• vom 23.09.2017, 13:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Pop

Schönheit der Irritation




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Von Bruno Jaschke

  • Unter dem Namen 5K HD liefern Schmieds-Puls-Sängerin Mira Lu Kovacs und die Jazz-Formation Kompost 3 ein hervorragendes Debütalbum ab.

5K HD um Sängerin Mira Lu Kovacs legen ein Album mit großer Sogwirkung vor. - © Astrid Knie

5K HD um Sängerin Mira Lu Kovacs legen ein Album mit großer Sogwirkung vor. © Astrid Knie

Eine der besten Platten, die in Österreich die Populärmusik je hervorgebracht hat, kommt gar nicht aus dem Bereich des Pop. Im weitesten Sinn ist sie wohl dem Jazz zuzurechnen, hat aber nichts von der akademischen Attitüde, die das Genre ziemlich großflächig durchdrungen hat und begreiflicherweise selbst potentiellen Interessenten sauer aufstößt.

Eingespielt worden ist sie von Akteuren wie Christof Kurzmann, dem heute mit internationaler Anerkennung geadelten Christian Fennesz, Peter Brötzmann, Klaus Filip, aber auch Attwengers Markus Binder oder Didi Bruckmayr von Fuckhead. Dieses gut 20-köpfige Ensemble firmierte unter dem Namen "Orchester 33 1/3" - und auch der Titel der Platte lautete 1997 so. Ein rauschhaftes Fest musikalischer Entgrenzung, Intensität und Verdichtung, das sich improvisierend alles einverleibte, was da des Weges lag, ob Drum-&-Bass-Geknatter, Bigband-Bombast oder Elemente des damals ziemlich angesagten Post-Rock.



Information

5K HD

And To In A

(Seayou/Rough Trade)

Live am 6. Oktober im Wiener WUK.

Natürlich hat das Wiener Quartett Kompost 3 im unmittelbaren Sinn nichts mit dem Orchester 33 1/3 zu tun. Die Kühnheit, die kategorische Zügellosigkeit, die verrückte Konsequenz im Ausformulieren ausgefallener Ideen aber rufen Echos dieses in zweierlei Hinsicht einmaligen Projekts wach. Und auch Kompost 3 tun sich keinerlei Zwang an, wenn es auf Ausflug durch die Stile und Idiome geht: In ihrem pulsierenden Klangstrudel vermengen sie Free Jazz, Funk, Prog- und Noise-Rock und Ambient Music. Ihre Individualität und Spielfreude hat der Band bereits einige Preise (wie 2014 den Bremen Jazz Award), erstaunlicherweise aber auch eine gewisse Breitenwirkung eingebracht.

Nun haben sich Kompost 3 mit Mira Lu Kovacs zusammengetan: der Sängerin, die mit Schmieds Puls spröde, eigenwillige Balladen zu weitgehend konventioneller Gitarrenbegleitung vorträgt. Die Kovacs-Kompost-3-Kooperation indes hat, wie schon der Bandname 5K HD indiziert, elektronische Schlagseite. Obwohl prägende Elemente von Kompost 3 - die Trompete, das mächtige Schlagzeug - auch hier durchaus prominent zu hören sind, wirkt die Musik von der Struktur her kühl und zurückgenommen. Grundsätzlich bleibt man beim Pop und benützt ihn als eine Art Basis, um unvermittelt in alle Himmelsrichtungen auszuschwärmen. Dann entsteht um Kovacs’ sonore Stimme Unruhe, die wiederum von der Sängerin aufgegriffen und temperiert wird.

"And To In A" heißt das Debüt-album des Projekts, dem (noch als Kompost 3 feat. Mira Lu Kovacs) die EP "MeM" vorangegangen ist. Der Platte liegt, abgesehen vom Anliegen, unterschiedliche Talente zu bündeln, auch eine Art philosophische Rahmung zugrunde. Im Titelsong variiert Kovacs die Zeile "A poet brings sense and order to words": "A poet brings words to sense in order", "A poet brings order to words in sense", "Sense brings words in order to a poet" usw. Wenn man nun die Substantive "poet", "sense", "order" und "words" sowie das Verb "bring" weglässt, bleiben "and", "to", "in", "a" über. Der Titel der Platte also, "And To In A".

Ergibt das noch irgendeinen Sinn? Warum sollte es sich nicht einfach als Sprachexperiment genügen? Die Frage muss der geneigte Hörer für sich beantworten. Seine Wahrnehmung ist bei "And To In A" permanent vor Herausforderungen gestellt. Kaum ein Song kommt unbehelligt von Irritationsmomenten über die volle Distanz.

Melodiöse Stücke wie "Trouble Boy", "What If I" oder "Not A Love Song" (das nichts mit einem ähnlich lautenden Stück von Public Image Ltd zu tun hat) geraten auf halber Strecke in schwere Unwetter aus Elektronikwellen und Trommelfeuer. Durch die besonders schöne Ballade "Patience" geistert neben sporadischen Noisepartikeln ein Geräusch, das sich wie eine gedämpfte Version von splitterndem Glas anhört, in "Gimme" wiederum klingt es nach Wassertropfen in Höhlen.

Andere Songs wie "Mute" oder der Opener "Anthem", dessen alarmierendes Intro James Blake nicht schlecht anstehen würde, scheinen kurz vor dem Explodieren zu stehen - und tun es im Endeffekt nicht. Allein die Andeutung aber schafft ein Gefühl ungemütlicher Spannung. Und das sagt viel über die Sogwirkung dieses Albums, das nicht nur in der Kategorie Österreich zu den herausragenden dieses Jahres zählt.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2017-09-21 17:18:12
Letzte Änderung am 2017-09-21 17:43:15




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