• vom 16.12.2017, 09:20 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Die Platten des Jahres

Pop als Kunstwerk




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Die Lead Vocals singt der Autor ausnahmslos selbst - wiewohl sie stellenweise nach jemand anderem klingen. Die weltmeisterliche Ballade "Lovers’ Lies" würde man auch Scott Walker zuordnen, während bei "My Mama Ain’t" Merritts kellertiefe Stimme ungeahnte Höhen erklimmt.

5. The War On Drugs: A Deeper Understanding (US)

The War On Drugs um Adam Granduciel setzen bei ihrem
Majorlabeldebüt auf die Verfeinerung ihres Sounddesigns und sorgen mit flächigen Synthesizern und monotonen Drum-Machines für akzentuierte Geschmacksnoten. Einem beseelten Mantra gleich fließen die Songs dahin und umschiffen die Fallen, die ihnen ein Zuviel an Kitsch, Pathos und Sentimentalität stellen könnte.

6. Courtney Barnett & Kurt Vile: Lotta Sea Lice (AUS/US)

Courtney Barnett und Kurt Vile wirken nicht nur optisch, als hätten sie Slacker-Habitus und Hippie-Flair bereits mit der Muttermilch aufgesogen - auch ihre Musik klingt so. Auf ihrem ersten Gemeinschaftsalbum beleben sie den von Stereotypen geprägten Gitarrenrock neu und geben ihm jene Selbstverständlichkeit, Frische und Lässigkeit zurück, die ihm über die Jahrzehnte verloren gegangen war.

7. Grizzly Bear: Painted Ruins (US)

Ihre fünfjährige Pause hat der Band aus Brooklyn hörbar gut getan und zeitigt auf "Painted
Ruins" nun wieder mehrere Highlights: Gleich "Mourning Sound" - vorwärtsdrängender Rhythmus, euphorischer Gesang, Bläser und Akustikgitarren - demonstriert die ganze Stärke von Grizzly Bear, die den Popsong auch auf Album Nummer fünf als Kunstwerk anlegen.

8. Robert Plant: Carry Fire (GB)

Ex-Led-Zeppelin-Mann Robert Plant führt das Trip-Hop-Genre als Einflussfaktor für sein neues Soloalbum ins Feld. Vordergründiger aber machen sich auch diesmal weltmusikalische Elemente bemerkbar. Diese gehen Verbindungen mit klassischen Folk-Zupfgitarren oder erdigem Bluesrock ein. Außerdem erleben wir Plant dabei, wie er altersgelassen über das Vergehen der Zeit nachdenkt.

9. Why?: Moh Lhean (US)

Mit konventionellen Begriffen kommt man dem Werk von Yoni Wolf und seiner Band Why? kaum bei. Auf "Moh Lhean" zeigt sich die Truppe mit großer Spielfreude zwischen den gewohnten Einflüssen aus Hip-Hop, Folkrock, Psychedelic Rock, Indie-Pop, Minimal Music und Avantgarde. Neu ist der lebensbejahendere Ton, der in die Ergebnisse Einzug gehalten hat.

10. John Maus: Screen Memories (US)

Ohne dem "Retro-Chic" zu entsagen, hat der US-Musiker John Maus mit seinem neuen Album einen Schritt vorwärts gemacht. Die Musik klingt etwas produzierter, was seiner beachtlichen Begabung für einnehmende Melodien gut bekommt. Dazu geht es um die Apokalypse und die Hinfälligkeit allen Seins: "I see the combine coming / it’s gonna dust us all to nothing."

Die weitere Reihung:

11. Kendrick Lamar: DAMN (US)

12. Flotation Toy Warning: The Machine The Made Us (GB)

13. Charlotte Gainsbourg: Rest (F)

14. Peter Perrett: How The West Was Won (GB)

15. Ryuichi Sakamoto: async (J)

Überwältigungsmusik für letzte Dinge: Paul Plut.

Überwältigungsmusik für letzte Dinge: Paul Plut.© Gerfried Guggi Überwältigungsmusik für letzte Dinge: Paul Plut.© Gerfried Guggi

Pop/Österreich

1. Paul Plut: Lieder vom Tanzen und Sterben

Paul Plut reicht auf seinem Solodebüt karg-spröde, andächtig-getragene und dabei im Blues ebenso wie im Gospel verwurzelte Songs über die existenziellen Themen des Lebens. Im Dialekt seiner Ramsauer Heimat eingesungen, entstand intensive, ans Gemüt gehende Überwältigungsmusik mit den letzten Dingen im Zentrum. Der Enge der steirischen Gebirgslandschaft setzt Plut mit Twanggitarren und etwas Staubwüstenfolk ein Gefühl der endlosen amerikanischen Weite entgegen. Das ist spirituell und kathartisch - und zeitigt nicht nur mit "Vota" auch einen Song des Jahres.

2. Son Of The Velvet Rat: Dorado

Son Of The Velvet Rat um Georg Altziebler und dessen Ehefrau Heike Binder haben ihr aktuelles Album mit dem verdienten Produzenten Joe Henry (Solomon Burke, Elvis Costello) eingespielt. Zwischen Beserlschlagzeug, Honky-Tonk-Klavier, Bläsern, Mundharmonika und mit Schlüsselsongs wie "Love’s The Devil’s Foe" demonstriert Altziebler erneut nichts weniger als Songwriting-Grandezza. Seit 2012 in Joshua Tree in Kalifornien ansässig, destillieren Son Of The Velvet Rat auf "Dorado" maximale Ergebnisse aus eher minimalistischen Mitteln. Das ist mitunter zum Heulen schön - und fällt trotzdem tröstlich aus.

3. Garish: Komm schwarzer Kater

Im Jahr 2017 setzen Garish beim Weltgeschehen an. Der zuletzt zum Quartett geschrumpften Band geht es auf "Komm schwarzer Kater" um den Argumentations-, Diskussions- und Aktionsstil, den rechte Populisten eta-bliert haben, und seine Folgen. Musikalisch zeichnet sich das Album durch Leichtigkeit und mehr Homogenität aus. "Matador" würde einen guten Partykracher abgeben, "Im Fieber" reduziert die Bewegung bis gegen den Nullpunkt. Der wunderschöne Abschluss-Song mit dem Titel "Menschenfresserwalzer" streichelt die sentimentale Ader des Pessimisten, und das beschwingte "Den Göttern egal" ist der "Hit" des Albums.

4. Andreas Spechtl: Thinking About Tomorrow, And How To Build It

Ein weiteres Soloalbum des Ja,Panik-Sängers. In einem Teheraner Studio hat Spechtl von alten Kassetten die Sounds iranischer Ins-trumente gesampelt, elektronisch verfremdet und zu hauntologischen Loops zusammengefügt.

5. Vienna Rest In Peace: Vienna Rest In Peace




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-12-15 15:08:09
Letzte Änderung am 2017-12-16 09:19:03



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