• vom 09.11.2017, 15:53 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 09.11.2017, 16:32 Uhr

Konzertkritik

Knacks und Heilung




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Von Andreas Rauschal

  • Die Fleet Foxes präsentierten ihr aktuelles Album "Crack-Up" im Wiener Gasometer.

Überraschend vital und bestens bei Stimme: Robin Pecknold hier bei einem Konzert im Juli - noch ohne Männerdutt, dafür mit Bart. - © Richard Gray/PA/picturedesk

Überraschend vital und bestens bei Stimme: Robin Pecknold hier bei einem Konzert im Juli - noch ohne Männerdutt, dafür mit Bart. © Richard Gray/PA/picturedesk

Ein Opfer findet der Wiener Konzertmarathon der vergangenen Woche dann doch. Weil man budget- und fitnessseitig oder schlicht aufmerksamkeitsökonomisch irgendwann naturgemäß an Grenzen stößt, wird die Gasometerhalle am Mittwoch nicht einmal halb voll werden. Ein zusätzlicher Grund dafür könnte aber auch hausgemacht sein: Die auftretende Band hat sich zuletzt etwas gar viel Zeit für ihr neues Album gelassen. Die Fleet Foxes aus Seattle fanden an der Speerspitze des Folkrockrevivals zwar im Jahr 2008 mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum international großen Anklang. Sie ließen nach dem drei Jahre später nachgereichten Zweitling "Helplessness Blues" aber ein erhebliches Momentum ungenützt. Der ohnehin zum (Selbst-)Zweifel neigende Sänger, Songwriter und Bandkopf Robin Pecknold stellte seinen Lebensentwurf in Frage, übersiedelte nach New York und tauschte an der Columbia University das zumindest potenziell schillernde Popstar- gegen ein bescheidenes Studentenleben.

Mit Kontrapunkt

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Die Rückkehr ins Geschäft fand nun heuer mit dem dritten Machwerk "Crack-Up" im Zeichen ausgesprochener Feel-bad-Themen statt: Bebildert mit den als Suizid-Hotspot bekannten japanischen Tojinbo-Steilküsten am Cover, erinnerte das Album bereits vom Titel her an F. Scott Fitzgeralds auf Deutsch als "Der Knacks" bekannten Essay "The Crack-Up", der vier Jahre vor dem alkoholbedingten Tod des Autors im Jahr 1940 eine Lebenskrise dokumentierte. Nach überzeugenden Anfängen zwischen sanften Westcoast-Klängen und dem eigentlichen Alleinstellungsmerkmal der Fleet Foxes, einem vor allem über akut harmonischen Gruppengesang evozierten pastoralen Grundton, fielen die neuen Songs aber nicht nur sperriger aus. Zwischen zahllosen Meeresmetaphern, verstärkt mystischen Noten, etwas Geschichtssichtung und Querbezügen etwa zum epischen Heldengedicht in Stabreimen aus dem Frühmittelalter kam das Material als eine Art Prog-Folk auch prätentiös daher.

Bei ihrem erst dritten Konzert der aktuellen Europatour setzt die zu sechst aktive Band in Wien mit einem auch deshalb erstaunlich schlichten Bühnen-Set-up und dezenten naturalistischen Visuals zwischen Bergmassiv und Abendrot einen Kontrapunkt - und überrascht im Fokus auf die Musik mit einem vitalen Auftritt, der auch die neuen Songs zwingender erscheinen lässt. Robin Pecknold hat sich vom alten Folkrockhippie-Klischee im Styling verabschiedet und trägt heute außer keinem Bart einen rückwärts gebundenen Männerdutt. Was am ehesten vom Brimborium übrig bleibt, sind sehr viele Gitarrenwechsel des Sängers und der Instrumentenfuhrpark seines Kollegen Morgan Henderson, der unter diesbezüglichen Agnostikern vor allem mit der Querflöte für Angst und Schrecken sorgt.

Feierlichkeit

Robin Pecknold beeindruckt live mit kristallklarer Stimme und makellosen, gemeinsam mit Christian Wargo am Bass und Tastenmann Casey Wescott errichteten Vokalharmonien, mit denen definitiv keine Musik für Zyniker entsteht - und die gerne einmal für einen Religionslehrerwitz herhalten müssen. Hat schon jemand etwas von einem Kärntner Männergesangsverein gesagt? Auch der schaut im Regelfall mit feuchten Augen ergriffen drein und klingt wie die Fleet Foxes andächtig-untertänig bis sehnsuchtsvoll hinsichtlich einer höheren Weihe. Spätestens mit dem ganz der säkularen Sehnsucht geschuldeten "Ragged Wood" vom Debütalbum hat die Band das Publikum in Wien übrigens recht bald in der Tasche.

Die inhärente Feierlichkeit der Musik gewinnt den Kampf gegen den in seiner Verlassenheit noch trostloser als sonst wirkenden Gasometer. Selbst wenn Robin Pecknold etwa mit der desperaten Coming-of-Age-Geschichte des live aufbrausenden "Helplessness Blues" plötzlich Handfestes in seine erratischen Texte einbringt oder er sich ganz dem "Knacks" von F. Scott Fitzgerald verschreibt, drängt bei diesem Konzert doch alles hin zu H wie Happy End und Heilung. Beides stellt sich auch in Form von "Blue Ridge Mountains" als letzter Zugabe und mit dem Abschlussapplaus nach rund 100 Spielminuten ein.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-11-09 15:56:07
Letzte ńnderung am 2017-11-09 16:32:23




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