• vom 17.07.2017, 10:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Jazz-Legende

Musik als Raumschiff-Treibstoff




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexander Kluy

  • Der revolutionäre Jazzsaxofonist, der sein Instrument an die Grenze zum Nicht-Mehr-Spielen trieb: Zum 50. Todestag von John Coltrane am 17. Juli. .



Verschmelzung von Spieler und Ton: Der große, 1967 viel zu jung verstorbene John Coltrane.

Verschmelzung von Spieler und Ton: Der große, 1967 viel zu jung verstorbene John Coltrane.© Verve Music Group Verschmelzung von Spieler und Ton: Der große, 1967 viel zu jung verstorbene John Coltrane.© Verve Music Group

Plötzlich, ganz unerwartet, hört man diese tiefe Stimme. Was brummbärt sie im satten Sprechsingsang-Bass so entspannt-konzentriert? "A Love Supreme A Love Supreme A Love Supreme A Love Supreme". Es ist das Ende des ersten Teils der Jazzsuite selben Namens. Es ist die Stimme John Coltranes, des amerikanischen Tenor- und Sopransaxofonisten. "Acknowledgement" (Anerkennung), "Resolution" (Entschlossenheit), "Pursuance" (Streben), "Psalm": das sind die vier Teile von Coltranes Komposition.

"Ascension", "Om", "The Father And The Son And The Holy Ghost", "First Meditations", "Dear Lord", "Song Of Praise", "Hymn", "Spiritual", "Amen" - zahlreiche Werke Coltranes aus den sechziger Jahren spiegeln bereits im Titel seine tiefe Spiritualität wider. Diese fand ihren vielleicht reifsten Ausdruck 1964 in der schon kurz nach ihrer Veröffentlichung als bahnbrechend eingestuften Suite "A Love Supreme", dem Angelpunkt in Coltranes Schaffen.

Information

Filmtipp: Das Wiener Gartenbaukino zeigt am  17.7. den Film "Chasing Trane: The John Coltrane Documentary". Beginn: 20:30 Uhr.

Lektüretipp: Peter Kemper: John Coltrane. Biographie. Reclam Verlag, Stuttgart 2017. 208 Seiten, 25,70 Euro.

Geschenk an Gott

In seinen Improvisationen ausgehend von einer einfachen Tonleiter, einem "Mode", schafft Coltrane weit ausgreifende Figuren, umkreist ein tonales Zentrum, um es kurz vor dem Erreichen wieder zu verlassen. Der dritte Satz, der mit einem für den Drummer Elvin Jones typischen, rhythmisch vielschichtigen Schlagzeugsolo einsetzt, steigert diese Intensität nochmals, nicht zuletzt durch Quartakkorde von McCoy Tyner am Klavier. Der Schluss ist Ruhe. Ruhe schlechthin. Keine spektakulären Kunststücke mehr, sondern lange, eindringliche Linien, hymnische Phrasen höchster Liebe: Suchen, Finden, Abwenden, Antwort, Huldigung, Gebet. Auch wenn John Coltrane selber sagte, "dieses Album ist mein Geschenk an Gott, eine demütige Gabe an ihn" - "A Love Supreme" ist tatsächlich mehr als das.

Spricht man von John Coltrane, sind eigentlich nur zwölf der 40 Lebensjahre dieses Musikers gemeint, der 1926 in einer Kleinstadt in North Carolina geboren wurde und, nach Jahren eher überschaubaren Erfolgs in den 1950ern, Teil der Band von Miles Davis wurde. Anschließend nahm den manisch übenden Coltrane (wie so viele Jazzmusiker jener Tage ein Junkie, der sich aber von der Drogensucht befreien konnte) Thelonious Monk, der unkonventionell-genialische Pianist, unter seine Fittiche.

Als Coltrane 1957 wieder Teil des Miles Davis Quartetts wurde, war er ein anderer, reiferer Musiker. Einer, der mit äußerster Intensität in neue Klangwelten aufbrach, der "Sheets of Sounds", eine Art tektonischer Klangschichten, übereinanderlegte und später die akustischen Grenzen von Tenor- und Sopransaxofon auslotete. Als Solist und Bandleader ermöglichte ihm das kleine, wagemutige Label Impulse! große Freiheiten.

Komplex-meditativ

Ergebnis war eine Vielzahl von Einspielungen, die sich in den USA und Westeuropa prächtig verkauften, obwohl sie kaum im Radio liefen. Die Käufer waren junge Musiker und Musikstudenten, die seine Soli transkribierten. Es hat wohl nach 1945 keinen Jazzmusiker gegeben, dem so nachgeeifert wurde und der trotz seiner wenigen Schaffensjahre derart nachhaltig den Jazz beeinflusste. Der Musikjournalist Ira Gitler: "Seine Improvisationen flossen scheinbar von selbst aus dem Horn, komplex, gedrängt und reichhaltig, ein kontinuierlicher Fluss von Ideen ohne Unterbrechung, der mich wirklich umwarf. Es war beinahe übermenschlich; mit seinem Aufwand von Energie hätte man ein Raumschiff antreiben können."

Neuer denn je mutet Coltranes Musik aufgrund der Ablösung des Instruments vom Spielenden und der Verschmelzung von Spieler und Ton an. Ohne John Coltrane kein Jan Garbarek, kein Charles Lloyd, keine zeitgenössische Generation musikhistorisch beschlagener Jazzmusiker wie Joshua Redman, die Coltrane Tribut zollen und seine Kompositionen gründlich kennen.

Ohne Coltrane, der eine pantheistische Synthese der Weltreligionen für sich erschuf, nicht der meditative Grundton des Labels ECM. Archie Shepp, der selber mit Coltrane in dessen rabiatester und atonalster Phase zwischen 1964 und 1966 zusammenspielte, hob als besonderes identitätsstiftendes Moment hervor, dass Coltrane aus dem westlichen Instrument Saxofon ein nicht-westliches gemacht habe.

Aus der außermusikalischen Dimension Coltranes führte stets ein Pfad zurück ins akustisch konkrete Diesseits. Larry Hicock, ein kanadischer Musikkritiker und Radiomoderator, beschrieb seine erste Erfahrung mit Coltranes Musik so: "Als ich Coltrane das erste Mal hörte, war ich auf LSD und die Platte war ‚Ascension‘. Ich war 19, hatte einen vollen Trip intus und erlebte diese überwältigende musikalische Kraft, die meinen Kopf bis zum Zerspringen erfüllte. Ein Jahr später hörte ich die Platte wieder, diesmal stocknüchtern. Ich war so begeistert, dass ich beschloss, keinerlei Drogen zu nehmen und nur mehr durch Musik high zu werden, besonders durch die Coltranes. Und als ich ‚Spiritual‘ hörte, wusste ich schließlich, was Coltrane wirklich war: ein überirdisches Wesen."


weiterlesen auf Seite 2 von 2




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-07-14 14:15:06
Letzte ńnderung am 2017-07-14 14:46:32




Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Von YouTube in die Wiener Stadthalle
  2. "Ich entschuldige mich"
  3. Ein tieftrauriger Romantiker
  4. "Wir gaben dieser Musik ihre Stimme"
  5. Gib der Oma Zucker
Meistkommentiert
  1. Armin Wolf klagt FPÖ wegen Facebook-Posting
  2. ÖVP/FPÖ sorgen für Zweidrittelmehrheit im ORF
  3. "Ich entschuldige mich"
  4. "Kultur in harten Kämpfen verschonen"
  5. New York verklagt Weinstein


Quiz


Bille August.

Am Donnerstag, 15. Februar 2018, ging die Eröffnung der 68. Berlinale über den roten Teppich. Zahlreiche Stars aus nah und fern waren mit dabei.

Wissensdurstig, neugierig, seelenvoll und nachdenklich sieht David Bowie auf den Aufnahmen aus. Hier in August Wallas Zimmer. Die 75. Golden Globes wurden zur Bühne der Frauen mit einer Kampfansage an Sexismus, Missbrauch und Benachteiligungn. "Ich möchte, dass heute alle Mädchen wissen, dass ein neues Zeitalter am Horizont anbricht", sagte die US-Entertainerin Oprah Winfrey in ihrer Dankesrede nach Empfang des Ehrenpreises für ihr Lebenswerk - und rührte viele im Saal zu Tränen. "Zu lang wurden Frauen nicht angehört oder ihnen wurde nicht geglaubt, wenn sie den Mut hatten, gegen die Macht von Männern aufzubegehren." Deren Tage seien nun gezählt. Jetzt müssten alle dafür kämpfen, dass es in Zukunft niemanden mehr gibt, der als Opfer "Me too" sagen muss, mahnte Winfrey. Zur ganzen Rede


Werbung


Werbung