• vom 16.01.2018, 16:32 Uhr

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Pop

Etwas Rost in harten Zeiten




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Von Andreas Rauschal

  • Das Erste Wiener Heimorgelorchester präsentiert sein neues Album im TAG.

Heimorgeln statt garagerocken: das Erste Wiener Heimorgelorchester. - © Johannes Zinner

Heimorgeln statt garagerocken: das Erste Wiener Heimorgelorchester. © Johannes Zinner

In Sachen musikalisches Städtemarketing kann die heimische Bundeshauptstadt nicht nur mit, sagen wir, den Wiener Philharmonikern bis weit ins ferne Asien punkten. Neujahrskonzert, Radetzky-Marsch, man nennt das eine sichere Bank. Mit dem Ersten Wiener Gemüseorchester und dem Ersten Wiener Heimorgelorchester ist die gute alte Wienerstadt gerade auch an der Schnittstelle von Pop-Spinnerei und Kunst mit Alleinstellungsmerkmal Weltklasse.

Das Erste Wiener Heimorgelorchester etwa beweist bereits seit dem Jahr 1994, dass nicht unbedingt Testosteron-Metal, langzoderter Garagenrock mit strengem Geruch oder etwas Älplerisches mit Lederhose dabei herauskommen muss, wenn Männerfreundschaften zu einem gemeinsamen Hobby führen. Hallo, es kann auch einmal etwas mehr als nur latent nerdiger Lo-Fi-Elektropop auf billigen Gerätschaften aus Häusern namens Casio, Yamaha oder Bontempi sein, der dann hübsch aus den Boxen eiert.


Darüber hinaus liegen Songtexte des Ersten Wiener Heimorgelorchesters nicht von ungefähr auch in Buchform vor. "Widerstand ist Ohm - gesammelte Lyrik" dokumentierte im Jahr 2015 einen hier stets mit Schalk im Nacken gepflegten Zugang zur Sprache. Ach ja, die sprachkreative Fingerfertigkeit des Heimorglers und Millionenshow-Teilnehmers Daniel Wisser (14 von 15 Fragen von Armin Assinger richtig beantwortet!) plus einmal politische Haltung extra kann man außer auf CD oder zwischen zwei Deckeln auch auf Facebook oder Twitter bewundern. Das neue Album demonstriert es bereits mit dem Titel "Die Letten werden die Esten sein" (OHM Records), der die buchstabenökonomischen Konsequenzen des Rotstifts auf die Textarbeit untersucht. Verknappung ist gut, aber.

Höherer Blödsinn
Das Erste Wiener Heimorgelorchester hat nach Stationen wie den Wiener Festwochen und dem Burgtheater (für das Handke-Stück "Untertagblues") sowie nach dem Sieg beim Protestsongcontest im Jahr 2009 oder einer Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Clemens J. Setz auch eine Kraftwerk-Hommage vorzuweisen. Deren Klassiker "Die Mensch-Maschine" dürfte noch bis heute auf die Band nachwirken, wenn man sich ein Stück wie "Firmenschild" anhört - das den Blick auf einen "Damenschuh" zu einem neuen Erlebnis macht, weil man jetzt weiß, dass das Wort "Mensch" darin vorkommt (in "Pflaumenschnaps" übrigens auch!).

Von höherem Blödsinn und Tierreimen bis zum "Lechts" und "Rinks" aus Ernst Jandls gerne zitiertem Lyrik-Hit "lichtung" im Linz-und-Retz-Remix reicht die Palette dieser schön zwischen Synthie-Pop mit Eurotrash-Anfall, pluckerndem Heimorgel-Bossa, etwas weißrussischem Retrofuturismus ("Damals") und einem Hauch von Comedian Harmonists bei "Hugo" pendelnden Stücke. Womöglich durch Netze Gefallenen ("Jeder träumt vom ersten Latz . . .") spendet das Heimorgelorchester in kalten, harten Zeiten wie diesen übrigens dringend benötigten "Rost". Die Live-Präsentation von "Die Letten werden die Esten sein" am Mittwoch, 17. Jänner, im Wiener TAG (Beginn: 20 Uhr) darf als Pflichttermin gelten.




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Dokument erstellt am 2018-01-16 16:35:08



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