• vom 10.02.2018, 12:20 Uhr

Pop/Rock/Jazz

Update: 11.02.2018, 20:46 Uhr

Protestsongcontest 2018

Protestsongcontest: Unser Pro zum Contra




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Von Andreas Rauschal

  • Am Montag ist wieder Protestsongcontest. Ein Mixtape im Zeichen des Pop-Widerstands.

Die Welt in Flammen: US-Rapper Kendrick Lamar im Rahmen der Grammy-Awards im Jahr 2016. - © Robyn Beck/afp

Die Welt in Flammen: US-Rapper Kendrick Lamar im Rahmen der Grammy-Awards im Jahr 2016. © Robyn Beck/afp

Seit 2004 erinnert der Protestsongcontest im Wiener Rabenhof Theater nicht nur an die Februarkämpfe im Österreich des Jahres 1934. Wie man sich am Montag beim diesjährigen Finaldurchgang wieder überzeugen wird können, geht es mit einer heiter-ernsten Leistungsschau zwischen Verbalwatsche und Widerständchen auch darum, ein Genre zu pflegen. Widerstand und Renitenz sind im Pop aber auch abseits des klassischen Protestsongs zentrale Faktoren.

"Rights Of Woman", Unbekannte Autorin (1795): Denkt man an den Protestsong als solchen, wird man am frühen Bob Dylan ("Masters Of War") und dessen (ungewollter) Rolle als Sprachrohr einer Generation nicht vorbeikommen. Bestimmt wird auch die Hippiekultur als Stichwort fallen: John Lennon singt mit Yoko Ono beim "Bed-in" im Hotelzimmer "Give Peace A Chance". An Bob Marley, der "Get up, stand up, stand up for your right!" deklamiert, weil ein Besuch in Haiti während der dort herrschenden Duvalier-Diktatur ihn mit den Schicksalen der bitterarmen Bevölkerung vertraut gemacht hat, führt ohnehin kein Weg vorbei. Dabei ist auch ein offenes Ohr für wesentlich unbekanntere frühe Zeugnisse des musikalischen Widerstands zu empfehlen.



Einer der ersten Protestsongs aller Zeiten ist gleichzeitig auch ein frühes feministischesManifest. "Rights Of Woman", 1795 in der Zeitschrift "Philadelphia Minerva" mit anonymer Urheberschaft beziehungsweise dem Credit "By a Lady" abgedruckt, nimmt auf die britische Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft Bezug, deren Hauptwerk "A Vindication Of The Rights Of Woman" zur damaligen Zeit an der Speerspitze des europäischen Feminismus stand. Ein Statement, 125 Jahre, bevor Frauen zunächst in den USA das vollständige Wahlrecht auf allen Ebenen erhielten.

"Strange Fruit", Billie Holiday (1939): Dass es zur Aufführung von "Strange Fruit" durch Billie Holiday sehr genaue selbst auferlegte Richtlinien gab - der Song wurde bei ihren Konzerten als letzte Nummer gespielt, das Bewirten der Tische musste während der Darbietung eingestellt, das Licht im Raum bis auf einen Spot auf Holiday abgedreht werden -, hat einen gewichtigen Grund. Das emotional extrem eindringliche Stück behandelt Rassismus und vor allem Lynchmorde an Afroamerikanern. Aus der Feder des jüdischen Lehrers, Dichters und SongwritersAbel Meeropol stammend, wurde "Strange Fruit" zu Holidays Signature-Song, dessen Darbietung ein Zeichen und mindestens mutig war. Die Angst vor einem Racheakt am eigenen Leib und Leben blieb Holidays vertraute Begleiterin.

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"This Land Is Your Land":Woody Guthrie (1945): Ursprünglich auch als Parodie auf Irving Berlins konservativ-patriotisches "God Bless America" konzipiert, gehört dieser Klassiker des politischen Folk-Aktivisten Woody Guthrie nicht nur zu den bekanntesten Folksongs aller Zeiten, dessen auf Gemeinschaftlichkeit fokussierte Zeilen gerade angesichts aktueller US-Abschottungstendenzen ungeahnt fortschrittlich klingen. In den gemeinhin nicht gesungenen Strophen entwickelt sich dieses lebendige Stück Musikgeschichte außerdem zu zeitloser Kritik am ewigen Kreislauf aus Raubtierkapitalismus und Armut.

"A Change Is Gonna Come", Sam Cooke (1964):"It’s been a long time coming / But I know a change is gonna come." Nachdem Sam Cooke und seiner Gefolgschaft aufgrund ihrer Hautfarbe von einem Hotel in Louisiana der Zutritt verweigert wurde, schreibt Sam Cooke mit "A Change Is Gonna Come" einen Song, der in seinem Glauben an Veränderung und bessere Zeiten zu einem zentralen Statement der Bürgerrechtsbewegung wird. Erst zuletzt bezogen sich darauf auch Cookes Landsleute von Algiers, deren Voodoo-Soul und Post-Punk verbindender Sound sich kämpferisch-konsequent Themen wie Ungleichheit, Unterdrückung und rassistisch motivierter Gewalt verschreibt.

"Alle Menschen san mazwider": Kurt Sowinetz (1972):"Alle Menschen samma zwider, i mechts in die Goschn haun." Sollte noch jemand auf der Suche nach dem goldenen Wienerherz sein, weil gerade in der Tramway kein Schwarzkappler, im Kaffeehaus kein Kellner oder in der Bauchstichhütte keiner der üblichen Tschecheranten zur Verfügung steht: Hier ist es! Der Volksschauspieler Kurt Sowinetz greift ausgerechnet auf Beethovens "Ode an die Freude" (Text: Friedrich Schiller) zurück, um seine Misanthropiestudie in den richtigen Kontext zu setzen. Das ist leiwand! Oasch nur, wenn man sich darin selbst erkennt. Auch Edmund "Mundl" Sackbauer war von "Alle Menschen san ma zwider" kaum begeistert.

"Anarchy In The U.K.": SexPistols (1976):Über die Industrialisierung und die Notwendigkeit der Arbeitnehmerschaft, sich zu organisieren, entstand bekanntlich eine Art gesellschaftliches "Wir", das sich auch im politisch-aktivistischen Handeln und den Songs klassischer ewiger Folk-Helden wie Pete Seeger und Woody Guthrie manifestierte, um von dort über Bob Dylan (wir wissen: Er war dagegen!) auf Epigonen wie den britischen Liedermacher Billy Bragg ("The Internationale") überzuspringen (und entsprechende Angriffsflächen im Thatcherismus prolongiert zu bekommen). Auch und gerade der Vietnamkrieg war ein verbindendes Element für ein gemeinsames Contra, bevor Punk als nihilistischer Frontalangriff und gerne auch über die Verwendung von Nazisymbolen geführter totaler, total provokanter Krieg daherkam. Es ging vom Zeitalter der Verbündung hin zur Vereinzelung der freien Radikalen. Heute wird Punk auch auf dem Laptop gemacht oder mit Hundehaltern assoziiert, die in der Fußgängerzone Kleingeld von uns wollen.

"Kaklakariada": Attwenger (2002): Die Protagonisten hießen Doktor Haider und Schüssel. Der Ballhausplatz wurde zum neuen Untergrund. Die Stichworte aus dem Archiv: Rechtsruck, Schwarzblaueins, der Bundespräsident hat sehr schlechte Laune. Das oberösterreichische Duo Attwenger (volksmusikalischer Punk-Hintergrund plus einmal Elektronik mit Gstanzl) reagierte mit dem Song "Kaklakariada" und sorgte damit für die Rückkehr des Protestsongs nach Österreich. Das Echo der Berge als Abgesang auf den Nationalismus. Nicht alles an damals war schlecht.




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Dokument erstellt am 2018-02-09 16:35:24
Letzte ńnderung am 2018-02-11 20:46:38




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