• vom 26.03.2017, 09:30 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 26.03.2017, 11:11 Uhr

Pop

In Unwürde altern




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Von Bruno Jaschke

  • The Jesus And Mary Chain veröffentlichen mit "Damage And Joy" ihre erste Platte in diesem Jahrtausend.

Grollende Gitarren, unbeteiligter Gesang: The Jesus And Mary Chain um die Gebrüder Reid. - © Steve Gullick

Grollende Gitarren, unbeteiligter Gesang: The Jesus And Mary Chain um die Gebrüder Reid. © Steve Gullick

Irgendwann im Frühjahr 1986 stellte sich Simply-Red-Sänger Mick Hucknall im deutschen "Musikexpress" einem musikalischen Blind Date. Konfrontiert mit The Jesus And Mary Chain, meinte er: "Sie schreiben wirklich nette Songs, aber diese Fuzz-Gitarren zerstören mehr als sie bringen." Zum Thema Fuzz hätten doch, so keppelte Hucknall, Velvet Underground bereits alles gesagt - nach "White Light/White Heat" sei diese Platte überflüssig.

Das stimmt nur halb. Denn während Velvet Underground ihren Konfrontationskurs mit der Publikumsverträglichkeit in einem Kunst-Kontext austrugen, visierten die schottischen Brüder Jim (Gesang, Gitarre) und William Reid (Gitarre, Gesang) mit ihrer Formation The Jesus And Mary Chain geradewegs den Pop an. Ihr monolithisches, im doppeldeutigen Sinn zugedröhntes LP-Debüt "Psychocandy" vermählte 1985 die Strandseligkeit der frühen Beach Boys und die melodiöse Opulenz klassischer Phil-Spector-Produktionen mit minimalistischen, brutal übersteuerten Gitarren und verwandelte sie mit drogenschwangeren Texten in pures Gift. So in etwa müsste ein Soundtrack zu einem Thomas-Pynchon-Roman wie "Natürliche Mängel" klingen: abseitig, ungesund; im sprichwörtlichen wie auch physischen Sinn überdreht.



Information

The Jesus And Mary Chain
Damage And Joy
(ADA/Warner)

Beim zweiten Album, "Darklands" (1987), sind die Verzerrer gedämpft und die Melodien klarer im Vordergrund - die Wucht der Gitarren an sich ist davon aber kaum beeinträchtigt. Seit "Dark- lands" hat die Musik von The Jesus And Mary Chain, von der gelegentlichen Einbindung von Frauenstimmen wie jener Hope Sandovals abgesehen, keine wesentliche Neuerung mehr erfahren. Alle vier Platten, die danach bis zum vermeintlichen Split 1999 noch entstanden sind, operieren mit der Dualität von eingängigen, mit einer eigentümlichen Mischung aus Desinteresse und suggestiver Emphase intonierten Melodien und den mächtigen Gitarren rundherum. Gekrönt wird das Ganze von bisweilen sagenhaft dämlichen Texten, etwa über die Sehnsucht, wie Jesus Christus ans Kreuz genagelt zu werden.

Altvertaute Motive

Die Wiederkehr des ewig Gleichen macht jede neue Platte der Band natürlich zu einer recht langweiligen Übung - aus der man am Ende beseelt aussteigt, weil die Reids eben tatsächlich hübsche kleine Melodien schreiben - und der Gitarrendonner wirklich was kann. Und außerdem sind The Jesus And Mary Chain eine dermaßen unsympathische Band, dass man sie einfach gern haben muss.

Weil die Reids zu jenen Brüderpaaren gehören, die nicht immer miteinander können und sich Ende des vergangenen Jahrtausends so heftig in die ergrauenden Haare kriegten, dass eine weitere Zusammenarbeit für alle Zeiten vom Tisch schien, hätte nach "Munki" von 1998 niemand mehr ein Lebenszeichen von ihnen erwartet. Doch 2007 rauften sie sich für eine Reunion-Tour wieder zusammen. Und nur zehn Jahre danach kommt auch schon wieder eine neue Platte.

Natürlich erfinden sich die Brüder, stimmlich unterstützt durch Bernadette Denning, Sky Ferreira, Isobel Campbell (ehemals Belle & Sebastian) und ihre Schwester Linda, auf "Damage And Joy" nicht neu. Vielmehr tun sie über weite Strecken einfach so, als wäre noch immer die Wende der 80er auf die 90er Jahre. Gleich der Opener "Amputation" fährt mit altvertrauten Motiven auf: grollenden Gitarren, unbeteiligtem Gesang, Zeilen wie "live today, fuck tomorrow". Nachdrücklich weigern sich die Reids, "in Würde zu altern". Ungeniert kochen sie alte inhaltliche Motive auf: Sex (u.a. mit einer aufblasbaren Puppe), Drogen, Gewalt. Und irgendwie klingt durch, dass ihnen ihre ostentative Redundanz diebisch Spaß macht. In "Facing Up To The Facts" wird auch noch genüsslich mit dem eigenen Image gespielt: "I hate my brother and he hates me / that’s the way it’s supposed to be."

Bizarrer Höhepunkt der von Youth produzierten LP ist der Aufguss einer abstrusen Mord-Verschwörungstheorie um Kurt Cobain im musikalisch vergleichsweise kühnen, weil Jazz-infiltrierten "Simian Split". Seinen S-Fehler über Gebühr herausstreichend, nuschelt William da im Stile eines Sandlers: "I killed Kurt Cobain / I put the shot right through his brain / And his wife gave me the drug / ’Cause I’m a big, fat, lying slob."





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Dokument erstellt am 2017-03-23 17:39:07
Letzte Änderung am 2017-03-26 11:11:17



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