• vom 02.10.2017, 19:55 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 02.10.2017, 21:15 Uhr

Musicalkritik

Biss zur letzten Power-Ballade




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Von Christoph Irrgeher

  • Rückkehr von "Tanz der Vampire" nach Wien: ein sehenswertes Spektakel mit einigen Längen.

Gleich fließt das Blut: Graf von Krolock (Drew Sarich) visiert den Hals der jungen Sarah (Diana Schnierer) an.

Gleich fließt das Blut: Graf von Krolock (Drew Sarich) visiert den Hals der jungen Sarah (Diana Schnierer) an.© apa/Herbert Neubauer Gleich fließt das Blut: Graf von Krolock (Drew Sarich) visiert den Hals der jungen Sarah (Diana Schnierer) an.© apa/Herbert Neubauer

Auch ein Vampirleben hat seine Vor- und Nachteile. Schlecht ist daran etwa: Wer ewig lebt, der erlebt auch ziemlich viel Langeweile. Und wer das Sonnenlicht in einem Sarkophag meiden muss, hat es mit Termin-Vereinbarungen eher schwer; von einem Strandurlaub ganz zu schweigen.

Andererseits hat dieses Leben seine Vorteile. So ein Vampir ist nämlich befreit von den Zwängen der Moral. Das bedeutet zum Beispiel: Der Flattermann kann in rascher Folge verschiedene Partner aussaugen und ausnützen, und er muss dabei kein jämmerliches Versteckspiel betreiben wie wir Sterbliche. Vergiss den Gewissensbiss!

Information

Musical
Tanz der Vampire
Ronacher
Wh.: bis 18. März 2018

Das ist vor allem die Botschaft, die Graf Krolock in dem Musical "Tanz der Vampire" lehrt, und die junge Sarah ist davonbegeistert - denn sie dürstet ebenso nach männlicher Bewunderung wie der Graf nach ihrem Blut. Sarahs zweiter Verehrer, Alfred, ist zwar auch ein lieber Kerl, aber ein Tschapperl: Mag es ihm auch gemeinsam mit dem kauzigen Professor Abronsius gelingen, Sarah aus dem Vampirschloss zu befreien: Das schöne Kind ist längst gebissen und bringt das Übel in die Welt.

Bombastische Bilder

20 Jahre ist es her, dass die Vereinigten Bühnen Wien den "Tanz der Vampire" als Musical herausgebracht haben. Das Stück erzählt mehr oder weniger dieselbe Geschichte wie Roman Polanskis gleichnamige Filmkomödie von 1967. Anders als im Kino sieht die Vampirwelt auf der Bühne allerdings deutlich bombastischer und effektlastiger aus. Außerdem: Polanski, auch für die Musicalfassung im Jahr 1997 als Regisseur tätig, hat die Verführungskraft des Grafen hier noch einmal gesteigert. Krolock ist ein blutsaugender Don Giovanni - ein Lüstling, der die braven Bürger empört, aber doch die verdrängten Leidenschaften unter ihrer Zivilisationskruste anspricht. "Fühle die Nacht!", ruft der Herr Graf. Das klingt zwar nicht ganz so feingeistig wie ein Rilke-Gedicht, entfacht aber doch eine magnetische Wirkung.

Sie steigert sich dadurch, dass derzeit Drew Sarich die Hautrolle singt: 20 Jahre nach der Uraufführung ist der "Tanz der Vampire" wieder in Wien zu erleben und hat mit dem amerikanischen Musical-Star ein würdiges Kraftzentrum (in Folgevorstellungen werden auch Mark Seibert und Thomas Borchert zu hören sein). Sarich beherrscht ebenso ein zartes Süßholzraspeln wie ein gebieterisches Dröhnen, vor allem breitet er vor seinen Opfern einen wohlig-warmen Vibrato-Teppich aus, verlockend wie ein Bett aus Rosen.

Die Show selbst, von Polanskis ehemaligem Assistenten Cornelius Baltus neu eingerichtet, zieht alle Register des Gruselfachs: Filmbilder lassen verschneite Berge prangen, Kulissen zeigen ein maulartiges Schlosstor, später einen Kirchenraum oder einen Friedhof, aus dessen Gräbern sich Untote für eine zackige Zombie-Choreografie (Dennis Callahan) schälen. Dabei wird der Horror geschickt mit Humor ausgeglichen, und: Das bombastische Klangbild des VBW-Orchesters (Dirigent: Koen Schoots) tischt nicht nur viel Rumms mit E-Gitarre auf, sondern auch den einen oder anderen Ohrwurm. Vor allem natürlich die Melodie des Rock-Hits "Total Eclipse of the Heart", von Jim Steinman bereits in den 80er Jahren geschrieben und später für seine Musical-Partitur wieder verwendet.

Wobei: Steinman benützt den Song hier so oft, dass man beim gefühlten zehnten Mal darüber nachdenkt, ob sich eine weitere Auferstehung nicht durch eine Pfählung der Noten verhindern ließe. Überhaupt tummeln sich hier viele dieser langsamen Songs mit ohrenbetäubender Steigerung, die man "Power-Balladen" nennt. Im zweiten Teil sind es gar so viele, dass der Gang der Handlung auf ein Zombie-Tempo gedrosselt wird. Zwei, drei Nummern weniger, und der Abend wäre frei von Längen.

Düsteres Ende, heller Jubel

Dafür ist das Ensemble fast ohne Schwachstellen. Stimmt zwar: Diana Schnierer gerät im Fortissimo an den Rand ihrer Sangeskräfte, klingt als Sarah aber sonst so entzückend, wie sie aussieht; Raphael Gross legt den Alfred als rühriges Sensibelchen an, Sebastian Brandmeir verleiht dem Professor die Quirligkeit eines Koffein-Junkies. Heitere Farbtupfer (mitunter freilich etwas grell) liefern die Wirtin von Dawn Bullock, Nicolas Tenerani als jüdischer sowie Charles Kreische als homosexueller Vampir. Trotz düsterem Ende zuletzt heller Jubel.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-10-02 18:48:06
Letzte Änderung am 2017-10-02 21:15:05




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