass er anfangs mitunter unterbeschäftigt ist. Abgesehen vielleicht von einer schlagzeugbetonten Version von "Crystalised" und dem ganz generell in der Magengrube spürbaren Wummerbass erlaubt sich die Band ein relativ ruhiges erstes Drittel, in dem Croft den Show-Stopper "Performance" als Einpersonenstück anlegt und das im Anschluss gereichte Drake-Cover "Too Good" - The xx haben keine Angst vor dem Mainstream - zurückgenommen klavierballadistisch daherkommt.

Live nahe am Original gehaltene Songs wie das auf der Twanggitarre von Chris Isaak beruhende "Infinity" oder der angezuckerte Pop von "I Dare You" mögen bei Schauwert null zwischendurch zwar nahelegen, dass man sich das Ganze zu Hause doch etwas kostengünstiger anhören könnte, ohne dabei von schwitzenden Menschen angerempelt zu werden. Isolation ist so schlecht nicht - wir erinnern uns!

Allerdings passiert gegen Ende noch eines: Jamie Smith verwandelt das Konzert mit fließenden Übergängen per Vierviertelbeat und Synthie-Arpeggio in ein Set, das hübsch durch die Halle nts-ntst und neben tatsächlichem Live-Mehrwert auch ein Druckventil mit sich bringt, wie man es nach einer harten Arbeitswoche üblicherweise in der Clublandschaft findet. Nach einer Langversion von "Shelter" als entsprechendem Konzerthöhepunkt steht man spätestens bei Smiths Sologang "Loud Places" nicht nur optisch im Neonlicht (Katharsis heißt Tanz heißt Befreiung), bevor das Liebesbekenntnis "Angels" keinen gewöhnlichen Konzertabend beendet, sondern den Triumphzug einer außergewöhnlichen Band: "Being as in love with you as I am", das war man letztlich im Kollektiv.

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Dokument erstellt am 2017-02-24 16:18:05
Letzte Änderung am 2017-02-24 16:56:04



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