• vom 19.08.2017, 09:30 Uhr

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Song als Mini-Kunstwerk




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Von Uwe Schütte

  • Fünf Jahre lang mussten Fans der New Yorker Indie-Heroen Grizzly Bear auf ein neues Album warten. Nun liegt mit "Painted Ruins" endlich Nachschub vor.

Grizzly Bear, die Ästheten und Soundtüftler aus Brooklyn, sind zurück. - © Tom Hines

Grizzly Bear, die Ästheten und Soundtüftler aus Brooklyn, sind zurück. © Tom Hines

Es war im Jahr 2004, als "Horn Of Plenty", das bemerkenswerte Debütalbum von Grizzly Bear, erschien. Auf das Album stieß man, sofern man den euphorischen Empfehlungen in der Musikpresse außerhalb des Mainstreams folgte. Oder weil man sich vom so evokativen wie minimalistischen Cover verzaubern ließ. Zu hören war ein ruhiger, fast schon kontemplativer Indierock, damals noch aus Kostengründen im Lo-Fi-Gewand eingefangen. Aber hinter dem Bandrauschen steckte eine Magie, die sich aus der heiseren Stimme des Sängers Ed Droste und dem Zusammenspiel der Musiker ergab, die den sanften Fluss der Melodien mit allerlei merkwürdig-abstrusen Geräuschen anreicherten.

Gefunden hatten sich die Burschen in Brooklyn und erwiesen sich als so variabel wie die Metropole New York: Mit jeder weiteren Platte verwandelten sie ihren doch stets wiedererkennbaren Sound, zeigten neue Facetten, probierten andere Songstrukturen aus - und manches mehr.

Kein Wunder, dass sie damit auf dem Warp-Label landeten, als es noch einen guten Riecher für aufregende Musik jenseits der elektronischen Stammmannschaft hatte. Nachdem man 2006 mit "Sorry For The Delay" eine Kompilation früherer Aufnahmen nachgeschoben hatte, die aber durchaus als zweites Album hätte durchgehen können, folgte noch im selben Jahr das famose "Yellow House": ein Album, mit dem Grizzly Bear dem Experimentalismus und der Soundzauberei von Animal Collective eine beeindruckende Konkurrenz machten.



Zusammen mit den großartigen Platten von Why? aus dem Umfeld des experimentellen Hip-Hop auf dem Anticon-Label, ergab sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine heilige Indie-Trinität, die Hoffnungen

Information

Grizzly Bear

Painted Ruins

(RCA/Sony)

auf die Herankunft einer dem neuen Jahrtausend angemessenen Musik machte. Man höre auf "Yellow House" nur einmal das ergreifend-hypnotische Stück "Knife", um das ganze Ausmaß dieses Versprechens zu ermessen, das sich leider keineswegs erfüllt hat.

Mit "Veckatimest" (2009) und "Shields" (2012) ging es dann in Dreijahresschritten munter weiter, wobei in beiden Fällen noch Bonusmaterial und Remixe hinterhergereicht wurden. Die beiden Alben vermochten ein konsistent hohes Niveau zu halten und erweiterten das formidable uvre der Grizzlybären - allerdings ohne Musik zu enthalten, die über das Bestehende hinauszuweisen vermochte. Aber vielleicht war die Band auch an ihrem eigenen Anspruch gescheitert und hatte selbst das Gefühl entwickelt, auf dem Gipfel der Indie-Kunst angelangt, nicht mehr recht zu wissen, wie es weitergehen könnte.

Gesichert ist jedenfalls, dass sich die Musiker in alle vier Himmelsrichtungen verstreuten und die Arbeit am Bandprojekt erst einmal ruhen ließen. Nun aber sind sie wieder zurück, und die lange Ruhepause hat dem neuen Album, "Painted Ruins", hörbar gut getan. Es enthält elf Stücke im Umfang von vier bis fünf Minuten Länge, was schon anzeigt, dass daran gefeilt wurde, die Soundideen gleichmäßig zu verteilen, anstatt wie früher auf oftmals divergierend lange Stücke zu setzen. Der Opener "Wasted Acres" ist mit seinen knapp drei Minuten der kürzeste Song und gibt mit seiner progressiven Entkopplung von Beats und Gesang einen schönen Vorabgeschmack auf des Nachfolgende.

Gleich "Mourning Sound" wird seinem traurigen Titel im Anschluss zwar nicht gerecht, stellt aber ein veritables Highlight des Albums dar: vorwärtsdrängender Rhythmus, euphorischer Gesang, elektronische Bläser und Akustikgitarren kommen zu einem gewohnt brillanten Grizzly-Bear-Song zusammen. Allein das war ein halbes Jahrzehnt Wartezeit wert. "Neighbors" ist noch einmal so ein Popsong als kleines Kunstwerk: Droste und die anderen Bandmitglieder singen erst gegeneinander an und stimmen dann wieder ineinander ein, derweil untermalt das Ganze ein tänzelnder Rhythmus, der sich beständig zu verschieben scheint, aber dennoch eine solide Basis bildet.

Danke für das wunderbare "Painted Ruins", und herzlich willkommen zurück, Grizzly Bear!





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2017-08-17 17:55:14
Letzte Änderung am 2017-08-17 18:39:34




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