• vom 20.01.2018, 16:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Pop-CD

Wasser als Metapher




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Von Bruno Jaschke

  • Eine erste Platte des Jahres: Der US-Musiker Aaron Maine veröffentlicht "The House", das dritte, mit Mut zur Seltsamkeit auffahrende Album seines Projekts Porches.

Abstand gewinnen, um zu sich selbst zu finden: Aaron Maine alias Porches. - © Jason Nocito

Abstand gewinnen, um zu sich selbst zu finden: Aaron Maine alias Porches. © Jason Nocito

Im Jahr 2016 mischte ein eigentümlicher Zwitter aus dezentem Retro-Anhauch und einem unbeirrbaren Selbstbewusstsein, wie es nur schöpferischen Großformaten eignet, die Popszene auf: "Pool", die zweite LP von Porches, klang ungefähr so, als hätte man The Human League in ihrer kommerziellen Blüte auf eine organische Basis gestellt, sporadisch mit kühnen Einsprengseln wie einem Jazz-Saxofon interpunktiert und in Melancholie gebadet.

Porches bezeichnet eigentlich eine richtige (Live-)Band mit zwei Gitarren, Keyboards, Bass und Schlagzeug. Aber im Prinzip steht der Name als künstlerisches Alias für Aaron Maine, einen 28-jährigen New Yorker mit so aufgeworfenen Lippen, dass ein Mick Jagger dagegen strichmündig aussieht, und temporären Anwandlungen, sich durch grauenhafte Oberlippenbehaarung zu entstellen. Außer Musik kreiert Maine auch Klamotten - und unterschiedliche öffentliche Personae, die dann Namen wie Roland Paris tragen, unter dem er zum Beispiel eine Kooperation mit Tuareg-Songwriter Mdou Moctar auf Tape veröffentlicht hat.

Information

Porches
The House

(Domino/GoodToGo)

Mittlerweile zu beträchtlichem Erfolg gekommen - "Pool" schaffte es in den US-Charts auf Platz 38 -, ist indes Porches doch klar in den Fokus von Maines Aktivitäten gerückt. Sein Debüt hat Porches 2013 mit dem leicht bizarren Existenzdrama "Slow Dance In The Cosmos" gegeben: Musikalisch war es, wie die meisten der Projekte, die Maine vordem unter Namen wie Aaron Maine And The Reilly Brothers oder Space Ghost Cowboys betrieben hatte, noch im Rock und Folk geerdet - Riesen-Songs wie das tragische "Jesus Universe" indizieren aber auch in diesem Format seine Klasse als Songwriter.

Der Synth-Pop, mit dem er auf "Pool" vorstellig wurde, hat in Maines Œuvre keine natürlichen Vorfahren. Viel Heimarbeit an elektronischem Gerät machte es möglich, dass dieser trotzdem klingt, als hätte er nie etwas anderes gemacht.

Neue Dimension

Mit der neuen, herausragenden Porches-LP "The House" begeht Maine keinen dramatischen Stilbruch zum Vorgänger, entfernt sich von diesem aber um zwei, drei Schritte: nach vorne, zur Seite, und vor allem in die Tiefe. Rückblickend mutet es an, als habe "Pool" nur skizziert, was der Elektropop von Porches alles kann. Dabei ist es nicht einmal so, dass "The House" in jeder Hinsicht eine eklatant bessere Platte wäre - melodisch war "Pool" vermutlich sogar stärker. Mit seiner Verve, seiner Konsequenz und seinem Mut zur Seltsamkeit (siehe Selbstbewusstsein) erschließt der dritte Longplayer aber definitiv eine neue Dimension.

Der Einstieg ist eigenartig: Es ist nämlich nicht die Stimme Maines, die das Album eröffnet und ein anheimelndes Synthie-Motiv auf den Weg schickt, sondern jene des profilierten Singer-Songwriters Alex G, der ebenso an dem Album mitwirkt wie die Porches-Stammkräfte Maya Laner (Bass) und Cameron Wisch (Drums), Aarons Vater Peter Maine sowie Dev Hynes (Lightspeed Champion, Blood Orange) und Bryndon Cook (Starchild & The New Romantic), deren intensive Background-Vocals die Ballade "Country" beseelen. "By My Side", in dem ein hart angeschlagenes Piano einen vertrackten, irgendwie launisch anmutenden Rhythmus kontrastiert, weckt Assoziationen zu James Blakes letztem Album, "The Colour In Anything". "Anymore" überantwortet Maines sonor-wehklagende Stimme einem seriellen Discobeat. In "Wobble" dialogisieren, hart am Rand der Dissonanz, ein Synthesizer und eine Gitarre.

Ein Meisterwerk ist "Goodbye", wo ein ehrfurchtheischender String-Synthie eine harsche Schneise in Maines himmlisches Crooning schlägt, und dann, auf beschleunigter Rhythmus-Basis, mit dem Stück davonfährt. In "W Longing", das ein wenig an den Nightclub-Jazz der mittleren 70er Jahre erinnert, gibt es ein freudiges Wiederhören mit dem Saxofon.

Wie auf "Pool" ist auch hier Wasser allgegenwärtig: In Titeln wie "Now The Water", als Ambiente, als Metapher für Versinken, Abtauchen, Sich-(auf)lösen. Denn das ist eines der zentralen Themen von "The House": Abstand gewinnen, um zu sich selbst zu finden. Um den Preis, möglicherweise seine Komfortzone - die etwa eine Beziehung sein kann - verlassen zu müssen. Mit Ziel unbekannt.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-19 10:41:05
Letzte Änderung am 2018-01-19 16:13:24



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