• vom 08.02.2018, 14:00 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 08.02.2018, 16:36 Uhr

Pop-CD

Hingabe mit Warnglocke




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Von Andreas Rauschal

  • Joan As Police Woman widmet sich mit ihrem Album "Damned Devotion" amourösen Zweischneidigkeiten.

Live am 31. März in der Ottakringer Brauerei: Joan Wasser alias Joan As Police Woman. - © Allison Michael Orenstein

Live am 31. März in der Ottakringer Brauerei: Joan Wasser alias Joan As Police Woman. © Allison Michael Orenstein

Nicht zuletzt der Widmungsteil des Album-Booklets wartet mit einem wunderbaren Leonard-Cohen-Moment auf. Joan As Police Woman beschließt hier eine schonungslos offene Kulturgeschichte ihrer eigenen Liebesvergangenheit mit einer lakonischen Pointe: "To all the folks who expanded and thrilled and filled my heart, and to all the people who broke my heart, I thank you equally."

Immerhin trägt das dazugehörige neue und insgesamt sechste Soloalbum der am 26. Juli des Jahres 1970 als Joan Wasser geborenen US-Musikerin den Titel "Damned Devotion" (PIAS), der - gemeinsam mit in eine ähnliche Kerbe schlagenden Songs wie "Warning Bell" oder "Silly Me" - bereits nahelegt, dass Hingabe nicht nur immer auch mit gesteigertem Risiko verbunden ist und Liebe ja manchmal tatsächlich kälter sein mag als der Tod. Allerdings wollen wir das gar nicht anders. Wahrscheinlich merkt man so am ehesten in einem vom (schn)öden Alltag zugepflasterten Leben, was Menschsein bedeutet - oder zumindest, wie es sich anfühlt.

Für das Falsche

Amouröse Zweischneidigkeiten, Abhängigkeit, das Wissen darum, sich verletzlich und angreifbar zu machen, davon handelt das nicht ganz nachvollziehbar mit Frau Wasser im gestrengen Lack-und-Leder-Look illustrierte Machwerk. Immerhin tritt die Sängerin,
Multiinstrumentalistin und Songschreiberin selbst in den Texten nicht vorrangig als dominanter (Beziehungs-)Part auf. Gerne haben Liebe und Sex hier mit der bewussten Entscheidung für das Falsche zu tun. "I have loved deceivers. I tend to trust the villain. I am fine with learning it", so heißt es etwa im bereits erwähnten, auch aus außermusikalischen Gründen mit Stoßseufzern versehenen "Warning Bell". Dass das nicht im Widerspruch zu einem selbstbewusst-selbstbestimmten weiblichen Lebensentwurf steht, deklariert im Albumverlauf aber etwa auch ein skandierter Chor, den Wasser als Field Recording vom Women’s March in Washington mitgebracht hat.

Insgesamt markiert das Album einen doppelten Kontrast zum Vorgänger "The Classic" von 2014, dem die umtriebige Musikerin zwei Jahre darauf das mit dem nun auch für drei Stücke auf "Damned Devotion" wieder vertretenen Okkervil-River-Mann Benjamin Lazar Davis eingespielte Gemeinschaftsalbum "Let It Be You" folgen ließ: Hörte man vor vier Jahren eine lebensbejahende Hinwendung zu expliziter denn je in ihrem Schaffen ausgefallenen, musikalisch beschwingten Soulelementen, kommen die neuen Songs nun bevorzugt verschleppt und erschöpft daher. Noktambule Klangteppiche, Sperrstundenmusik, Saxofone, die den Blues haben, ohne den Blues zu haben, oder zwischendurch auch ins Filmische kippende Soundatmosphären ("The Silence") runden das Setting ab. Dass zur vollen Entwicklung der Wirkung auch reduzierte Arrangements reichen und Wasser keinen Song nachdrücklich zersingen muss, weil auch ein Wispern und Hauchen genügt, ist übrigens ganz der Stichhaltigkeit ihres Songwritings geschuldet, das auch in sperrigeren oder emotional besonders schwierigen Momenten wie locker aus dem Ärmel geschüttelt wirkt. Mit "What Was It Like" hat Joan As Police Woman diesmal auch eine berührende Hommage an ihren verstorbenen Vater dabei.

Der Kern des Albums aber bleibt sinnlich. Hingabe als Weg und Versuchung.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-08 13:41:17
Letzte ─nderung am 2018-02-08 16:36:40