• vom 05.09.2017, 16:06 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 05.09.2017, 18:06 Uhr

CD-Neuerscheinung

Keine frohe Botschaft mehr




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Von Andreas Rauschal

  • Deutschrapper Casper und sein real-dystopisches neues Album "Lang lebe der Tod".

"Hörst du die Sirenen kommen?" Casper ist wieder da - und gastiert am 14. November in der Wiener Stadthalle.

"Hörst du die Sirenen kommen?" Casper ist wieder da - und gastiert am 14. November in der Wiener Stadthalle.© Christian Alsan "Hörst du die Sirenen kommen?" Casper ist wieder da - und gastiert am 14. November in der Wiener Stadthalle.© Christian Alsan

Rückblickend darf man sagen, dass Rapper Casper der Mann ist, der mit dem zwischen Resignation und Aufbruch angesiedelten Song "Der Druck steigt (Die Vergessenen Pt. 1)" vom Durchbruchsalbum "Xoxo" den aktuellen SPÖ-Wahlkampfslogan bereits im Jahr 2011 vorweggenommen hat: "Der Druck steigt. Wir holen zurück, was uns gehört!"

Aktuell wiederum macht man sich bei Zeilen wie "Ganz im Ernst, hatte niemals Angst wie jetzt. Selten Schlaf vor sechs, Selbstzweifel A bis Z. Augen überall, Augen überall. Hoff so sehr, dass du nicht gehst, wenn ich fall" so seine Gedanken, wie autobiografisch der bald 35-Jährige eigentlich seine Texte anlegt.


Im Hier und Heute
Über die Verzögerung des Veröffentlichungstermins des jetzt also doch vorliegenden neuen Werks um rund ein Jahr sprach Casper ja bereits offen. Unzufriedenheit mit dem Material sowie keine Lust darauf, 24/7 eine Person des öffentlichen Interesses zu sein, spielten hier eine Rolle. Die auch aufgrund der nahe am Wasser gebauten Bekenntnisse zur Versagensangst Emo-Rap genannte Kunst des als Benjamin Griffey geborenen Musikers verschreibt sich damit endgültig dem Problem. Das neue Album trägt den Titel "Lang lebe der Tod" (Sony Music) und verhandelt innere und äußere Krisen. Trotz der von Indiehausen aus in Richtung Mainstream zielenden Refrains soll es laut Casper "unbequeme Musik für unbequeme Zeiten" bieten. Nur Caspers Beschreibung der Songs als "dystopisch" ist zu hinterfragen. Sie spielen nicht fiktional mit schlechtem Ausgang in der Zukunft. Diese Songs spielen real mit zumindest sehr schlechten Aussichten im Hier und Heute.

Nach dem unter Mithilfe von Konstantin Gropper alias Get Well Soon aufgenommenen, musikalisch ins Hinterland blickenden und deshalb auch "Hinterland" betitelten Vorgänger von 2013 legt Casper seinen begrifflich ohnehin kaum greifenden Hip-Hop-Entwurf mit von den Nine Inch Nails inspirierten Synthesizern und Beats ("Sirenen", "Morgellon") heute auch im Sound dunkler an.

Im Fall des Titelstücks, das selbst gegen Deutschrap Immunisierte dazu bringen könnte, die Augenbraue erstaunt hochzuziehen, schaut mit Blixa Bargeld auch der Fürst der Finsternis vorbei, um einen Song über die Ergötzung der Massen an der Katastrophe mit einer hübschen wie hübsch melancholischen Melodei abzufedern. Bässe pumpen und pochen. Ein Streichquartett gesellt sich klassisch hinzu: "Bist du auch so verliebt? Meine Lust will, dass es uns ewig gibt ... Und so singt sie ein Lied und noch ein Lied, auf dass es uns ewig gibt. Bist du auch so vergnügt? Oh, wie schön heut das Leben zu uns lügt. Und wie mein Herz vor Liebe fast verglüht. Schau, wie der Frühling heute blüht!"

Gegen Homophobie
Bezüglich des Deutschrap-Hintergrunds ist zu sagen, dass Casper in den USA aufwuchs und erst im Alter von elf Jahren ohne Deutschkenntnisse in das Land seiner Geburt zurückkam. Biografisch spielten schwierige Familienverhältnisse eine Rolle - außerdem hatte Casper den Unfalltod seiner Halbschwester zu verkraften. Vielleicht gibt er mit "Deborah" der Depression auch deshalb einen Namen und singt bei "Lass sie gehen" oder "Meine Kündigung" glaubwürdig über den Wunsch nach Rückzug und freiwilliger Einzelhaft - in der Wohnung. Die Songs von Casper sind empathisch sich selbst und anderen gegenüber. Sie positionieren sich explizit gegen Homophobie im Hip-Hop und tun keiner Mutter Verbalgewalt an. Das ist heute ebenso wenig selbstverständlich wie Caspers Referenzkosmos, der sich mittels Namedroppings zwischen Ton Steine Scherben und den Goldenen Zitronen erstreckt - Casper wurde im Punkumfeld sozialisiert und ist deshalb so heiser - und auch auf Jonathan Safran Foer und David Foster Wallace anspielt. Dazu adressiert Casper neue Verschwörungstheoretiker, Reichsbürger, "Fake News"-Vorwürfe oder Social-Media-Narzissmus bei gleichzeitiger Gleichgültigkeit hinsichtlich der wahren Probleme der Welt.

Im Wesentlichen stimmt das mit dem unbequemen Album also. Auch wenn alles sehr eingängig klingt. "Hast du Angst um dein Leben? Kommt Panik in dir hoch? Fühlst du dich belogen? Fürchtest du den Tod? Hörst du die Sirenen kommen?"




Schlagwörter

CD-Neuerscheinung, Rap, Casper

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-09-05 16:12:09
Letzte ─nderung am 2017-09-05 18:06:15




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