• vom 27.08.2017, 12:14 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 08.09.2017, 15:41 Uhr

Konzertkritik

Altern, aber unterhaltsam




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Von Susanne Veil

  • Familienzusammenführung mit geschliffener Selbstironie: Robbie Williams im Ernst-Happel-Stadion.

Als Popstar zu altern ist eine delikate Angelegenheit. Wer den Provokateur zu lange spielt, ist peinlich; wer sich in der Übergröße vergangener Zeiten sonnt, mitleidserregend. Robbie Williams war 16 Jahre jung, als er der Boygroup Take That beitrat. Das Publikum des heute 43-jährigen Robbie Williams ist mitgealtert - und bespricht bereits in der Bahn zum Ernst-Happel-Stadion wie "verbraucht" er schon ausschaut.

Das Bühnenbild zeigt Robbie im Kampf gegen sich selbst. Zwei boxbehandschuhte Selbstbildnisse stehen sich rechts und links der Bühne gegenüber um sich später in haushohe Bildschirme zu verwandeln. Williams steigt in den Ring für die "Heavy Entertainment Show" und das Publikum möge sich bitte für eine Hymne auf Robbie erheben: "Gott schütze unseren Robbie. Ja, er war in der Entzugsklinik, Drogen und Drinks haben ihm einen Tiefpunkt verpasst. Er steht stolz und furchtlos, sein Gesicht für immer jung." Als hätte er die Kritiker aus der U-Bahn gehört.

Information

Robbie Williams spielt am 29. August im Wörthersee-Stadion in Klagenfurt.


Gleich mit den ersten beiden Liedern wird der Ton gesetzt: Der Titelsong seines elften Studioalbums "The Heavy Entertainment Show" und das zwanzig Jahre alte "Let Me Entertain You". "Robbie fucking Williams", wie er sich vorstellt, will und wollte schon immer unterhalten. Sein Mittel der Wahl: Selbstironie. Als seine Band beim dritten Lied in ein "Y.M.C.A."-Medley überzugehen droht, dröhnt er, "Ich fülle immer noch Stadien! Ich brauche das verdammt "Y.M.C.A." noch nicht!"

Wie zum Beweis folgt mit der neuen Single "Party Like a Russian" das komplette Entertainment-Packet: Ballerinas auf der Bühne, Kubismus auf den Leinwänden und Konfetti im Publikum. Mit dem dazugehörigen Musikvideo, in dem er samt Schwanensee und Millionärsbräuten Oligarchen durch den Kakao zieht, hatte er für Empörung gesorgt. Ein bisschen Provokation muss immer noch erlaubt sein.

Rap gegen Kitsch

Dann wird das Publikum abgeklopft: "Wer ist über Vierzig?" Bei der Anzahl der Hände zeigt er sich schockiert und wendet sich an diejenigen unter Dreißig: "Hallo, mein Name ist Robbie Williams, ich war in einer Boyband, die Take That hieß. Ich war ein bisschen dünner damals." Zugegeben:  Manche Lieder seien Mist gewesen, es war halt 1994.

Es folgt eine Hommage an den verstorbenen George Michael: "Mit ihm hätte ich Sex gehabt." Mit demselben "Freedom"-Cover startete Williams mit zarten 22 Jahren seine Solokarriere. Als er von seinen beiden Kindern erzählt, scheint er selbst am wenigsten glauben zu können, dass er es geschafft hat so alt zu werden.

Über die Maßen romantisch wird es, als er für "Something Stupid" mit seiner Frau Ayda Field rosenumkränzt auf einem Bänkchen Platz nimmt. Der Schmalz wird mit "Rudebox" dann aber schnell weggerappt. Überhaupt zeigt Williams von Rap bis Swing die ganze Bandbreite seines Schaffens. Dann geht die Familienzusammenführung weiter. Williams‘ Vater Peter kommt auf die Bühne und singt "Sweet Caroline". Als beide auf einem Sofa sitzend ins Duett übergehen, gibt es im Publikum kein Halten mehr.

Ein Thron für den König

Mit "Feel" und "Rock DJ" naht das Finale und dann widmet er "She’s the One" auch noch Österreich: "Ich meine es verdammt nochmal ernst, ich liebe Österreich!" So glauben wir gerne, dass hier die Stimme aus Rührung wackelt. Als er für "Angels" auf einen Thron Platz nimmt, schlägt er den Bogen zum Anfang: König Robbie. Kann aber auch sein, dass der König einfach ein bisschen öfter sitzen muss.

Als die Band und die großartigen Backgroundsängerinnen bereits die Bühne verlassen haben, aber das Publikum immer noch mehr will, lässt er die Lieder des Abends im Chor Revue passieren. Trotz Lichtershow, Feuerwerk und Bildschirmen in Robbie-Form – heavy Entertainment eben – scheint es doch nicht viel mehr zu brauchen als einen Mann und sein Publikum. Überhaupt ist er als lebendige Jukebox am besten, wenn er Popsongs von Amy Winehouse bis Falco anstimmt, singen alle mit.

Zum Abschied und unter der Klavierbegleitung von Guy Chambers, seinem langjährigen Produzenten und Co-Autor, wird er mit "My Way" nochmal überdeutlich. Die Evolution eines Abends: am Anfang stellte er seinen Hintern unterm Schottenrock vor und am Ende covert er mit Gehstock Frank Sinatra. Robbie Williams präsentiert sich zwischen selbstironischem Größenwahn als geläuterter Familienmensch. So scheint Altern als Popstar denkbar einfach: Nicht jung sterben und unterhaltsam muss es sein.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-08-27 12:16:03
Letzte Änderung am 2017-09-08 15:41:28



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