• vom 09.03.2018, 18:00 Uhr

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Von Bruno Jaschke

  • Trotz des vielversprechenden Titels "There’s A Riot Going On" präsentiert sich das verdienstvolle US-Trio Yo La Tengo auf seinem neuen Album eher wortkarg.

Die drei aus der Indie-Nische: Yo La Tengo aus Hoboken, New Jersey. - © Godlis

Die drei aus der Indie-Nische: Yo La Tengo aus Hoboken, New Jersey. © Godlis

Es gibt Bands, die scheinen seit Beginn der Ewigkeit da gewesen zu sein. Sie werden zwar relativ selten mit ultimativer Hingabe geliebt, aber missen möchte man sie auf keinen Fall. Ihre Platten sind regelmäßig Kandidaten für Jahresbestenlisten, wenn auch keine Fixstarter in Rankings der All-Time-
Favorites
. Sich bescheiden müssen auf sehr hohem Niveau - das ist auch das Schicksal des aus Hoboken, New Jersey, stammenden Trios Yo La Tengo.

Nichtige Eitelkeiten

Yo La Tengo sind ungefähr zur selben Zeit groß geworden wie Sonic Youth aus dem benachbarten New York. Wie diese haben sie mit Ira Kaplan (Gitarre) und Georgia Hubley (Drums) ein Ehepaar im Zentrum, das sich Kompositions- und Gesangsanteile teilt.

Während sich aber Sonic Youth dezidiert im Kunst-Kontext positionierten, ihre Frontfrau Kim Gordon zum Role Model der emanzipierten Künstlerin der 90er Jahre stilisiert wurde (bis sich herausstellte, dass Ehegespons und Bandkollege Thurston Moore sie gutbürgerlich betrog) und die Band schließlich auch die Avancen der Plattenindustrie in Form eines Vertrags mit Geffen Records annahm, blieben Yo La Tengo immer freiwillig in ihrer bescheidenen Indie-Nische.

Information

Yo La Tengo
There’s A Riot Going On
(Matador Records)

Zwar ist auch ihre Breitenwirkung im Laufe der Jahre gestiegen - ihr vorletztes Album, "Fade" von 2013, erreichte immerhin Platz 26 in den US-Billboard-Charts -, doch für große Zeichen und Gesten waren Kaplan, Hubley und der auch schon seit Dekaden mit ihnen spielende Bassist James McNew nie zu haben. Dass auf ihrem kommenden Freitag erscheinenden neuen Album "There’s A Riot Going On" ein Song "Let’s Do It Wrong" heißt, sagt viel über den Gleichmut der Akteure gegenüber nichtigen Eitelkeiten wie Ambition und Perfektionismus aus.

Yo La Tengos Musik verfolgte von Anfang an grundsätzlich zwei Richtungen: Einerseits gibt es lange, energetische Stücke mit raumgreifenden Gitarren-Exkursionen, die anders als bei Sonic Youth nicht über stetige Verdichtung Richtung Explosion drängen, sondern im Gegenteil frei fließen (vor ein paar Jahren, als das Wort gerne verwendet wurde, hätte man wohl Krautrock dazu gesagt).

Auf der anderen Seite stehen zerbrechlich-zarte Folk-Miniaturen, die durchaus ungeniert Richtung Pop tendieren. Ihr bis heute auch wegen seines Titels "Fakebook" in ehrender Erinnerung gehaltenes Album von 1990 hat diese Dualität archetypisch etabliert; im Lauf der Zeit sind als nennenswerte Variation noch sporadische Soul-Einflüsse dazugekommen. Nicht wirklich absichtslos verweist ja auch der Titel des neuen Albums auf einen Klassiker des Genres, nämlich auf das (beinahe) gleichnamige "There’s A Riot Goin’ On" von Sly And The Family Stone (1971).

Es ist allerdings nicht so sehr musikalische Vielfalt, die Alben von Yo La Tengo ausmacht, sondern die Fähigkeit der Band, jedem davon eine eigene Atmosphäre mitzugeben. So standen bei "I Am Not Afraid Of You And I Will Beat Your Ass", einem ihrer besten späteren Werke aus 2006, die Zeichen auf Sturm, während auf "Fade" jegliche Aufregung minimiert, wenn nicht eliminiert ist.

Bestechender Auftakt

Mit "There’s A Riot Going On" gehen Yo La Tengo nun an zwei Punkten weiter als bisher. Mehr denn je lassen sie darauf den Sound für sich sprechen. Drei Titel sind reine Instrumentals. Zwei weitere muten an, als wären sie welche: In "Dream Dream Away", einer schönen Meditation mit Gitarre, sowie im rhythmisch-vertrackten "Above The Sound" setzt der Gesang zu einem Zeitpunkt ein, da man nicht mehr damit gerechnet hätte. Eine gewisse Herausforderung stellt unter den sprachlosen Stücken das annähernd sechsminütige "Shortwave" mit irritierend New-Age-artigem Keyboard-Gewaber und unverständlichem Hintergrundgequatsche dar. Dagegen besticht der Opener "You Are Here" durch ruhigen Aufbau und Kaplans Gitarre. "You Are Here" kommt übrigens am Ende der Platte mit umgekehrtem Titel ("Here You Are") als recht überzeugende Psyche-delic-Folk-Ballade daher.

Neue Dimensionen an Weggetretenheit "erobern" sich Yo La Tengo in Stücken wie "Let’s Do it Wrong" oder dem entfernt an Mazzy Star erinnernden "What Chance Have I Got". Und dass die Band pro Platte mindestens ein, zwei weltmeisterliche Pop-Stücke im Angebot hat, belegen hier "For You Too" und "Polynesia #1".





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-08 16:23:41
Letzte Änderung am 2018-03-08 16:38:10



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