• vom 03.02.2018, 10:30 Uhr

Pop/Rock/Jazz


Pop-CD

Statement der Zuversicht




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Von Bruno Jaschke

  • Trotz sparsamer Spielzeit und des vermeintlichen Allerweltstitels "Okay" überzeugt die Wiener Band Neuschnee um Hans Wagner mit ihrem neuen Album nachdrücklich.

Selbstbeschränkung als Triumph: Neuschnee um Hans Wagner (Mitte). - © Elodie Grethen

Selbstbeschränkung als Triumph: Neuschnee um Hans Wagner (Mitte). © Elodie Grethen

Nach der Rockoper eine Miniatur von gerade einmal 30 Minuten. Mit einem eher unverbindlich anmutenden Titel: "Okay". Das soll sehr offensichtlich nach größtmöglichem Kontrastprogramm aussehen. Vielleicht ist hier aber auch eine falsche Fährte ausgelegt. Denn zwar befleißigt sich der vierte reguläre Longplayer von Neuschnee einer recht zwanglosen Form und ist gerade einmal etwas mehr als halb so lang wie sein aufwändig konzeptionierter und realisierter Vorgänger "Schneckenkönig".

Information

Neuschnee
Okay
(Problembär/Rough Trade)


Und doch demonstriert der gebürtige Berliner und Wahl-Wiener Hans Wagner, der hinter der Band steckt, mit "Okay" ein- und nachdrücklich, wie gut sich auch eine Reduktionsvariante eignen kann, große Themen anzusprechen. Wie auf "Schneckenkönig" richtet sich der inhaltliche Fokus des neuen Werks auf die Schwerpunkte Turbokapitalismus, Egoismus, Verführung und Populismus. Darum herum schwirren, wie verlorene Trabanten, Geschichten aus dem zwischenmenschlichen Bereich, der ein paar Momente des Innehaltens vor dem Mahlstrom von Gier und (vermeintlichem) Fortschritt gewährt.

Melodisches Englisch

"Was ist nur gefühlt und was ist real / ob du willst oder nicht - nicht nur das Wetter ist global", rappt Wagner im treffend betitelten Opener "Der Zeitgeist macht Buh". Was sich hier als Überforderung mit einer komplexen Wirklichkeit Luft macht, wird im Folgenden zu einer unheilvollen Abfolge von Krisenmanövern:

"Erst einmal dem Markt vertrauen / Und dann, wenn die Krise kommt, ne Mauer bauen / Wer ist die Made, und wem gehört der Speck / Die Maschinen, die wir selber bauen, nehmen uns die Arbeit weg / Wohlstandsverlustbürger suchen Orientierung / und dazwischen all die Aliens der Globalisierung." Am Ende heißt es indes so tröstlich wie wahr: "Es ist nie zu spät für ein bisschen Solidarität."

In der folgenden Ballade "It’s Okay To Feel Lost" wechselt Wagner ins Englische - ein schönes, sonores, melodisches Englisch, wie es etwa auch Konstantin Gropper (Get Well Soon) pflegt. Am Ende des Songs vollzieht Wagner aber einen Schwenk zurück ins Deutsche, und verblüffenderweise gibt erst das dem Song die lakonische Anmutung, die der Titel von Anfang an vermitteln will: "Ja ich habe Zeit, denn jetzt ist Ewigkeit / ich bin für dich da, wenn es mal wieder schneit."

"Stadtrandkind" entführt in Wagners Kindheit in Berlin, während "Umami", der zweite englischsprachige Song, die Nähe zwischen Essen und körperlicher Liebe klarzumachen versucht. Der Abschied mit "Lass uns leben" ist, wie eigentlich das ganze Album, ein Statement der Zuversicht. "Vertraue meiner Unzulänglichkeit, während der Dichter schöne Worte verspricht."

Im Kern sind Neuschnee ein Streichquartett. Wagner hat vernünftigerweise nie versucht, diese Form zu überspielen. Er hat ihr vielmehr auf dem ersten Album, "Wegweiser" (2008), die Kompositionsarbeit in Anlage und Aufbau untergeordnet. Das hatte zur durchaus reizvollen Folge, dass sich "Wegweiser" in den schwungvolleren Momenten anhörte wie ein Streicherensemble, das Kraftwerk interpretiert. Auf dem Nachfolger "Bipolar" (2011) ergänzte Wagner den Rahmen mit E-Gitarre und Schlagzeug. In "Schneckenkönig" schließlich forderte die Album-Dramaturgie einen breiteren Platz für den Rock ein.

Auf "Okay" drängt es Neuschnee Richtung Pop und Elektronik: Der Einstieg wird getragen von einem grob-monotonenSynthie-Motiv. In "Stadtrandkind" kommt es zum Clash zwischen getragener Gitarre und einem quirligen Streichermotiv. "Dasselbe Lied" ist, wie auch "It’s Okay To Be Lost", die klassisch-sonore Klavierballade, die vor Lichtjahren auch einmal bei jemandem wie Elton John gut geklungen hat.

Selbstbewusstsein

Das ist Musik, die nur eine gute Stimme braucht, wie sie Wagner hat, und dazu Selbstbewusstsein, an dem es dem 38-Jährigen auch nicht mangelt: "Komm, ich schreib dir ein Lied mit vier Akkorden / nur für dich und das ganze Land", beginnt er den vielleicht schönsten Song des Albums, um Selbstbeschränkung als Triumph zu zele-brieren: "Es ist immer nur dasselbe Lied / im Kreis und immer wieder."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-01 15:53:13
Letzte Änderung am 2018-02-01 16:16:47