• vom 27.01.2018, 09:00 Uhr

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Die Regler auf Anschlag




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Von Bruno Jaschke

  • Eher heftig agieren - auch als Reaktion auf die politische Lage in den USA - Calexico auf dem neuen Album "The Thread That Keeps Us". Sänger Joey Burns im Gespräch.

Gegenprogramm zum US-Abschottungskurs: Calexico um Joey Burns (r.). - © Jairo Zavala

Gegenprogramm zum US-Abschottungskurs: Calexico um Joey Burns (r.). © Jairo Zavala

Es mutet an wie ein Weckruf an die eigene Adresse. Nach "Algiers" (2012) und "Edge Of The Sun" (2015) brauchte es nicht ein weiteres wohltemperiertes Album aus dem Hause Calexico. Stattdessen hat die stilbildende Band, deren gerne als cinematografisch charakterisierte, Pop, Rock und Folk mit Jazz und lateinamerikanischen Stilen vermischende Musik bei Filmschaffenden wie ein eigenes Gen-re gehandelt wird, auf ihrem neunten Album, "The Thread That Keeps Us", die Gangart verschärft.

Abwärtsspirale

Gleich beim zügigen Auftakt mit "End Of The World With You" sind die Regler auf Anschlag gestellt: Das fließende Intro und Joey Burns sehnsuchtsvoller Gesang werden kontrastiert von har-schen Gitarrensplittern, die sich dem Berliner Multiinstrumentalisten und Calexico-Stammmitglied Martin Wenk sowie der inspirativen Hilfe Robert Fripps verdanken. "Martin schickte einen coolen Ebow-Gitarrenpart", erzählt Burns beim Interview mit der "Wiener Zeitung". "Wir wollten aber noch von unserem Gitarristen Jairo Zavala einige eher atonale Parts. Da es dazu Anhaltspunkte brauchte, schickte ihm Martin einige Gitarrenparts von Robert Fripp. Somit hast du diese verwinkelten Rhythmusteile, die weiträumigen Ebow-Parts und Schübe von kinetischer Energie durch die Fripp-artigen Gitarren."

Information

Calexico
The Thread That Keeps Us
(City Slang/Universal)


Worum es inhaltlich geht, erklärt die Schlüsselzeile "Love in the age of the extremes": In einer Gesellschaft, die seit den Präsidentenwahlen 2016 tief gespalten ist, Gemeinschaftlichkeit, Zuneigung, Zusammenhalt (wieder-) herzustellen. "Nach der Wahl", erläutert Burns, "war es unser dringendstes Bedürfnis, schnell an die Arbeit zu gehen, Songs zu schreiben, in die Tiefe zu gehen. Daraufhin wollen wir nach außen, die Welt bereisen, Geschichten austauschen, eine positive Botschaft vermitteln".

Als ausgeprägt internationalistisches Ensemble haben Calexico seit jeher das genaue Gegenprogramm zu jenem Abschottungskurs repräsentiert, mit dem sich die USA gegenwärtig von der Welt verabschieden. Der Unmut über die Abwärtsspirale, in der sich das Land vor allem ideell dreht, prägt die Texte des neuen Longplayers und ist in der Musik reflektiert.

"The Thread That Keeps Us" ist also eine "politische" Platte - nicht die erste im Werk Calexicos: Schon "Feast Of Wire" befasste sich 2003 - George W. Bush war damals US-Präsident - mit dem Schicksal mexikanischer Flüchtlinge. Burns als Texter transportiert solche Inhalte aber lieber über kleine Geschichten denn mit großen ideologischen Manifesten.

"Grundsätzlich ist es für mich sehr schwierig, das Thema Politik aufzubringen", bekennt der 49-Jährige. "Meine Familie ist sehr konservativ und hat Trump gewählt. Es war mir unbegreiflich, wie sie das tun konnten. Nun, meine Familie weiß, was ich mache. Sie wissen, ich schreibe über Immigration, über Benachteiligte. Aber sie kommen zu den Shows, sie mögen die Musik."

Latino-Funk

"The Thread That Keeps Us" ist nicht arm an Höhepunkten: Im feurigen Latino-Funk "Another Space" werden die Kernkompetenzen frisch überholt, während Burns in "Dead In The Water" mit ungewöhnlich tiefer Stimme das gibt, was er im Scherz "my evil twin" nennt: "Es ist ein Song über Gier und Irreführung. Es beschreibt die Einstellung: Gehe ich zur Hölle, nehme ich die ganze Welt mit mir."

Eine besondere Rolle im Schaffen von Calexico spielen die Aufnahmeorte: Bei "Edge Of The Sun" war das Mexiko City, bei "Algiers" der gleichnamige Stadtteil von New Orleans. "The Thread That Keeps Us" wurde (großteils) im Norden Kaliforniens in einem aus Treibholz und alten Schiffsteilen erbauten Studio aufgenommen. Das erste Stück, das dort entstand, war "The Town & Miss Lorraine".

"Als wir in San Francisco landeten, war am Tag zuvor mein Flug in Tucson gecancelt worden, weil es zu heiß war. Da fühlte es sich gut an, in einer kühlen Umgebung anzukommen. Ich habe mir eine alte Gitarre gegriffen, ein bisschen herumgeschrammelt. Während eines Spaziergangs zum Strand kam mir die Melodie - als ich zurückkam, nahmen wir den Song auf. Das gab uns das Signal, es hat angefangen. Wir sind an etwas dran."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-25 16:20:10
Letzte Änderung am 2018-01-25 16:50:14



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