• vom 09.09.2017, 16:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 09.09.2017, 16:44 Uhr

Music

Befremden im "engen Land"




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Von Bruno Jaschke

  • Auf "Über uns", seinem nun vorliegenden ersten vollen Album auf Deutsch, reflektiert Robert Rotifer den Brexit.

Songs über das Anti-EU-Votum der Briten: Robert Rotifer.

Songs über das Anti-EU-Votum der Briten: Robert Rotifer.© Foto Magdalena Blaszczuk, Grafik Veronika Molden Songs über das Anti-EU-Votum der Briten: Robert Rotifer.© Foto Magdalena Blaszczuk, Grafik Veronika Molden

Nun also Rotifer auf Deutsch, und das gewissermaßen abendfüllend. Das ist nicht wirklich so überraschend, wie es wegen des anglophilen Rufs des Künstlers den Anschein hat. Robert Rotifer, gegenwärtig leidgeprüfter Wahlbrite austriakischer Provenienz, ist, wie Lesern dieser Zeitung hinlänglich bekannt, ein Universalist. Allein dass er als Journalist und ehemaliger Kurator des Wiener Popfests nicht unwesentlich zum Aufschwung des österreichischen Pop beigetragen hat, belegt, dass sich sein musikalischer Fokus nicht auf das UK beschränkt.

Songs auf Deutsch hat Rotifer bereits früher gemacht. Mit dem englischen Singer-Songwriter Pete Astor hat er - auf Initiative Astors, dessen Mutter Deutsche war - zwei originelle Songs gefertigt und auf Youtube gestellt: "Wo ist mein Traum?" und "Wir wissen". Einem Duett mit dem Nino aus Wien für Pumpkin Records ist das Lied "Trümmerfeld" entsprungen.


Kluges Hochwienerisch
"Über uns", Rotifers erste Langspielplatte in seiner Muttersprache, ist Ernst Molden zu verdanken. Dieser wünschte sie sich für das Label, das er mit seinem langjährigen Manager Charlie Bader ins Leben gerufen hat. "Irgendwann", schreibt Molden auf der Website von Bader Molden Recordings, "ist mir aufgefallen, dass sein gepflegtes, kluges Hochwienerisch, unverändert seit zwanzig Jahren, längst eine historische Sprache ist, geformt in den 1980ern und historisch leider auch deshalb, weil ihre Intelligenz und ihr Witz hier eigentlich schon Geschichte sind. Ob er nicht einmal ein Solo-Album in seinem Wiener Deutsch aufnehmen wolle, habe ich ihn in einem Anfall von Kühnheit gefragt". "Ernst hat mich ganz direkt angesprochen", bestätigt Rotifer im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", "und er wünschte sich von mir ein Album auf Deutsch, ganz allein, nur mit akustischer Gitarre. In dem Augenblick spürte ich, dass das genau das richtige Medium war, um meine Gefühle über den Brexit auf musikalische Weise loszuwerden."

Thema von "Über uns" ist also das Anti-EU-Votum Großbritanniens. Insbesondere, wie es dazu kam, war für Rotifer schwer zu ertragen: "Die tägliche Propaganda, wie die britische Presse immer mehr - ich übertreibe nicht - ins Rechtsextreme abgedriftet ist. Rassistische, fremdenfeindliche Hetze, wie man sie früher nur auf Neonazi-Flugblättern gesehen hätte, brüllte mir täglich vom Zeitungsstand entgegen. Die Macht der beharrlichen Lügen aus mächtigen Mündern. Die Schamlosigkeit der Medien in der Manipulation ihres Publikums. Und natürlich der Verlust des Vertrauens in das Land, in dem ich fast mein ganzes erwachsenes Leben verbracht habe, und das mich von dieser wesentlichen Entscheidung über meine Zukunft und die meiner Familie einfach ausschloss."

Gleichzeitig vermittelten die sozialen Medien Rotifer den Eindruck, dass in Österreich Menschen mit einem ähnlichen Befremden zu ringen hatten. "Da wurde mir bewusst, dass eine Beschreibung meiner Situation auch für deutschsprachige Ohren vertraut klingen könnte. Man hofft ja immer, dass die Leute sich mit den Songs auf einer bestimmten Ebene identifizieren können. Über sich selbst zu singen geht nur gut, wenn es andere miteinschließt, daher heißt das Album ja auch ,Über uns‘, nicht ,Über mich‘."

Erinnerungen
Im rein akustischen Format bewegt sich Rotifer mit seiner ziemlich tiefen Stimme und gefühlvoll akzentuiertem Gitarrenspiel weit weg vom britischen Pop-Rock à la Lloyd Cole in die Richtung eines Nick Drake. "Es ging darum, herauszufinden, wie man nur mit einer Gitarre das Interesse und die Dynamik aufrecht erhalten kann. Mir wurde auch bald klar, dass ich auf Deutsch viel weniger Kontrolle darüber habe, wo ein Text hingeht. Der unbewusste Teil des Schreibens ist viel stärker, und ich war oft überrascht davon, was da aus mir herauskam."

Öfters tauchen - womöglich als ein Produkt jener schlaflosen Nächte, wie sie "Der Knoten" und "Der Mond" beschreiben - Erinnerungen an die alte Heimat auf. Genauer gesagt: Erinnerungen an früher, kontrastiert von einer Gegenwart, die man sich so nie hätte (alp-)träumen lassen. In einem England, das sich, wie es ein Songtitel treffend paraphrasiert, in das "Das enge Land" verwandelt hat.

Robert Rotifer

Über uns

(Bader Molden Recordings/ Rough Trade)




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-09-07 17:57:07
Letzte ─nderung am 2017-09-09 16:44:49




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