• vom 31.03.2017, 16:30 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 31.03.2017, 19:44 Uhr

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Einsame Leidenschaft




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Von Francesco Campagner

  • Mehr als eine nostalgische Reise: Bob Dylan setzt mit dem Dreifach-Album "Triplicate" erneut auf Songs aus dem "Great American Songbook".

Fast keine Silbe wird diesmal verschluckt: Bob Dylan singt auf "Triplicate" mit erstaunlich gepflegter Stimme.

Fast keine Silbe wird diesmal verschluckt: Bob Dylan singt auf "Triplicate" mit erstaunlich gepflegter Stimme.© Sony/W. Claxton Fast keine Silbe wird diesmal verschluckt: Bob Dylan singt auf "Triplicate" mit erstaunlich gepflegter Stimme.© Sony/W. Claxton

Für Überraschungen ist Bob Dylan immer gut. Das musste im letzten Jahr nicht nur die Schwedische Akademie, die den Literatur-Nobelpreis vergibt, erfahren, als sie lange keine Antwort des Künstlers erhielt (der ja nun doch nach Stockholm kommt). Auch viele Dylan-Fans müssen weiterhin auf eine neue Platte mit Eigenkompositionen des 75-Jährigen warten.

Stattdessen lässt er nun das erste Dreifach-Studio-Album seiner Karriere vom Stapel, prall gefüllt mit 30 Songs des "Great American Songbook". "Triplicate" nennt sich das Werk, das zunächst für ein wenig Murren bei der eingefleischten Fan-Gemeinde sorgte. Denn bereits 2015 und 2016 hatte der Altmeister zwei Cover-Platten aus dem gleichen Fundus veröffentlicht. War "Shadows In The Night" noch mit freudigem Wohlwollen begrüßt worden, so stieß "Fallen Angels" schon auf weniger Publikums- und Kritikerzuspruch.

Schwungvoller Beginn

Und nun folgt mit "Triplicate" ein Dreierpack, der wohl auch namentlich nicht zufällig an "Trilogy" von Frank Sinatra erinnert. Auch Dylan hat sich wie Ol’ Blue Eyes entschlossen, die Songs thematisch zu ordnen. Jede Platte hat ein eigenes Leitmotiv und enthält jeweils zehn Songs. Die formalistische Strenge mag überraschen, war aber für Dylan stets wichtig. Wer jemals die von ihm gestaltete Radio-Sendung "Theme Time Radio Hour" gehört hat, weiß, dass sich der Nobelpreisträger intensiv mit einzelnen Themen und Songs auseinandersetzt. Auch die Sendefolgen waren themenorientiert.



Information

Bob Dylan

Triplicate

(Columbia/Sony)

Doch zurück zu "Triplicate". Das Album startet mit einem schwungvollen und programmatischen Titel: "I Guess I’ll Have To Change My Plan". Der Song aus dem Jahr 1929 wurde - wie viele Nummern des Dreierpacks - bereits von zahlreichen Interpreten gecovert. Dylan singt mit erstaunlich gepflegter Stimme, so wie er es einst bei der "Rolling Thunder Revue" Mitte der 70er Jahre tat: Fast keine Silbe wird verschluckt, jeder Ton möglichst genau getroffen. Dylan bemühte sich, den Songs, die live in den Capitol Studios in Hollywood eingespielt wurden, besonders gerecht zu werden.

Viele dieser Lieder kennt er aus seiner Kindheit und Jugend. Von einigen hat er auch in "Chronicles - Volume One", dem ersten (und bisher einzigen) Band seiner Memoiren, erzählt. "Stormy Wea-ther" von Harold Arlen etwa, auf der ersten Platte von "Triplicate" enthalten, hatte es dem jungen Bob besonders angetan. "Ich spürte eine emotionale Verwandtschaft", erzählt Dylan. ". . . Harold Arlens bittersüße Welt der einsamen Leidenschaft ließ mich nie wieder los." Diese Songs zu spielen, schreibt er in "Chronicles" allerdings auch, "stand nicht in meinem Drehbuch. Das war nicht meine Zukunft."

Nun ist es doch anders gekommen. Und nach mehrmaligem Hören des Dreifach-Albums kann man "His Bobness" sogar verstehen. Die Songs haben auch in der gewollten Retro-Instrumentierung eine starke Ausstrahlung. Nicht jede Interpretation kann vollends überzeugen, etwa "These Foolish Things" ist seit Bryan Ferrys Version nur schwer zu übertreffen.

Doch einige Nummern sind Dylan wie auf den Leib geschneidert. In "September Of My Years" singt er melancholisch mit leicht brüchiger Stimme vom Lebensherbst, bei "The Best Is Yet To Come" swingt er sich schwungvoll in eine Liebesbeziehung, und auch in "Braggin‘" ist er ausgesprochen munter und forsch.

Realismus & Alltag

Doch was macht den Reiz von "Triplicate" aus? Einerseits die entspannte Atmosphäre der Platte, andererseits der Sprung in eine längst verblasste musikalische Ära. Eine rein nostalgische Reise in die Vergangenheit ist das Dreifach-Album trotzdem nicht.

Dylan erklärt die Besonderheit des Unternehmens in einem Interview mit Bill Flanagan so: "Moderne Musik und Songs sind so institutionalisiert, dass man es gar nicht bemerkt. Diese Songs sind dagegen ruhig und scharfsichtig, es ist ein unmittelbarer Realismus in ihnen, ein Glaube ans alltägliche Leben wie im frühen Rock’n’Roll."



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-03-30 16:51:09
Letzte Änderung am 2017-03-31 19:44:24



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