• vom 27.10.2017, 17:22 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 27.10.2017, 19:59 Uhr

Interview

"Wir leben dafür, uns zu perfektionieren"




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Von Christoph Irrgeher

  • Harri Stojka feiert im Konzerthaus seinen 60. Geburtstag: ein Gespräch über neue Wege, das Älterwerden und Fremdenhass.

Energieschub mit 60: Harri Stojka fühlt sich vitaler denn je.

Energieschub mit 60: Harri Stojka fühlt sich vitaler denn je.© Robert Newald Energieschub mit 60: Harri Stojka fühlt sich vitaler denn je.© Robert Newald

Wien. Ein wenig Rückschau darf schon sein: Harri Stojka feiert derzeit seinen 60. Geburtstag auf Tournee; heute, Samstag, macht er im Wiener Konzerthaus Station und lässt dabei einige Projekte aus der Vergangenheit Revue passieren - mit heimischen, aber auch mit Bühnenpartnern aus Indien. Zugleich blickt der Wiener Jazz-Gitarrist, der für seine rasanten Soli ebenso bekannt ist wie für sein Engagement gegen Roma-Diskriminierung, weiter nach vorn und präsentiert ein neues Album. Mit der "Wiener Zeitung" sprach er auch darüber.

"Wiener Zeitung": Im reiferen Alter packt manche Musiker die Nostalgie. Als der Jazz-Pianist Chick Corea 70 wurde, begann er die Bands aus seiner Jugendzeit zu reaktivieren. Fühlen Sie ähnlich?

HarriStojka: Nein, bei mir geht’s immer weiter nach vorn. Ich spiele im Konzerthaus zwar auch ältere Musik von mir, aber dass ich mich rückbesinne - nein. Ich hab’ jetzt auch völlig neue Sachen für mich auf der Gitarre entdeckt. Mein neues Album heißt "Other Doors", da geht’s in eine ganz andere Richtung.

Welche?

Ich habe mich stark mit Zwölfton-Musik beschäftigt, damit, die gängigen harmonischen Regeln zu sprengen. Bei "Other Doors" bleiben die Akkorde zwar auf tonalem Boden, aber ich spiele sogenannte "Inside-Outside-Solos" - mit Zwölftonspiralen, gespiegelten Mustern und ähnlichen Techniken. Ich bin darauf über ein Buch von Nicolas Slonimsky gekommen, den "Thesaurus of Scales and Melodic Patterns". Ich hab schon früher reingeschaut, aber es nicht kapiert. Jetzt mit dem Alter verstehe ich das immer mehr und setzte es um auf der Gitarre.

Ist es richtig, dass Sie ein Autodidakt sind?

Naja, ein Jahr hatte ich Unterricht beim Karl Ratzer. Das war ganz natürlich, weil ich in seiner Band Bass gespielt habe und parallel dazu Gitarre. Da hat er mir einiges gezeigt, und ich habe mir vieles abgeschaut. Mit 13, 14 bist du wie ein Schwamm. Damals hab ich mich stark für die Beatles interessiert und für Jazzrock-Gitarristen wie John McLaughlin, mit ihrer Musik bin ich aufgewachsen in den 70ern.

John McLaughlin war dann Teil des sogenannten "Superguitar"-Trios mit Paco de Lucia und Al Di Meola. 1981 erschien die legendäre Live-Platte aus San Francisco . . .

Ja, da haben wir die Ohren aufgestellt!

Viele finden, dass die Musik dieses Trios später zu einem reinen Virtuosenspektakel verkam.

Finde ich nicht. Man kann nicht sagen, dass die gefühllos waren. Das hat schon ein Feeling, aber es läuft halt alles auf einer sehr hohen Geschwindigkeit ab, die nicht viele mitverfolgen können. Es ist eine Gitarristenmusik. Meine Meinung ist: Wir leben dafür, dass wir uns perfektionieren. Warum sollen wir immer nur auf einer Stufe herumhupfen? Wobei es natürlich auch legitim ist, wenn der Eric Clapton seit 1968 immer dasselbe spielt. Aber es gibt auch anderes.

Gibt es auch langsame Gitarristen, für die Sie sich begeistern?

Ja, Paul Kossoff von Free - der Slowhand schlechthin, mit einem Riesenherz. Ich habe aber dieses Streben nach Virtuosität, das kommt vom Karl Ratzer.

Vor rund zehn Jahren waren Sie als Musiker für eine Hochzeit gebucht, ich habe Sie dort zufällig gesehen. Sie waren noch nicht dran, wollten aber schon unbedingt loslegen. Haben Sie einen starken Spieldrang?

Das ist wie bei einem Pferderl, das am Start ist. Sobald ich die Gitarre um hab, will ich spielen, will meine Energien loslassen. Wobei es auch Zeiten gibt, da greife ich das Instrument zwei Tage nicht an, um die Batterien neu aufzuladen.

Ändert sich die Energiemenge im Laufe der Jahre?

Ja. Ich kriege immer mehr davon.

Wirklich?

Es ist wie ein Neubeginn. Mit 60 ist irgendein Energieschub gekommen, von Manitu oder vom lieben Gott, der mir einen neuen Kick gibt. Ich habe kein Problem mit meinem Alter. Der einzige Unterschied ist: Früher hab ich mich aufs Fortgehen gefreut, heute aufs Heimgehen (lacht).

Sie haben lange Zeit Jazz und Rock gespielt. Erst in den letzten Jahrzehnten begannen Sie, sich musikalisch mit Ihrer Herkunft aus einer Roma-Familie auseinanderzusetzen, in Form von Gypsy-Jazz und anderen Projekten . . .

Persönlich habe ich mich immer damit beschäftigt, ich war seit jeher bewegt vom Schicksal meines Vaters (der die Vernichtungslager der Nazis überlebt hat, Anm.). Aber es stimmt, musikalisch habe ich das ungefähr ab dem Jahr 2000 umgesetzt.

Sie machen sich seit jeher gegen das Wort "Zigeuner" stark. Ist es so durch und durch abwertend?

Es gibt Menschen, die halten es für ein schönes Wort, sie verbinden damit Freiheit und Romantik. Aber mir hat es die Kindheit versaut. "Du leiwander Zigeuner" hat keiner zu mir gesagt. Und ich höre solche Schimpfereien immer noch. Unlängst sitze ich im Bus, und zwei Burschen hinter mir stänkern über die "Scheißzigeuner". Das Wort "Gscherter" ist ja auch nicht positiv besetzt. Ich bin ein Rom, ich bin kein "Gscherter" oder "Zigeuner".





Schlagwörter

Interview, Harri Stojka

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-10-27 17:26:06
Letzte Änderung am 2017-10-27 19:59:31



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