• vom 04.08.2017, 15:49 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 04.08.2017, 16:01 Uhr

Albumkritik

Rollenlyrik auf doppelten Böden




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Von Andreas Rauschal

  • US-Songwriter Randy Newman demonstriert mit seinem ersten Soloalbum seit 2008, was die Welt an ihm hat.

Versunken am Klavier und sarkastisch in Orchesterumrahmung: Randy Newman veröffentlicht "Dark Matter".

Versunken am Klavier und sarkastisch in Orchesterumrahmung: Randy Newman veröffentlicht "Dark Matter".© P. Springsteen Versunken am Klavier und sarkastisch in Orchesterumrahmung: Randy Newman veröffentlicht "Dark Matter".© P. Springsteen

Am Beginn des Albums steht eine, wie man im Feuilleton gerne sagt, "Tour de Force". Allerdings stemmt der Meister diese als lockere Aufwärmübung. Im rund achtminütigen, trotz zahlreicher Tempo-, Stimmungs- und Genrewechsel zwischen Erlösungsgospel, Südstaatenblues, Hörspiel und Filmmusik nicht auseinanderfallenden Eröffnungsstück "The Great Debate" beweist Randy Newman auf "Dark Matter" (Nonesuch/Warner) nicht nur in musikalischer Hinsicht, dass er weiß Gott noch Ambitionen hat. Gerade auch auf der Inhaltsebene erklärt der Song als partielles Erzählstück mit Rollenlyrik aus diversen Perspektiven, dass Pop im weitesten Sinn doch etwas mehr sein kann als die typische Boy-meets-Girl-Geschichte mit Tränen am Ende.

Beobachterposition

Randy Newman, der heute 73-jährige Außenseiter unter den US-Liedermachern mit einem Standplatz hinten links in der Beobachterposition, lässt hier nicht weniger als eine Armada von Wissenschaftern gegen eine Heilsarmee aus "True Believers" anlaufen, um Themen wie Klimawandel, Evolutionstheorie und Dunkle Materie zu diskutieren. Und dabei auch die eigene Rolle aufs Korn zu nehmen, die so aussieht, dass er als allmächtiger Autor gottschöpferisch mit seinen Protagonisten ja eigentlich anstellen kann, was er will.

Es trifft sich gut, dass der einst von der Bush-Administration als schlimmste denkbare US-Führung für alle hinkünftigen Zeiten überzeugte Verfasser des damals sehr treffenden und bereits vom Titel her natürlich beißend sarkastischen Songs "A Few Words In Defense Of Our Country" (hey, es gab bereits Hitler und Stalin!) heute keinen Anti-Trump-Song schreibt, sondern den gesellschaftlichen Klimawandel unserer Tage subtiler erforscht. Hauptsache, die Evolutionstheorie wird widerlegt - und am Ende verkaufen sich die Merchandise-Artikel gut. Kurz, man muss diese Nummer gehört haben. Man muss diese Nummer hören.

Lachen mit Frank Drebin

Überhaupt darf man sich freuen, dass Randy Newman die Welt aktuell wieder daran erinnert, was sie an ihm hat. Nach Anfängen als Songwriter für Fremdinterpreten mit noch heute allseits bekannten Evergreens wie "Mama Told Me Not To Come" oder "You Can Leave Your Hat On" sowie nach einer zwischen Satire, politischem Kommentar auf mindestens doppeltem Boden und inwendigen Klavierballaden zwar künstlerisch ergiebigen, kommerziell bis auf wenige Ausnahmen wie den Hit "Short People" von 1977 aber wenig erfolgreichen Solokarriere hat sich der Mann ja bereits ab den 80er Jahren zunehmend auf die Arbeit an Soundtracks konzentriert - und sich mit Filmen wie "Toy Story", "Cars" oder "Die Monster AG" vor allem dem Hause Disney/Pixar verschrieben. Auch bekam man Randy Newman mit dem Titelsong der Serie "Monk" um den gleichnamigen neurotischen Kommissar oder in den Ben-Stiller-Filmen "Meet The Parents" und "Meet The Fockers" zu Gehör. Und natürlich sollte uns die zweifelhafte Liebesbekundung "I Love L.A." allein deshalb zum Lachen bringen, weil wir uns jetzt bitte an Leslie Nielsen in seiner Paraderolle als liebenswert vertrottelter Lieutenant Frank Drebin in "Die nackte Kanone" erinnern. Ha! Ha!

Ältere Songs wie "It’s Money That Matters" (". .. in the U.S.A."), "Follow The Flag", "Political Science" als Dokument einer wehleidigen Weltmacht ("No one likes us, I don’t know why") und das gerade auch zwischen Flüchtlingskrise, Abschottungspolitik und dem Traum von der grenzenlosen Freiheit pendelnde, große "Sail Away" sind nicht zuletzt heute wieder sehr aktuell. Im Falle von "Putin" und der im Englischen gegebenen Möglichkeit eines Wort- und Namenswitzes geht es Randy Newman nun aber auch auf seinem ersten Soloalbum seit neun Jahren noch einmal beinahe realpolitisch an. Hier lässt der Autor den russischen Präsidenten sich etwa bei Eroberungsplänen in Richtung Mittelmeerraum vergnügen. Im Blick rückwärts wiederum diskutieren bei "Brothers" die Brüder John Fitzgerald und Robert Kennedy die Vor- und Nachteile der Invasion Kubas - und wir lernen, was die Rolle von JFK als sogenannter Frauenheld damit zu tun haben soll.

Textliches Glanzlicht

Das abermals mit orchestralen Arrangements aufwartende Album, mit dem Randy Newman erklärt, dass er schon in jungen Jahren nach dem Great American Songbook klingen konnte, obwohl er neue Originale geliefert hat, ermöglicht aber auch eines: Es ermöglicht mit versunken am Klavier gegebenen Stücken wie "She Chose Me" eine Wiederbegegnung mit einem leider unterschätzten Schöpfer großer Lovesongs. Gerade das bewegende "Lost Without You" als Musik gewordene Zärtlichkeit angesichts der letzten und allerletzten Dinge zeigt den Meister diesbezüglich in Hochform.

In eine ähnliche Kerbe stößt "Wandering Boy" als Reflexion über den abwesenden Nachwuchs. "On The Beach" porträtiert einen alternden Surfer im dazu passenden, pensionistisch entspannten Grundton. Und mit der vertonten Lebensgeschichte des US-Blues-Musikers Sonny Boy Williamson gelingt dem Storyteller Randy Newman ohnehin wieder ein textliches Glanzlicht: "This is Sonny Boy Williamson: Number One! That’s my story. I’m done."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-08-04 15:54:05
Letzte Änderung am 2017-08-04 16:01:08



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