• vom 10.06.2017, 09:30 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 12.06.2017, 16:39 Uhr

Pop

Stark im Abgang




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Von Bruno Jaschke

  • Über weite Strecken zwiespältig, offenbart das dritte Alt-J-Album ein grandioses Finale. Live tritt das Trio am 20. Juli beim "Out Of The Woods"-Festival in Wiesen auf.

Von wegen ambitioniertes Scheitern: Alt-J aus Leeds retten ihr neues Album im Endspurt. - © Mads Perch

Von wegen ambitioniertes Scheitern: Alt-J aus Leeds retten ihr neues Album im Endspurt. © Mads Perch

Alt-J hätten es sich durchaus bequemer machen können. Denn ein drittes Mal wäre ihr fragiler, kunstvoll verschachtelter Prog-Folk-Rock schon noch reingegangen. Sensationell erfolgreich - zieht man die eher "anspruchsvolle" Anlage der Musik in Rechnung - ist die Band sowieso: Nachdem ihr LP-Debüt "An Awesome Wave" (2012) mit dem Mercury Prize geadelt worden war, stieg ihr zweites Album, "This Is All Yours", im UK auf Platz 1 der Charts ein, erreichte - noch bemerkenswerter - in den USA Platz 4 und war auch in Österreich (wahrscheinlich wegen der Rezension in der "Wiener Zeitung") mit Rang 7 in einem Ausmaß erfolgreich, von dem a priori niemand zu träumen gewagt hätte.

Und obwohl das zum Trio geschrumpfte ursprüngliche Quartett aus Leeds live ziemlich fad sein kann, ist es gefragter Headliner bei großen Festivals (wie etwa am 20. Juli bei "Out Of The Woods" in Wiesen). Aber offensichtlich teilten Alt-J die Sorge manch skeptischen Bewunderers: Dass mit "All This Is Yours" - trotz Göttersongs wie "Hunger Of The Pine" (mit Miley-Cyrus-Sample und französischsprachigem Finale) - eine Grenze an Kontemplation und Introspektion erreicht war, an der es nichts mehr zu holen gab.



Information

Alt-J

Relaxer

(Infectious)

Die schwierige Übung, einen neuen Ansatz zu suchen und zu finden, erklärt möglicherweise, warum sich bei Album Nummer drei, "Relaxer" betitelt, nun latent das Gefühl von Planlosigkeit einstellt. Und vor allem, dass hier zu vieles auf zu engem Raum zusammengepackt wurde, sodass sich manche Stücke regelrecht klaus-trophobisch ausnehmen. Das treffendste Beispiel dafür ist "Hit Me Like That Snare", ein zunächst flott herausgebretterter Rocker, der Alt-J’s vertrautes Verhältnis zu "Explicit Lyrics" belegt. Aber unvermittelt wird die Tempobremse gezogen und der Text, der zunächst die reine Lust zu zelebrieren scheint, mit widerständiger Bedeutung beladen. Am Ende heißt es, mit nicht übertrieben spitzfindiger Doppeldeutigkeit, "fuck you, I’ll do what I want to do".

Grab und Hymnus

Oder nehmen wir die Coverver-
sion des Traditionals "House Of The Rising Sun". Im Grunde adaptieren Alt-J den totgespielten alten Hadern, der viel eher zu Provinz-Amateuren und Lagerfeuer-Entertainern als zu einer dermaßen hochreputierten Band zu passen scheint, bravourös: Die Melodie mäandert weit von der gewohnten Tonart weg, das geisterhafte Streicherarrangement hat unbestreitbar seinen Reiz; der Text ist teilweise verändert und stellt die Trunksucht des Vaters stärker in den Fokus. Der gleichermaßen prätentiöse wie verblendete Kunstgriff, einen ironisch sein wollenden Refrain mit den Worten "Happy happy happy happy fun day" einzuziehen, verhaut aber den ganzen Song.

Die an sich schöne Ballade "In Cold Blood" läuft, nicht wirklich ideal temperiert, genauso aus dem Ruder wie die Pool Party, die ihr Text beschreibt. Dennoch gehört sie so wie "Deadcrush", in dessen Chorus sich Sänger und Gitarrist Joe Newman von seinem charakteristischen Näseln zu Bee-Gees-Falsett aufschwingt, zu den Aktivposten der Platte, die bis zu den letzten zwei Titeln klassisch als "ambitioniertes Scheitern" bilanziert.

Im Finale allerdings schwingt sich "Relaxer" in himmelhohe Sphären und degradiert das Vorangegangene fast zur Makulatur. "Last Year" erzählt, nur von einer akustischen Gitarre begleitet und in bemerkenswerter Parallele zu Steve Millers beklemmender Delinquenten-Ballade "Harbor Lights" in morbidem Chorgesang vorgetragen, den Ablauf des titelgebenden letzten Jahres.

Es ist auch das letzte Jahr im Leben des Erzählers, der der Depression verfällt und Suizid begeht. Bei seinem Begräbnis singt seine ehemalige Lebenspartnerin eine gleichermaßen unheimliche wie auch betörende Beschwörung des Mississippi (die Stimme zum Song im Song gibt übrigens Marika Hackman - siehe Artikel).

Auf die kalte Grabesruhe folgt zum Abschluss hymnische Euphorie: In "Pleader", das sich verbal einige Referenzen an Richard Llewellyns Roman "How Green Was My Valley" gestattet, jubilieren 20 Konzertgitarren sowie Orgel und ein Knabenchor. Und dieser größenwahnsinnige sakrale Bombast trifft, elegant durch subtile Intensitätsverschiebungen und eine Fagotteinlage gebrochen, im wahrsten Wortsinn in die Vollen. Von wegen ambitioniertes Scheitern.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-06-08 18:29:08
Letzte Änderung am 2017-06-12 16:39:31



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